25.12.2020 – Urlaub 9

Ham wa das auch wieder geschafft. Ich weiß, Sie hören das vielleicht ebenso ungern wie ein old white man den Vorwurf gegen seinen SUV, aber Weihnachten ist eben nicht für alle Friede, Freude, Lebkuchen. Aber trotz einiger widriger Umstände haben wir den Tag ok rumgekriegt. So gegen halb fünf standen wir zB unter dem Fernmeldeturm Schwerte und das mag für Sie alle sehr seltsam anmuten aber es war exakt das, wo wir um halb fünf an Heiligabend 2020 sein wollten.“

… so schrieb ich – zusammen mit einem hübschen Foto von Enten im nebeligen Teich – am Morgen des ersten Weihnachtstages in dieses kleine Textfeld im WordPress und irgendwie war das schon richtig, aber irgendwie auch gar nicht. Und deswegen schrieb ich wohl auch ein paar Tage nicht weiter.

Ein großes Talent fast aller Menschen mit irgendwelchen psychischen Issues ist es, nach außen gut gelaunt zu scheinen, wenn es ihnen nicht gut geht. Fröhliche Sätze zu sagen, sich um andere zu kümmern, sogar Witze zu machen. Wenn überhaupt nur in Andeutungen über das eigene Befinden zu sprechen und die aber auch sofort wieder zu relativieren.
Und das ist nicht gut.
Aber diese paar folgenden Zeilen fallen mir unfassbar schwer – vollkommen egal, ob ich im Sommer noch fröhlich mit Vanessa darüber plauderte oder nicht. Denn damals gings mir gerade gut, heute nicht – das ist der Unterschied.

Also: Wenn Sie keine Lust auf meine Befindlichkeiten haben, überspringen Sie einfach diesen nächsten Absatz.

Ich fasse mal zusammen: Da ich mich erinnert habe (ja, die Erinnerung war vor Ende November vollkommen raus aus meinem Kopf), dass die Weihnachtstage für mich lange Jahre in meinem Leben die waren an denen ich am meisten gedemütigt und verletzt wurde, waren die Tage dieses Jahr dann – auf eine andere Art und Weise – die schlimmsten seit Jahren. Denn ich bin traurig über das Erinnerte und Erlebte, tief, tiefst traurig. Ich hätte es unvorstellbar gefunden, aber die Trauer nach dem Tod der geliebten Katz war ein Spaziergang am See im Vergleich. Und obwohl wir beschlossen hatten, dieses Fest in unserem Handeln wirklich komplett zu ignorieren (kein Baum, keine Deko, kein besonderes Essen, …), triggerte mich jede Erwähnung, dass ich doch gerade mal fröhlich und familiär sein solle – und etwas anderes zu sagen scheint zumindest in der Öffentlichkeit an diesen Tagen kaum erlaubt. Täglich mehrfach, immer und immer wieder also Trigger. Dass ich zusätzlich ohne es zu merken versuchte, in einen funktionalen Modus zu kommen – siehe zB begonnener Blogartikel – machte nichts besser, sondern erzeugte puren Stress und damit Panik.

Worüber ich – und damit auch wieder weg von den Befindlichkeiten – viel nachgedacht habe: Wie krass wir dieses Fest mit höchster Wichtigkeit versehen haben – und da stellen sich mir schon ein paar Fragen, so in einem Land mit Trennung von Staat und Kirche. Weihnachten darf sogar mehrere Tage ein ganzes Land ausschalten – etwas was btw nicht sein „darf“, wenn es „nur“ darum geht, Menschenleben zu retten.
Und glauben Sie mir, wenn man versucht, Weihnachten zu vermeiden – also nicht nur zu ignorieren, sondern zu vermeiden, dann kann man in etwa Mitte Oktober aufhören einzukaufen und etwa ab Mitte November aufhören, das Haus zu verlassen oder Fernsehen und Radio einzuschalten. Es geht de fakto nicht.

Zum Glück sind die Dinge selten nur schlecht, manchmal sind sie auch einfach nur schlecht und so gibt es ein paar gute Dinge aus der letzten Woche zu berichten und die will ich nicht vergessen – nicht nur um etwas zu schreiben zu haben, sondern weil ich sie nicht vergessen will:

Sie erinnern sich vielleicht, dass ich lange Monate in der Sorge und dem Ärger darum lebte, dass nicht anzusehen war, ob und wann und vor allem wie viel ich von der Anfang des Jahres vom Land überwiesenen Soforthilfe würde zurückzahlen müssen? Für mich ist das Thema jetzt abgeschlossen – ich habe mal wieder ein Formular ausgefüllt und eine Restsumme errechnet und die dann ans Land zurücküberwiesen. Das ist erstens eine Last weniger auf den Schultern und zweitens entsprach meine Vorstellung davon, was denn das mindeste an Hilfe sein müsste, um den Namen überhaupt zu verdienen, auch dem, was ich behalten durfte. Das finde ich wirklich sehr, sehr gut. Natürlich hatte ich nicht den Anspruch, daran reich zu werden oder „danach“ einen netten extra Urlaub zu haben, aber so sind die Wochen, in denen hier exakt nichts zu tun war, gedeckt.

