31.12.2020 – Jahresrückblick?

Vorsicht, das wird auch ohne Psychokram wieder mal kein Spaß.

Ja, dies ist ein Blog – sogar ein Tagebuchblog – und ich bin ein Blogger – sogar einer der dienstälteren – aber ich muss sie enttäuschen: Es wird jetzt hier keinen Jahresrückblick mit den üblichen Fragen nach Gewicht, dem besten Sex, Haarlänge oder dem Lieblingsalbum geben. Obwohl ich sogar im Februar noch auf einem Konzert war.

Ich habe da lange drüber nachgedacht und es wäre einfach, in den allgemeinen und sehr gerechtfertigten Frust über dieses Coronajahr einzustimmen.
Corona nimmt bei mir allerdings in der Top Ten der Widrigkeiten dieses Jahres nur Platz zwei ein und bei aller Offenheit, die ich hier immer wieder mit mehr oder minder großer Leichtigkeit auslebe, erzähle ich überraschenderweise nicht alles – und so wäre der geschriebene Jahresrückblick nur ein Herumlavieren oder aber schlicht gelogen. Und auf beides habe ich einfach keine Lust.

Was ich aus all dem etwas gelernt habe oder wie es mich sonstwie weiterbringt, das kann ich noch nicht sagen – also fällt auch der reflektierende Teil aus.

Um aber doch noch kurz über Platz zwei, die uns alle beschäftigende Pandemie zu sprechen – da weiß ich was ich gelernt habe: Ich habe endgültig begriffen, dass dieses Land und ich nicht zueinander passen. Die Art wie Deutschland – und dabei meine ich die Politiker, die Verwaltungsebenen, die Presse und auch den shoppenden Germanicus domesticus – damit umgegangen ist, hat es mir gezeigt.
Ich bin wirklich sehr, sehr froh über nahezu alle Menschen, die ich zu meinen Freunden oder auch „nur“ zu meinen Bekannten zähle – denn mit nahezu allen war es möglich, sich jederzeit ohne einleitende Standortbestimmung auf dem gleichen Level zu unterhalten und nahezu alle – Sie alle – benahmen sich vernünftig, glaubten der Wisenschaft und nicht der YouTube/Telegram-Uni und waren und sind bereit, ihr persönliches Verhalten anzupassen, auch wenn es uns alle furchtbar müde gemacht hat.

Erklärender Einwurf: Leider muss ich schreiben: „nahezu“, denn ich habe auch für Sie testen müssen, wie es ist, wenn jemand, den man zu den ältesten Freunden zählt, jemand, den man so lange kennt, dass man sagen könnte: Wir haben gemeinsam unser Wertegerüst aufgebaut und miteinander und aneinander entwickelt; haben zusammen den kategorischen Imperativ gelernt, begriffen und gefühlt und für unsere Werte sogar gemeinsam auf der Straße gestanden oder Repressionen erleben müssen … wenn also so jemand auf einmal das gesamte Programm an Bullshit in die Welt pustet – mit Gates und Clinton und Weltverschwörung und NWO und allem. Und jede Diskussion konsequent verweigert und sich reihenweise bewusst und mit deutlichen Worten von alten Freunden verabschiedet, weil die ja nur Schlafschafe sind.
Ich habe das also für Sie getestet und bei allem launigen Sarkasmus, den ich hier noch versuche in diese Zeilen zu gießen kann ich sagen: Sparkt überhaupt keinen joy.

Trotzdem: Es war die Ausnahme und das macht mich froh. Aber: Wir reichen nicht. Es reicht mir nicht mehr, wenn man eine kleine Gruppe von Kameraden im Geiste in einem großen Haufen Dreck ist. Mich erfreut es nicht, wenn die Lufthansa gepampert wird und die Menschen im Pflegedienst als Belohnung dafür, dass sie ja blöd genug waren nicht in die freie Wirtschaft zu gehen, mit Beifall und ein paar Keksen abgespeist werden. Das Wissen um den wahren Zustand unseres Gesundheitssystems, das ich von befreundete Ärzten und der großartigen Gruppe der Mediziner vs Covid immer wieder bekam, lässt mich nicht mehr gut schlafen. Dass die oberste Dienstherrin der Liebsten vorbei an allen Fakten und den Sorgen der ihr Anvertrauten vorbei darauf besteht, dass ich die Liebste jeden Morgen wieder ziehen lassen muss macht mich wahnsinnig. Und ich weiß, jede von uns kann diese Liste der Dinge die eine ratlos hinterlassen beliebig weiter führen.

