6.10.2019 – Music was my first love

In den fünfziger Jahren gab ein Großteil der Bundesbürger an, ihre liebste Freizeitbeschäftigung wäre „aus dem Fenster schauen“. Wobei da noch eine sechs-Tage-Woche üblich war, Hausarbeiten noch aufwändiger waren als heute und so – zieht man noch das vermutlich dringend nötige Ausschlafen ab – deutlich weniger Freizeit vorhanden war als heute.
Die verfügbare Freizeit wurde aber immer mehr und gleichzeitig entstand langsam eine Industrie darum, eine Freizeitindustrie. Und in den Siebzigern standen zum ersten mal Medien – Lesen, Radio & Fernsehen auf Platz eins der liebsten Beschäftigungen*.

Warum ich das hier erzähle: Während ich mich so beim Digitalisieren durch meine Musiksammlung arbeite, komme ich arg ins Denken. Zuerst fiel mir auf – Plex kann Musik nach Jahren oder Jahrzehnten sortieren – dass der Großteil meiner Alben(!) aus den Neunzigern stammt. Und dass nahezu jede CD noch ein Gefühl hervorruft. Dass ich mich erinnere, wann und wo ich sie gekauft oder von wem bekommen habe. Dass ich weiß, was ich damals gemacht habe und wie meine voherrschende Stimmung zu der Zeit war.

Anfang der Zweitausender wurde es dann plötzlich einfacher, an Musik zu kommen. Aus der Zeit habe ich unfassbar viele einzelne Stücke – man hört ja davon, dass man damals MP3s einfach so im Internet fand und eventuell mag das zusammenhängen.
Aber: Je später in den „Nullerjahren“ es wird, desto weiter weg ist die Musik von mir – also emotional. Aus den ersten Jahren erinnere ich mich noch etwas, ich weiß auch, dass ich da erst noch Cassetten fürs Auto gemacht habe. Spätestens bei Musik ab 2005 – keine Ahnung mehr. Und kein Gefühl, keine Erinnerung.

Anfang der 2010er begannen dann die Musk-Streamingdienste ihre Arbeit, außerdem gab es mit iTunes Match eine Möglichkeit, die ganzen verstreuten MP3s zu taggen, sortieren und zu „quasi legalisieren“.
Ich erinnere mich, dass ich vollkommen begeistert über die neuen Möglichkeiten zuerst mal alle alten Schallplatten gesucht habe, um „alle meine Musik“ wieder verfügbar zu haben. Und dann bei geliebten Bands oder Musikerinnen auch großzügig sofort die gesamte Diskografie in die Bibliotheken aufgenommen zu haben.

Ergebnis: Gerade schaue ich das alles durch und habe vermutlich 75% davon noch nie gehört.
Sitze ich vor meinem aktuell bevorzugten Musik-Bibliothek-Verwaltungsprogramm wähle ich in 80% der Fälle irgendwas altes, irgendwas, was ich kenne und mag.
Und das geht mir in 80% der Fälle dann total schnell auf den Senkel.

Woran liegt das? Weniger Freizeit? Mehr Ablenkung? Habe ich einfach keine Zeit mehr, mich wirklich mit Musik zu beschäftigen?
Schaue ich mir an, wie viel Zeit ich gerade investiere, glaube ich das nicht.

Ist die Zeit, in der Musik mich emotional berührte vorbei?
Schaue ich mir an, wie mich Tina Dico immer wieder trifft, glaube ich das eigentlich nicht.

Ist es einfach die Musik selbst? Bin ich das, was in meiner Jugend die waren, die nur 70er-Jahre-Rock hörten? Glaube nicht, mir gefällt auch noch viel aktuelles richtig gut.

Ist es der fehlende Austausch, weil die Menschen, denen Musik wirklich genug bedeutet, um darüber fachzusimpeln verschwinden? Mein Geschmack war schon immer seltsam, das glaube ich auch nicht wirklich.

Ist es all das irgendwie zusammen?

Mal sehen – Wie issen das bei dem neuen Frezeit-Super-Dings, den Serien? Ähnlich. Die letzte TV-Serie, die ich geliebt, also wirklich geliebt und nicht nur gemocht habe war TBBT. Die begann knapp vor Netflix, wir haben da noch Staffel-DVD-Boxen im Regal stehen. Davor Friends.
Überfordert mich das Überangebot?
Wie oft lese ich auf Twitter etwas wie (sinngemäß) „Habe auf Prime und Netflix nichts gefunden und höre jetzt wieder ???“
Ich denke gerade ernsthaft darüber nach, ob es wirklich nötig ist, Netflix wieder ans Laufen zu bekommen. Ich kann eh nicht gucken, was da alles läuft.