Sehr amüsiert habe ich mich über Bilder von Nachrichten von Ärzten, die darum baten, man möge ihre „Atteste gegen das Tragen von Masken“ nicht mehr benutzen, da sie Anzeigen bekommen hätten.
Und beruhigt hat es mich. Ja, wir sind alle ganz furchtbar daran gewöhnt, das alles immer supi schnell geht, mindestens so schnell wie eine hingerotzte @-reply auf Twitter, aber ich halte es durchaus manchmal für ein Zeichen von Qualität unserer Demokratie, dass sie langsamer arbeitet.

Als wir noch dachten, Weihnachten könnte so statt finden wie immer, hatten wir uns beide um Geschenke für die jeweils andere gekümmert und so verbrachte ich zwei Tage mit dem Zusammenstecken von Legoteilen und das war in mehrfacher Hinsicht auch wirklich gut. Ich machte sogar ein Poserfoto zum Schluss*

*) Ich machte außerdem auch ca 120 Fotos vom diversen Zwischenzuständen, weil ich mal ausprobieren wollte, ob man mit den Hausmitteln eines Haushaltes mit Adobe-Abo etwas Stop-Motion-mäßiges hinbekommen. Und lernte dabei viel – auch, nein: gerade weil das Ergebnis sehr mäßig war.

Als der Wagen fertig war, forderte die Liebste ein, sie wolle dann jetzt auch einmal Fast & Furious sehen und das war vielleicht keine so gute Entscheidung: der Film ist wirklich übel. Man kann ihn aber – wir haben das für sie getestet – ganz gut anschauen, wenn man zum einen jedes Wort einer Frau möglichst lautstark bejubelt und berechnet, wie viele Prozent jetzt zum Erfüllung der Bechdel-Test-Kriterien noch fehlen und zum anderen alles – ebenfalls möglichst ironisch – unter einer beliebigen cineastischen Prämisse anschaut und kommentiert. Wir wählten „moderne Interpretation der Leiden des jungen Werther“ und „radikale Neuverfilmung des neuen Testaments

Deutlich besser war der Mandalorian, den wir guckten (Disney+; großer Spaß, imho fast Teil 4-6-Qualitäten) – ebenso wie natürlich das Traumschiff (ZDF live; Trash-Gründe aber mit einer fast schon eine komplexen Geschichte mit Gesellschaftskritik), aus Jugend-Erinnerungs-ebenfalls-Trash-Gründen Patrik Pacard (ZDF-Mediathek; übel, übel, furchtbare Dialoge, logische und Anschlussfehler ohne Ende). Auch Binge reloaded, der logische Nachfolger von Switch und Switch reloaded (Prime) sowie Stan und Laurel, die komische Liebesgeschichte von »Dick und Doof« (Arte) unterhielten uns bestens.

Gelesen habe ich weiter in Lutger Bregmanns „Im Grunde Gut“. Ja, immer noch, ich lese zwar sehr schnell, aber auch sehr selten. Immer noch ein sehr gutes Buch, wenn man gerade den Glauben an alles verlieren möchte.

Und jetzt freuen wir uns vor, denn gestern kam die E-Mail, dass unser nicht-schwedisches Regal fertig wäre und an den Logistiker übergeben würde. Was mir sehr positiv auffiel: Ich sollte doch bitte noch kurz die Anliefer-Situation bei uns aufschreiben, damit die Leute, die den LKW fahren und das Zeug tragen müssen wissen, was sie erwartet.
Das fand ich gut.

Lustig fand ich hingegen mich selbst als ich mir dabei zuschaute, wie ich drei Tage auf die Bestellung eines neuen Verstärkers wartete – denn schließlich war ja Weihnachten und die Läden waren ja zu. Da kann man doch nicht einkaufen gehen.
Echt jetzt – da haben wir uns endlich abgewöhnt, bis um 20:15 Uhr zu warten, wenn wir Netflix gucken wollen und dann sowas. Alte Gewohnheiten: stark sie sind – ich sags Ihnen.

Und last aber wirklich das exakte Gegenteil von least: Danke für Nachrichten, Karten, Aufmerksamkeiten. Die haben mir mehr als alles andere bedeutet, dieses Jahr.

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