Und alles zusammen ist mir zuviel. Ich habe dafür keine Kraft mehr und den Glauben verloren, dass ich und die paar vernünftigen, empathischen, andersdenkenden Freunde und Bekannten das ändern können.
Das war dann wohl meine Erkenntnis 2020.

Kennen Sie das Gefühl, wenn aus einer Reihe von irgendwie seltsamen, dann schlimmen, dann irgendwie nur noch mit Sarkasmus aushaltbaren Einzelfällen ein Muster wird? Wenn Sie merken: „Das Problem ist systemisch“? Wenn Sie nicht nur einzeln sehen, dass der Typ schlecht im Bett, dumm wie ein Toast, einfühlsam wie ein Stück Stacheldraht und außerdem auch noch Fan von Gladbach ist, sondern begreifen dass all diese Puzzlestücke ihn vielleicht insgesamt zur falschen Wahl macht?
Das war mein 2020.

Dann geh doch!“, höre ich die rufen, die dolz auf all das sind und ich sage: Ja, das werde ich tun. Das ist kein Plan für 2021 aber aus der Sehnsucht wurde dieses Jahr ein Muss.

Als ich gestern einen kleinen Internet-Test machte, spuckte der mir als Ergebnis auf die Frage der mir wichtigsten Werte dieses hübsche Sharepic aus:

… und ich kann mich da vollständig mit identifizieren. Ich fürchte nur inzwischen, in diesem Land ist man damit immer der gutmütige Idiot, der am Ende zwar Beifall für seine Werte und einen Keks aber sonst auch exakt nichts kriegt. Ich bin dessen sehr müde.

Ach guck, jetzt hab ich ja irgendwie doch einen Jahresrückblick geschrieben.

7 Kommentare

  1. Ich verstehe Dich so gut. Dieses Jahr hat selbst mich Optimistin an so vielem zweifeln lassen.
    Den Wunsch nach „gehen“ kann ich gut nachvollziehen. Doch ich frage mich wohin.

    1. Ich hab ja ein Sehnsuchtsland und ich hab mir das auch durchaus auch schon auf andere Tauglichkeiten neben der Ostsee rechts und der Nordsee links angeschaut.

  2. Machen Sie es! Wenn nicht 2021, dann später. Ich habe 16 Jahre im Ausland gelebt, was nicht immer nur positiv war. Aber um nichts in der Welt möchte ich die Erfahrung und Horizonterweiterung in meinem Leben missen. Ein gutes 2021!

    1. Zu glauben, dass das Leben irgendwo immer nur positiv ist, in die Falle würde ich auch nicht laufen.
      Aber das Grundgefühl …
      Wie gesagt: Aus Sehnsucht wurde schon etwas festeres in den letzten Monaten. Da müssen nur noch ein *paar* Dinge organisiert werden …

  3. Falls das irgendwie was ausmacht: ich mag gutmütige Idioten. Womöglich, weil ich auch in der Gruppe stehe. Aber ich hab Kekse, willste einen?

    Ich konnte mich bei den Werten nicht entscheiden. Wie soll ich denn bitte Toleranz und Respekt gegeneinander antreten lassen und was soll da gewinnen? Oder Ehrlichkeit gegen Hilfsbereitschaft? Alleine schon nur 12 aus dem Haufen zu picken, war schwer genug. Also hab ich es sein lassen und beschlossen, einfach alle zu leben, die ich für wichtig und machbar halte. Deine drei sind auch dabei.

    Ich wünsch dir sehr, dass der nicht schreibbare Mist irgendwann bald aufhört. <3

  4. Ambiguitätstoleranz ist aktuell der Wert, an dem ich mich am meisten – ja, was? Reibe? Abarbeite? Mit dem ich am meisten zu tun habe? Der mir jedenfalls doch immer wieder vor die Füße fällt und offenbar angeguckt werden will.

    Und wenn ich’s recht bedenke, bedingt das Erlangen derselben eine ganze Menge Orientierung an all‘ den anderen Werten, die mir wichtig sind.

    Bloggistan ist dafür immerhin sowas wie Schwimmtraining auf dem Trockenen.

    Alles Liebe und Gute für 2021!

Kommentare sind geschlossen.

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