Auf jeden Fall sortiere ich gerade Musik aus. Digitalisiere nicht alles, was im Regal steht. Kopiere nicht alles, was auf irgendeiner Festplatte liegt auf den Server.
Feels good.

I wanna be a hunter again, nicht ein Sammler.

*) Diese Statistiken hatte ich alle schon mal irgendwo gehört und jetzt schön zusammengefasst hier in diesem Word-Dokument gefunden.

Ach ja, dies ist ja ein Tagebuchblog. Ich habe heute Musik digitalisiert und sortiert. Das war schön.
Habe mich darüber selbst reflektiert. Das mag ich.
Ich bin wieder schlapper und huste mehr. Das ist nicht schön.
Werde den Tattoo-Termin absagen müssen; niemand will während einer Tattoo-Sitzung ständig überraschend husten müssen. („Ups“, spricht der Tätowierer und guckt erschrocken). Das saugt.

3 Kommentare

  1. Mir geht es mit der Musik ganz genau so! Früher konnte ich Titel, Interpret, Albumtitel und wenn es sein musste auch noch die genaue Titelliste von Alben herunterbeten. Musik gehörte zum Leben. Die richtige Musik zur rechten Zeit. Und dabei konnte ich blind in das riesige CD-Regal greifen und hatte die gesuchte CD in der Hand.

    Ich glaube, dass ich mich damals einfach anders mit Musik beschäftigt habe.
    Alleine schon, dass nicht alles sofort verfügbar war, hat schon dazu beigetragen, dass man im Vorfeld schon ganz anders mit der Musik umgegangen ist.
    Meist habe ich Alben nach ihren Covern ausgewählt, in ProMarkt, WOM oder Saturn dann Stunden zugebracht sie unter Scanner zu halten und jeden Titel mal kurz anzuspielen, bevor ich mich schweren Herzens für zwei oder drei Exemplare entscheiden musste, denn eine CD kostete damals ja so viel wie heute mein Streaming Abo im Monat.
    Zu Hause dann das Zelebrieren des Auspackens. Musik sozusagen mit allen Sinnen genießen (wobei sie das mit diesen Folien um die CDs ja nie wirklich so hingekriegt haben, dass man die einfach aufbekommt).
    Und dann war da tatsächlich auch noch die Bereitschaft vorhanden, sich mit dem Booklet auf die Couch zu legen und aufmerksam zuzuhören. Tagelang liefen dann die neu erworbenen Schmuckstücke rauf und runter, weil es ja dauerte, bis man wieder genug zusammen hatte, um sich den nächsten CD-Stapel zu leisten.
    Es ist übrigens erstaunlich, wie selten ich tatsächlich beim Kauf danebengelegen habe.

    Heute ist meine CD-Sammlung ebenfalls digitalisiert. Ich höre gerne meine „für dich“ oder die „das ist neu“ Playlist meines Streaming-Dienstes, sammle dabei einige Titel, die mir beim ersten Hinhören gut gefallen, lade mir dazu ab und an auch mal ein Album runter, aber beschäftige mich bei weitem nicht mehr so intensiv damit.

    Sorry, dass ich Dich jetzt so zugetextet habe, aber das musste einfach mal raus :).

    1. @Claudia:
      Wieso sorry, dafür ist das hier doch da? 🙂
      Aber: Genau so. Man nimmt sich weniger Zeit. Weil man weniger Zeit hat? Weil man denkt, es könnte sofort hinter dem nächsten Album das übernächste, noch besere warten? Weil der Wert eines Albums gesunken ist und man sich deswegen nicht mehr automatisch so lange damit beschäftigen muss? Alles zusammen? 🙂

  2. @jawl

    Zumindest in meinem Fall ist es wohl eine Mischung aus weniger Zeit (nehmen) – mit zwei Kindern ist es sehr oft einfach schön nur Stille um mich herum zu haben – und tatsächlich dem Gefühl, ich könnte was verpassen, wenn ich mich zu ausgiebig nur mit dem einen Album/Künstler beschäftige, denn da gibt es ja noch soooo unendlich viel mehr.
    Vielleicht ist das auch eine Art Überforderung? Wie soll ich aus der Masse das für mich richtige herausfinden? Dieses Gefühl habe ich auf jeden Fall öfter: Früher war es leichter mich für einen Künstler/ein Album zu begeistern, heute finde ich gar nichts mehr, was mich so in seinen Bann zieht wie damals das erste Album von z.B. India Arie. Hmmmmmm …

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