18.9.2020 – hoch die Hände

Die Nacht war ein bisschen davon bestimmt, dass der linke Arm rund um den Impf-Einstich schon ein bisschen schmerzt. Nicht so angenehm, wenn man sich drauflegt. Aber nun. ¯ \_(ツ)_/¯
Und ich überlege: Ist da auch etwas, was Impfgegnerinnen bemängeln? Dass Schatzi dann mal zwei Tage der Arm weht tut? Ist natürlich viel schlimmer als die Chance auf Nasennebenhöhlen-, Mittelohr- oder Lungenentzündungen.
Ist das so?

Vormittags mit einem Freund telefoniert. Irgendwo mittendrin stellte ich eine These [worüber tut nichts zur Sache] auf und er sagte (sinngemäß): „Nee, das glaube ich nicht, es ist doch eigentlich eher so dass [unwichtig] und wenn wir sehen, dass … hm, andererseits ist es ja schon dass und … hm, klingt nicht dumm, da kann ich mal drüber nachdenken
Vermutlich hat ers gar nicht gemerkt, aber Twitter-Diskussionsversaut wie ich nun mal bin, war ich vollkommen baff über die Möglichkeit, dass sich jemand eine Meinung mal ansehen will und nicht nur dagegen pöbelthält.
Das war seltsam. Das war toll. Das war traurig.

So über den Tag dehnte sich der Schmerz aus dem Oberarm in jedes einzelne Gelenk aus, mir wurde kalt und warm und zwar am liebsten gleichzeitig und hiermit vermelde ich stolz die versprochenen Grippe-ähnlichen Symptome.
Biberkacke. Aber nun.


So sorry, ich muss noch einmal auf den Podcast und auf das was ich gestern schrieb kommen. One last time. Denn gestern stieß ich beim Scroll durch Instagram auf diese dreiteilige Anzeige:

Und ich musste leider etwas aufstoßen.

Launige, simpel gezeichnete Figürchen, klare Aussagen: „Mach doch was Gutes draus!“ – das ist für jemanden wie mich einfach Dreck. Dreck, über den ich sonst achselzuckend weggehe zum Glück, aber wir sind ja alle hier, um etwas zu lernen, nicht wahr?

Die Aussage scheint simpel: Wenn es Dir nicht gut geht, dann mach doch was positives raus. Komm’, hier ist ’ne App, dann geht das schon.

Erstens: Ich habe über den Daumen 70 Stunden Verhaltenstherapie hinter mir, in denen wir nach Skills und Tricks gesucht haben, die für mich funktionieren. Die ich so in meinem Kopf verankern kann, dass ich sie oft abrufen kann. Diese Stunden fanden statt in einer Umgebung, der ich vertraute und wo jemand war, die mich auffangen konnte. Das ist kein Job für eine App und launige Selbstversuche.

Zweitens: Die Konnotation ist: Wenn man das mit ’ner App selbst hinkriegen kann, dann haben die, die immer noch Depressionen, Angst oder sogar einfach mal nur schlechte Laune haben, wohl einfach nur nicht die richtige App. Oder nicht genug Willen, sie zu nutzen.
Und das – ich versichere es Ihnen – ist einfach nicht so.
Das ist, als ob Sie jemand mit gebrochenem Bein vorwerfen, er habe einfach nicht genug gute Gedanken für den Stadionrun.
Und: Muss man denn immer gute Laune haben? manchmal gibt es Gründe für schlchte Laune und die immer, immer, immer zu verdrängen ist garantiert nicht gesund.

Aber das ist drittens – und ich begebe mich jetzt hier vielleicht auf etwas dünnes Eis – natürlich auch ganz praktisch in einer neoliberalen Gesellschaft. Endet nämlich irgendwann in der Auffassung: „Bist Du zu schwach, dann haste Dir halt nicht genug Mühe gegeben.
Und das ist zwar höchstpraktisch für alle, die dadurch zB aus der Verantwortung kommen, ein lebenswertes Umfeld zu schaffen (Politikerinnen, Arbeitgeberinnen, …) aber mehr auch nicht. Eigentlich ist das größtmöglicher Dreck.
Wie immer, wenn sich jemand mit „Selbst Schuld“ auf den Lippen abwendet.

Kommen wir zum Beifang aus dem Internet

Tja, was stimmt mit den Schwachen nicht. Geben Sie sich nicht genug Mühe? Gerade gelernt: Nein.
Nächste Frage: Was stimmt nicht mit den Armen? Ist es ein Persönlichkeitsmerkmal, arm zu sein? Ein Charakterfehler? (nein, das sage nicht ich, das sagte Margaret Thatcher). Nehmen Sie sich 15 Minuten und schauen diesen TED-Talk. Der ist überraschend interessant:


Noch eine Gruppe, die wir gerne als „schwach“ einstufen und die wir deswegen ganz großzügig mit extra eigenen Arbeitstellen ausstatten: Menschen mit Behinderungen. Wir nennen es „Charity“ oder „sich kümmern“ und wir kaufen uns damit frei.
Diese Arbeitsstellen heißen Werkstätten und sind nicht ganz unproblematisch:

Werkstattbeschäftigte – jene Menschen mit Behinderungen, die in den Behindertenwerkstätten arbeiten – verfügen über keinen Arbeitsvertrag oder gar Tarifvertrag. Sie verdienen weit unter dem Mindestlohn (ca. 1,35 Euro die Stunde). Da sie damit ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, sind sie auf staatliche Hilfe in Form einer Grundsicherung angewiesen. […] werden sie nicht durch die Gewerkschaften und Arbeitnehmerinnen-Vertretungen repräsentiert. Außerdem können die Beschäftigten keinen Betriebsrat bilden. […] In dieser Sonderarbeitswelt herrschen also Zustände, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht denkbar wären.
[…]
Die Behindertenwerkstätten haben zwei gesetzliche Aufträge, die sich in vielen Aspekten widersprechen. Einerseits sollen Behindertenwerkstätten Menschen mit Behinderungen individuell fördern und qualifizieren, sie beruflich rehabilitieren und sie in eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vermitteln. Andererseits sind die Werkstätten dazu verpflichtet, wirtschaftlich zu arbeiten, um zu überleben. Dieser Spagat gelingt nicht

Wie das System der Behindertenwerkstätten Inklusion verhindert und niemand etwas daran ändert

(Via Kaltmamsell)

Und dann war da noch ein ganz interessanter Artikel auf welt.de über rechte Ideologie auf Instagram, die gerade auf Mütter zielt – gerade auch die, die sich der sog. Bindungsorientierten Elternschaft verschrieben haben. Leider habe ich alle Springer-Medien in meinem Router geblockt, aber Sie finden das sicher selbst wenn es Sie interessiert.

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1 Kommentar

  1. ,,Wenn Dir das Leben nur Zitronen gibt, dann schmeiß‘ sie ihm an den Kopp — aber feste!!“

    (ich)

    Manchmal sind Zitronen auch einfach nur sauer … weswegen ich Deinen Ärger über solche Apps sehr gut nachvollziehen kann.

Kommentare sind geschlossen.

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