21.12.2018 – #prosperhaniel #lichtbeidernacht

Als meine Eltern mit mir damals in das Dorf zogen, da wusste ich noch nicht, dass ich in der Nähe des Ruhrgebiets lebte. Aber ich lernte es bald.
Der Vater meines besten Freundes leitete in Hattingen eine Firma, die aus Stahl irgendetwas anderes aus Stahl machte. Heißmachen, formen, abkühlen lassen, verkaufen – ganz grob gesprochen. Vermutlich traf diese furchtbar allgemeine Beschreibung auf 90% der Stahlverarbeitung im „Ruhrpott” zu.

Die nächste große Stadt, in die man von uns aus fahren konnte, war Dortmund. Von da an gings quasi übergangslos nach Bochum, Gelsenkirchen, Essen, Mülheim bis zum Rhein nach Duisburg – alle fein aufgereiht am Ruhrschnellweg zwischen den Flüssen Ruhr und Emscher. Wenn wir nach Bochum wollten, um da in einem der damals bekannteren Läden für Musiker rumzuhängen, dann fuhren wir morgens mit seinem Vater bis Hattingen, lungerten in der Fabrik rum, fuhren dann mit Bus oder Bahn nach Bochum rein. Es roch damals noch nach Stahl, nach Staub, nach Kohle und Fabrik.

Der Geruch ist heute noch gut.

Bevor sie richtig tief nach der Kohle graben konnten, gab es kein Ruhrgebiet. Das war zum Ende des 18. Jahrhunderts und es gab viele kleine Ortschaften und Örtchen – ähnlich verstreut wie heute noch weiter östlich in der Soester Börde. Glaubt mir, da ist nicht viel los. Kohle wurde – wenn überhaupt – hauptsächlich an der Oberfläche gefördert.
Im Jahr 1800 hatte Bochum zum Beispiel nur ca 2.200 Einwohner, 1905 waren es 117.000. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte man begonnen, industriell nach der Kohle zu graben; innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden hunderte von Zechen. Es sollten mehr als 3.000 werden.
Ohne das Ruhrgebiet wäre Deutschland ein anderes Land.

Als ich zu Beginn der 90er zum Studieren nach Dortmund ging, da brannte abends noch die Hörder Fackel. Sie gehörte zum Stahlwerk Phoenix West, einem der größten Stahlwerke im Pott und erleuchtete von Osten aus die Stadt. Andere hatten Abendrot, Dortmund die Fackel.
Ende der 90er wurde das Werk still gelegt, 2004 die Fackel gesprengt. Seit Beginn der 2000er hatten chinesische Unternehmen das Werk teilweise abgebaut und mitgenommen. Heute findet man an der Stelle den Phoenixsee, einen künstlich angelegten See, der auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik liegt und drumherum eine Menge Platz für teures Wohen bietet. Strukturwandel live. Seit Beginn des Umbaus sind wir regelmäßig da – erst zum Gucken, dann zum Spazieren und Sushi-Essen.

Der Pott damals war dreckig und er war gefährlich. Die Hausfrauen wussten am Geräusch der nächsten Fabriken, wann sie die weiße Wäsche von der Leine holen mussten und der Staub sammelte sich natürlich nicht nur auf der Wäsche, sondern auch in den Lungen derer, die die Kohle hoch holten.
Und auch sonst: Die Arbeit unter Tage war natürlich gefährlich, beim Abbau entstehen Gase, die Tunnel können einstürzen, der Berg wehrt sich und forderte seine Opfer. Die Arbeiter schweisst das zusammen.
Wenn man heute davon spricht, dass die Leute im Pott hart arbeiten können, dass sie die schätzen, die auch arbeiten können und vor allem, dass man sich auf sie verlassen kann – dann meint man die Kumpel unter Tage. In den Hochzeiten gab es keine familie, in denen nicht mindestens einer der Männer im Pütt arbeitete. Meist eher alle.
Aber weil das Ruhrgebiet viel zu schnell wuchs, war man zusätzlich noch auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Ob „malochen“ oder „Mottek“, ob „pickobello“ oder „mit Karacho“ – die Ruhrgebietssprache verrät die vielen fremdsprachlichen Einflüsse. „Bei uns wirsse integriert“, sagte man dazu ganz simpel.
Überhaupt ist man dort rauh, aber herzlich. „Sachma, bin ich Dir nichma mehr’n »Na, Du Arschloch« wert?“ hat einer der Ruhpott-Poeten es mal zusammen gefasst.

