17.9.2020 – Covid sux und ich habe nach-nachgedacht

Gestern Abend hatten wir erst – wie üblich am Bad-Taste-Mittwoch – ins Sommerhaus der Stars reingeguckt, um dann später zu arte in den Live-Stream zu wechseln. Ja wirklich, wir stehen auf so Gegensätze.
Dort auf arte wurde nämlich gestern das Reeperbahn-Festival gestreamt und gestern Abend um viertel vor zehn spielte Tina Dico dort. Vor einem sehr leeren Haus. Und wir schauten zu.

Und das war … sehr viel auf einmal.

Also, dass ich ihre Musik liebe – das haben Sie mitbekommen in den letzten Jahren. Dass Tina am besten immer live ist, auch das habe ich bestimmt schon mal erwähnt. Soweit die Punkte auf der positiven Seite.
Dann aber: Tina hat wie alle anderen auch jetzt seit sechs Monaten keine Auftritte mehr gehabt und die, die jetzt möglich sind, die können nur unter strengen Auflagen statt finden. Also spielte sie – nicht wie sonst – vor ausverkaufter Hütte, sondern vor einem sehr leeren Theater, das sie zwischendurch immer wieder erinnern musste, nicht zu enthusiastisch zu werden. Das war traurig.
Sie selbst schien davon, endlich mal wieder aufzutreten auch ziemlich ergriffen, sie war nachdenklich in Songauswahl und auch der Art wie sie die Sachen sang.

Wie das so ist mit diesen Künstlerinnen: Schauen Sie sich das ruhig an, das war eines der intensiveren Konzerte.

Und dann fiel mir auf: Das war dann gestern das erste Mal in fast einer Dekade, dass sie in Deutschland war und ich nicht da. Ohne #dieaktuellesituation wäre ich gestern Abend garantiert in Hamburg gewesen und hätte vermutlich später auch noch ein nettes Glas Wein getrunken und über Gott und die Welt geplaudert.

Und über all dieses Emotionschaos erwischte mich dieser ganze Coronadreck so richtig mit Wucht und ich bin ja gerne immer vernünftig und vorbildlich und bleibe zu Hause und treffe niemanden und alles – aber manchmal ist es eben auch nur ein einziger großer Dreck und Gott, wie ich Livemusik vermisse. Was wäre ich gerne gestern da gewesen.


Heute Morgen hat mir Frau Doktor rechts ins Gesäß die letzte Portion Vitamine und links in den Oberarm eine Pneumokokken-Impfe gerammt und mit mir den Termin für Oktober für die Grippe-Impfe abgemacht. Feels good.

Dann eingekauft, dann Kleinkram am Schreibtisch. Es gab da ein Problem mit einem WordPress-Blog und wir dachten erst, ein neu installiertes PlugIn hätte etwas kaputt gemacht. Ich erklärte diese Abhängigkeiten ja schon einmal ausführlich.
Zum Glück habe ich inzwischen eine gewisse Routine darin, ein paar Dinge nacheinander auszuprobieren, dass ich den Fehler dann einigermaßen schnell finden konnte.
Hoffe ich.

Mittags trafen die Liebste und ich uns in der Stadt auf einen Kaffee. Die hatte nämlich Mittagspause und ich konnte dabei gleich meine Beobachtungen „Wie sind Wespen eigentlich so drauf?“ fortsetzen. Heute: Wespe war in den Milchshake-Schaum gefallen; ich rettete sie mit dem Strohhalm und was tut das Tier? Der Fress-Instinkt ist so stark, dass die vorne weiter trank, während sie hinten versuchte, den klebrigen Schaum loszuwerden. Faszinierend.

Nachmittags machte ich mir ein paar Gedanken darüber, ob ich für manche Leistungen nicht mal pauschale Preismodelle entwickeln könnte; gerade bei Blogs sollte das möglich sein. Sie möchten nicht zufällig gerade ein eigenes Blog haben und brauchen ein bisschen Hilfe? Dann kommen Sie bald wieder, ich bereite da mal was vor.

Und weils heute Mittag so schön war, fuhren nach dem Feierabend gleich nochmal wohin. Lecker essen. So lange es noch draußen geht.


Aber was anderes: Vorgestern hatte ich ja erwähnt, dass ich mir den Podcast selbst auch erst noch einmal anhören musste. Wie soll ich denn auch wissen, was ich gesagt habe, bevor ich es höre?
Und da fiel mir auf, dass es noch ein Thema gibt, dass mir in dem Zusammenhang auch sehr am Herzen liegt.

Recht weit zu Beginn der Stunde erzähle ich, dass mir „Atmen“ hilft, wenn ich in Richtung einer Panikattacke unterwegs oder drin bin. Ich wünschte, ich wäre etwas präziser gewesen, denn: es handelt sich um eine spezielle Atemtechnik, die ich gelernt habe.
Aber: Es ist meine Atemtechnik, ich weiß nicht, ob sie allgemeingültig funktioniert. In einem Hollywoodfilm hab ich zwar mal gehört, sie sei bei CIA-Agenten verbreitet, die damit Ruhe bewahren, wenn ihnen die Kugeln um die Ohren fliegen, aber hey – Hollywood.

