Es war doch nur ein Spaß

Als ich 1997 begann, ins Internet zu schreiben und da Gleichgesinnte traf, da waren „wir“, wir im Netz noch oft eine Ansammlung von Außenseitern. Erzählten wir im „Real life“ von Online, betrachtete man uns mit Interesse – da dieses Internet ja der neue heiße Scheiss sein sollte – aber meist auch mit reichlich Unverständnis.
Eine namentlich nicht näher genannte Mitbewohnerin fragte mich, als sich mein Berufswunsch entwickelte, mal verzweifelt: „Wie viele von diesen Internetseiten soll es denn geben? Meinst Du wirklich, irgendwann bestellt mal jemand seine Pizza online?“
Die Zeit hat diese damals bestimmt gerechtfertigten Fragen beantwortet.

Aber wenn etwas jahrelang eine Parallelkultur ist, dann entwickeln sich dort auch – eben: parallele Kulturen.
Und sie bleiben auch, sie sind nur nicht mehr so sichtbar: Abgesehen von wenigen Ausnahmen haben wir zwar 2018 oft das Gefühl, das Netz sei fest in der Hand der großen Netzwerke und durch und durch komerzialisiert und geregelt – aber das gilt nur für die großen Straßen des Informations-Highways. Auch abseits des viel beschworenen Darknets gibt es immer noch Sub- und alternative Kulturen – und wie in der Kohlenstoffwelt gilt: So lange RTL oder Sat1 nicht plötzlich darauf stoßen und eine reißereische Reportage ins Abendprogramm setzen, nimmt man sie nicht wahr.
Die Zeit hat sich einem speziellen, sehr konkreten Phänomen zugewandt und angenehm ruhig den Fall eines einzelnen Menschen beschrieben, der gefangen ist in dem „Ruhm“, den er in einer bestimmten Szene hat. Es ist eine tragische Geschichte, aus der es auch keinen rechten Ausweg zu geben scheint:

Das Spiel, in dessen Mittelpunkt er steht, hat im Grunde nur ein Ziel: ihn zu quälen. Am 20. August erreichte das Game ein neues Level: Zwischen 600 und 800 Menschen kamen in das 40-Seelen-Nest in Mittelfranken und feierten eine Art Party: saufen, durch den Wald zu dem Haus pilgern, grölen. Der Name der Veranstaltung: Schanzenfest.

Zeit.de: YouTuber Drachenlord: Der Drache, den das Internet heimsuchte

Habt Ihr noch eine dreiviertel Stunde mehr Zeit, könnt Ihr auch noch einmal die Reportage der ARD zum Thema „Hass ist ihr Hobby“ anschauen, die war auch recht gut. Außerdem ist Luca dabei.

Wie konnte es nur soweit kommen? Ehrlich gesagt finde ich das nicht schwer zu beantworten, wenn ich ein bisschen über den zeitlichen, medialen und moralischen Tellerrand schaue; es gibt da logische Entwicklungen.

Die eine ist: Streiche haben eine lange Geschichte. Schon als Kind las ich vom bayrischen Schriftsteller Ludwig Thoma die Lausbubengeschichten, die übrigens Mitte der sechziger auch verfilmt wurden. Inhalt: Streiche, die der junge Ludwig seinem Dorf spielt. Teilweise auch schon mal eher deftig.
Wilhelm Busch war noch davor, den Grausamkeiten in seinen lustigen Geschichtchen widmet die Wikipedia gleich einen eigenen Abschnitt.
Es folgten die Lümmelfilme und in den achtzigern schauten unsere Eltern „Verstehen Sie Spaß?“
Wikipedia beschreibt die Sendung recht treffend so: „eine Unterhaltungssendung, bei der Personen absichtlich in eine missliche Lage gebracht und dabei mit versteckter Kamera gefilmt werden“.
Die Mittdreißigerer bis Mittvierziger schauten dann Punk’d, das man vermutlich exakt so beschreiben kann. Dann zog Elton nachts um die Häuser und spielte Bimmel Bingo, dann kam Pranked und …
Was ich sagen will: Jede Generation hatte ihre Vorbilder die zeigten, dass es lustig ist, „Streiche“ zu spielen. Und einen common sense, dass man bei so etwas als Opfer auch mitmachen muss, denn sonst war und ist man eine Spaßbremse.

So weit, so stringent für mich.