Ich kann gut auf die Leute da. Ich fühl mich da zu Hause, auch wenn ich gar nicht wirklich da wech komme.

Heute ist das Ruhrgebiet vieles: Immer noch wild im Strukturwandel. Grüner als alle glauben und als es vor 50 Jahren jemand sich hätte vorstellen können. Kultureller Schmelztiegel mit Theater, Oper, Musical, Museen, Jazz, Rock, Pop. Schauspielhaus Bochum, Jazz-Festival Moers, dem Bermuda-Dreieck und Starlight Express. Das Gasometer, Zeche Zollverein. Überhaupt: Es ist ein großes Industrie-Museum, Bildungs-Zentrum mit vielen großen Unis, Technologie-Standort. Stolzer Fußball, ständiger Verkehrsinfarkt. Wenn wir etwas unternehmen wollen, dann fahren wir – seit wir 18 sind – auf die B1 und dann gucken wir mal. Passt schon.
Vor zwei Jahren haben wie die Sommerferien damit verbracht, die ganzen Industrie-Museen und mit ihnen den Weg von Kohle, Koks und Stahl zu besuchen. Irgendwann mitten drin hab ich begriffen, dass das da alles am ehesten das ist, was ich Heimat nennen könnte.
Ich kann echt gut auf die Leute da

Bei aller Romantik: Natürlich ist Kohle-Gewinnung und -verarbeitung eine ziemliche Umweltkatastrophe. Der Bergbau hat Schäden hinterlassen, die vom zuständigen Ruhrverband in trockenem Realismus als „Ewigkeitsaufgabe” bezeichnet wird: Das Grundwasser muss für immer und ewig aus den alten Stollen abgepumpt werden, das ganze Gebiet ist schon mehrere Meter abgesunken und bricht immer mal wieder da oder dort ein. So schnell wie die Zechen und Stollen damals irgendwann mal wuchsen, weiß heute niemand genau, wo alles Tunnel und Schächte sind und in welchem Zustand sie sich befinden.
Und dass sich im Krieg die Kohle- und Stahlbarone daran gesund stießen, dass alleine sie die kriegswichtigen Waffen in großen Mengen und legendär guter Kruppstahl-Qualität liefern konnten – auch ein Teil der Geschichte.

Alles also sehr divers zu betrachten, wie es heute so schön heißt. Der Bergbau wurde schon seit vielen Dekaden subventionert, weil das Gebiet eben so wichtig und prägend für NRW und auch für Deutschland war. Rentabel war das alles schon lange nicht mehr, in anderen Ländern liegt Kohle dichter unter der Oberfläche. Dafür hatten die Zechen im Pott die höchsten Sicherheitsstandards weltweit. Hat man sich erkämpft – auch das ein Teil des Ruhrgebietsstolzes. So wie die legendären Sreiks, als das Zechensterben begann.

Heute wird in der letzten Zeche – in Prosper Haniel in Bottrop – die letzte symbolische Fuhre Kohle hochgeholt. Danach ist das Ruhrgebiet, wie ich es noch kannte, Geschichte.
Ich verdrücke mir ein paar Tränen. Ein Stück auch meiner Geschichte ist zu Ende.

Geliebter Pott, Du machst das schon. Hast Du ja schon immer gemacht. Glück auf, der Steiger kommt.

4 Kommentare

  1. Und da sitz ich hier, hab Wasser in den Augen und weiss nicht was ich sagen soll. Danke, Christian. Glück auf, geliebter Pott! Es bleibt anders.

  2. Mir flog Anfang der 90er eine Brieffreundin aus Velbert zu, da gab es irgendwann auch mal eine Einladung zu ihr. Bis dahin hatten sich die Bilder über einen grauen, tristen Pott schon ins Gehirn gefressen. Und dann die Überraschung: Velbert selbst und alles drumherum war knallegrün! Essen war gar nicht so trist, sondern optisch gut erträglich. (Da waren wir für einen schnellen Ausflug, damit ich auch etwas mehr zu sehen bekomme, als nur die Begrünung.) Also ja, der Pott hat sich ganz schön gemausert. Und das schon vor einiger Zeit.

  3. Am Rande des Pottes in Kamp-Lintfort geboren und groß geworden, tausendmal mit dem Fahrrad an der Zeche „Frietzen-Henn@ (Friedrich Heinrich) vorbeigefahren, weckt diese Schilderung ganz viele Erinnerungen und spült längst vergessene Emotionen hoch. Danke.

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