Atmen alleine ist bestimmt schon auch nicht schlecht, denn eine der körperlichen Reaktionen ist Enge im Brustkorb, der man mit einer ruhigen tiefen Bauchatmung entgegenwirken kann, aber ich kenne eben noch einen Trick, der mir oft hilft.
Aber es ist eben mein Trick. Nicht, weil ich ihn anderen nicht gönne, nicht weil er für andere nicht vermutlich auch funktioniert – sondern weil ich ihn an einem Punkt der Therapie gelernt habe, als ich ihn auch mit Inhalt füllen konnte. Als ich bereit dafür war. Als ich eine Verbindung dazu herstellen konnte.
Vielleicht ist es sogar gar nicht das Atmen, was mir hilft, vielleicht ist das Atmen nur ein Trigger der mich an eine besonders gute Seelenmassage erinnert, an das gute Gefühl einen Raum zu haben, in dem das alles Platz hat und ich safe bin. Vielleicht ist es beides. Aber es ist meine Erfahrung, mein Mindset.
Ich habe mir das alles erarbeitet. Die Atemtechniken, die Meditation, die lockere Einstellung von der ich erzähle. Die Selbstbeobachtung, die Reflektion – das alles ist meine persönliche Kombi an die ich mich im Zweifelsfall erinnern muss, sie abrufen muss und sie in dem doofen Moment an der Supermarktkasse wieder mit Leben füllen muss.
Es sind nicht allein die Tricks, die Skills selbst – es ist, dass ich sie abrufbar habe und mit mir in Verbindung setzen, sie mit Inhalt füllen kann.

Und – lange Vorrede – deswegen bitte ich Sie alle sehr um etwas: Fragen Sie keinen Menschen, der gerade panikt, ob er nicht einmal „einfach tief atmen“ will, Sie hätten gelesen, das helfe.
Schlagen Sie keinem depressiven Menschen vor, ob er nicht mal spazieren gehen möchte, das Wetter sei so schön und Licht helfe doch.
Und vor allem nicht, wenn Sie denjenigen nicht wirklich super gut kennen.

„Wir“ kennen diese Tricks meist sehr gut. Aber sie funktionieren halt nicht immer. Wie alles an uns Menschen eben manchmal besser und manchmal schlechter klappt. Oder weil „wir“ sie noch nicht gelernt haben und sie nicht mit Inhalt füllen.

Wenn Sie helfen wollen: Signalisieren Sie, dass Sie da sind und halten Sie den Mund. Oder fragen sie vorsichtig, ob Sie etwas tun können. Aber schweigend dabei sein ist fast nie verkehrt.

Ausnahme natürlich: Die- oder derjenige hat Sie um etwas anderes gebeten.
Ich habe zum Beispiel einen Deal mit der Liebsten, dass es eine mögliche Situation gibt, wo sie mich wirklich heftig anschreien soll.

Sie sind klug, Sie haben verstanden, dass ich damit nicht dazu aufrufe, Menschen in Panikattacken anzuschreien, nicht wahr?

Sie finden Tagebuchbloggen der alten Schule gut?
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6 Kommentare

  1. Atmen – mein gut gemeinter »Lieblingstipp«, ich mein, also Yogalehrerin müsste ich das doch drauf haben? Nein? (Nein.)

    Ich finde gut, dass Du betonst, dass uns (ich sach jetzt mal uns) so einfache Tipps, so nett sie gemeint sind, nicht helfen. Sie sind vielmehr ungemein verletzend, eben weil es das Gegenteil von einfach ist, im richtigen Moment die passenden Skills auszupacken, während alles in dir Flucht und Überleben und Zusammenbruch ist, und sowas simples wie Ausatmen plötzlich einfach nicht geht.

  2. Ich habe den Podcast gehört, in Teilen. Mit Interesse. An mir selbst habe ich einmal etwas festgestellt, was mir inhaltlich sehr beim Verstehen von diffusen Ängsten und Traumatisierungen geholfen hat. Vielleicht nützt es anderen? Ihr Einverständnis vorausgesetzt, möchte ich das einmal darlegen.

    Es kann noch so gemütlich und entspannt sein gerade, verlässt ein Gesprächspartner den Raum und hantiert nebenan in der Küche, zieht womöglich dort hörbar eine Schublade auf, gerate ich in Unruhe.

    Es hat Jahre gedauert, bis ich den geradezu unübersehbaren Zusammenhang verstand – bis dahin führte mein Stressgefühl oft dazu, demjenigen hinterher zu laufen und offen oder subtil zu überprüfen, ob er plötzlich sauer auf mich geworden sei?!

    Ich weiß nicht mehr, wie es kam – irgendwann sah ich es glasklar: Der Trigger war das Geräusch der aufgezogenen Küchenschublade, das in meiner frühen Kindheit besagte, dass meine Mutter nun mit dem Kochlöffel zurück gestürmt kommt und mir wie angekündigt damit meinen nackten kleinen Hintern verprügelt.

    Mein traumatisiertes Hirn hatte sorgfältig das Angst auslösende Geräusch getrennt von der darauf folgenden fürchterlichen Aktion; deshalb begriff ich lange nicht und schaute auch gar nicht darauf, dass dies der Trigger war für das unerklärliche Unwohlsein aus entspanntestem Zusammenhang.

    Und seid ich den Podcast gehört habe, frage ich (die ich Panikattacken nicht aus eigenem Erleben, wohl aber Depressionen verschiedensten Ausmaßes kenne) mich, ob es möglicherweise einen Zusammenhang gibt zwischen Panikattacken und Traumatisierungen, die vor dem Spracherwerb passiert sind? Es ist nur meine subjektive Fühlung …

    1. Jetzt mal nur auf Deinen letzten Absatz eingegangen – ich bin da ziemlich sicher. Gehirne können sehr viel. Auch sehr früh, denke ich.

  3. Ich habe den Podcast gestern gehört und bedanke mich für Ihren Mut, ein so schwieriges persönliches Thema so offen anzusprechen. Gute Wünsche, und mögen die guten Phasen immer länger werden!

Kommentare sind geschlossen.

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