Dazu kommt meiner Meinung aber noch etwas: Menschen sind sich nicht bewusst, welche Dynamik etwas annehmen kann, wenn es viele tun. Auch meine erste Reaktion auf meinen selbst konstruierten Vergleich zwischen einem „Lausbubenstreich“ und 700 gröhlenden Campern vor dem Haus ist auch: „Das ist doch etwas vollkommen anderes“.
In der Gesamtheit: Ja.
Für das Opfer: Vermutlich ja.
Für jeden einzelnen: Nö.
Der einzelne macht doch quasi gar nichts. Und die Verantwortung, dass jeder und damit auch mal selbst aufhören müsste, um das Gesamttreiben zu stoppen – die haben Menschen nicht.

Ein winziger Exkurs kann vielleicht noch beser verdeutlichen, was ich meine: Wenn wir Theater spielen, dann findet sich da meist eine Truppe von ca 15 Menschen zusammen. Soll die Probe beginnen, sammeln wir uns alle vor der Bühne und weil wir ja alle gute Laune haben und das Spaß machen soll, macht jeder noch ein Witzchen. Kein Ding, ein kleiner Spruch ist ja nichts schlimmes. Aber: 15 Sprüche mit jeweils einer halben Minute Lachen aller und wieder Ruhe einkehren lassen dauern 15 Minuten. Rechnet man ein, dass wortgewandte Menschen auf einen Spruch meist noch einen drauf setzen sind auch schnell 25 Minuten ereicht. 25 Minuten nach denen alle überrascht sind, dass wir nie pünktlich anfangen. Die eigene Verantwortung ist schwer wahrzunehmen, denn, mein Gott, EIN Witz! Exkurs Ende.

Und nun? Als alter Pädagogikhansel weiß ich, dass es zigfach schwieriger ist, ein Verhalten aus einem Menschen wieder heraus zu bekommen, als es von vorne herein erst gar nicht entstehen zu lassen.

Und schon ist die eine Stunde in der Woche, in der unsere Kinder in der Grundschule Klassenrat haben schon gar nicht mehr Tralala, wo besser Mathe gemacht werden sollte, sondern viel zu wenig.
Schon sind Spiele, in denen das Sozialverhalten geübt und gestärkt wird kein Pädagogenquatsch, sondern notwendiger denn je.

Schon brauchen wir noch viel, viel mehr Lehrer, weil gehelikopterte Prinzessinen und Prinzen nirgends eine Chance haben, ihre eigene Verantwortung in einer Gruppe zu erfahren.

Und schon merken wir schmerzhaft, dass wir selbst eine Entscheidung treffen müssen, ob wir nette Menschen sein wollen oder nicht. Wie (und ob) wir die Kassiererin begrüßen, ob wir uns mit Trinkgeld freikaufen, wenn wir die Bedienung angeschnauzt haben und auch, ob wir Twitter dazu nutzen allen zu erzählen, dass heute Morgen in der Bahn jemand irgendetwas gemacht hat, was unser müdes Hirn nicht so gut verarbeiteten konnte.

Ach, by the way: Der Nazistaat zwischen 1933 und 1945 funktionierte auch ziemlich prima damit, dass jeder einzelne kaum etwas tat und keine Verantwortung hatte.
Die „Trauerfeier“ in Chemnitz auch.
Aber das ist vermutlich eine andere Geschichte und soll ein andern Mal erzählt sein.

2 Kommentare

  1. Und was bei Deinem Beispiel aus dem Theater einfach nur nervt, wird dann im Arbeitsleben wirklich teuer, wenn z.B. Leute fünf Minuten verspätet ins Meeting kommen, wo ein Dutzend Leute mit sechsstelligen Gehältern wartet. Deren gemeinsamer Stundenlohn diese fünf Minuten umgerechnet zu einer Summe anwachsen lässt, die recht schnell recht schmerzt.
    Andererseits sind die fünf Minuten Gequatsche in der Teeküche oft produktiver als das anschließende Meeting. Es ist kompliziert.

  2. Ich glaube, in meiner Idee dazu kommt etwas wie „right time, right place“ vor. Wo man, wenn man sich etwas verantwortungsvoll benimmt ja auch erkennen kann: Halte ich hier die Gruppe auf oder ist hier (onTopic)-SmallTalk.

    Den Nebenschauplatz „Wie sinnvoll sind eigentlich Meetings und wenn nein, warum“ machen wir hier mal nicht auf …

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