10.6.2020 – miscellaneous

Hier passiert ja nix. Die Tage beginnen früh, mit einem leichten Unwohlsein darüber, wie denn jetzt dieser Tag wohl ablaufen wird und enden dann mit einem leichten Unwohlsein daüber, ob ich denn wohl schlafen können werde.
Und dazwischen ist vollkommen unspektkulärer Alltag und der ist für mich gerade das Beste, was passieren kann – aber natürlich strunzlangweilig zu lesen.

Gestern war ich bei der Steuerberaterin und fragte, ob sie mir genauer erklären könne, was ich denn jetzt mit dem Krisenzuschuss tun könne, den ich vom Land auf mein Konto überwiesen bekommen hatte. Erst hieß es ja, der wäre nicht zweckgebunden, dann durfte man davon Ausgaben, aber sich selbst nichts zu essen kaufen, dann Mitarbeiter bezahlen, dann nicht und ich erhoffte mir Klarheit – vor allem darüber, wie ich viel ich denn jetzt oder später würde zurückzahlen müssen. Tja, da waren wir uns dann leider einig im Wunsch nach Klarheit – sie wusste nämlich auch nix.
Aber ihres Wissens nach würde das Ende des Jahres über die Einkommenssteur geregelt.
Or, in other words: Da hat die Soloselbstständige – die nicht so wie ich durch eine Beamtin im Haus abgesichert ist – also 9000,- überwiesen bekommen. Überwiesen bekommen von Menschen, für die das ein Monatseinkommen ist, während bei manchen von uns diese Summe über zwei Drittel des Jahres reichen muss. Und dann darf sie davon nichts zu essen kaufen, sondern nur ihre (durch Arbeit im HomeOffice und die Abwesenheit von Maschinen, Mitarbeitern oder eines Autos eh soweit wie möglich reduzierten Betriebsausgaben) decken. Und dann muss sie den Rest auf ihrem Konto unangetastet lassen und evtl acht Monate später davon eine unbekannte Summe zurückzahlen?
Das ist wieder sehr an der Lebensrealität vieler Selbstständiger vorbei, liebe Leute.
Aber Hauptsache Alessio der Lufthansa gehts gut.

Und als ich abends die Pizza abholte sah ich: Offensichtlich ist Corona vorbei. Außer bei den beiden hinterm Pizzaofen und mir sah ich keine Maske.

Heute morgen war die Stadt weg. Das war schön, aber leider nicht von Dauer.

Mittags saß ich dann bemaskt im Autohaus und kaufte mein Auto. Der Leasingvertrag läuft aus und ich möchte den Wagen gern noch behalten. E-Auto ist leider gerade – Zuschuss hin oder her – nicht drin und einen sparsamen Benziner weiter zu fahren, scheint mir da gerade die beste Alternative. Schaut man darauf, was Autos so an negativer Energiebilanz mitbringen bevor sie den ersten Kilometer gefahren sind, ist das umweltfreundlichste was man tun kann, ja eh jeden Wagen so lange wie möglich zu fahren. Also, wenn man nicht ganz drauf verzichten kann.
Es ist kompliziert.

Schauen wir doch mal, was sich noch im Beifang-Ordner im OneNote findet.
(Aha, erstmal ein Sychronisierungsproblem, wie schön)

Gerne gelesen habe ich einen Artikel von Stefan Münz. Den älteren von uns wird der noch bekannt sein – der hat die Website geschrieben und betrieben, mit der wir alle angefangen haben, nämlich SelfHTML. Zu 25. Geburtstag eben dieser Website denkt er ein bisschen darüber nach, was in dieser Zeit alles passiert ist und für diejenige, die einem Gedankenspiel zwischen Philosophie und Technik nicht abgeneigt ist, ist das spannend zu lesen:

Wer nun den großen Bogen zur Vierteljahrhundert-Geschichte der Web-Technologien erwartet, den muss ich allerdings enttäuschen […]. Stattdessen bleibe ich ‒ was an dieser Stelle vielleicht etwas gewagt erscheint ‒ erst mal bei Greta Thunberg.

Zusammenhänge schaffen ‒ SELFHTML wird 25

Auch nachhaltig spannend fand ich diesen Artikel eines Rhetorik-Trainers über seine Erkenntnisse aus der Corona-Krise. Vor allem mochte ich den langen Abschnitt über das, was ich im negativen im Social Web so beobachte, nämlich diese strikte schwarz-weiß-Denke, die es inzwischen allen erlaubt, über alle Stränge zu schlagen, weil der Gegnerandere natürlich nichts anderes als selbstschuld und doof und Satan persönlich sein kann:

Wir alle bringen derzeit unsere Werte zum Ausdruck, wenn wir uns äußern – vielleicht so offen und ehrlich wie nie zuvor. Unsere Werte steuern, was wir sagen. Vor allem wirken sie sich darauf aus, wie wir es sagen.
Diese Erkenntnis hat große Bedeutung dafür, ob Debatten gelingen oder nicht. Sie erleichtert es uns, anderslautende Meinungen zu akzeptieren – und das wiederum ermöglicht uns einen respektvollen Umgang miteinander in schwierigen Debatten. Ich kann mich noch gut an ein Streitgespräch zwischen zwei Studenten der Politischen Wissenschaft in Bonn erinnern: Der eine war besonders strikt gegen die amerikanische Intervention, der andere besonders vehement dafür. Entsprechend kontrovers fiel der Schlagabtausch aus. Doch dann kam das Gespräch schlagartig an einen Wendepunkt: Als die beiden Kontrahenten feststellten, dass sie mit ihren komplett konträren Argumenten eigentlich dieselben Ziele verfolgten. Beiden ging es vor allem um die Wahrung der Menschenrechte und die Rettung möglichst vieler Menschenleben. Sie waren nur von unterschiedlichen Wegen zu diesem Ziel überzeugt. Als ihnen das klar wurde, sprachen sie plötzlich ganz anders miteinander

Communico – Es gibt keine rhetorische Herdenimmunität

Apropos „Twitter und verschiedene Meinungen“: Kiki hat da in ihrer unnachahmlichen Art auch gerade drüber geschrieben und ich mag jedes Wort so teilen. Auch ich bin entsetzt, dass (auch Menschen, die ich lange und gerne ins „wir“ gepackt hätte) jedes Maß verlierenverloren haben und ihr schlechtes Verhalten damit begründen, dass sie ja aber doch Recht haben.
Tja, surprise – das denken andere auch.

Es sind übrigens fast immer Leute, die sich von jedem nichtigen Anlass getriggert fühlen und sich gegenseitig versichern, wie wichtig ihnen das Thema mental health ist. Also, bei ihnen selbst natürlich. Wer hingegen Opfer ihrer Jagd wurde und fortan eventuell deshalb gar in Psychotherapie muss, sich nicht mehr aus der Wohnung traut, den Arbeitsplatz verloren hat und dessen Name für eventuelle künftige Arbeitgeber oder Vermieter oder Kunden auf ewig verbrannt ist, weil Google nichts vergisst, sofern man nicht gerade Joe Miller oder Sandy Jones heißt … tja, das ist natürlich bedauerlich, so schade, aber kannste nix machen, es is’ ja wie’s is, freedom of speech FTW!

Kiki: Sesselfurzer Warriors

Frau Brüllen schreibt wiederum kurz über Gemüsebrühe und biegt darüber ab zum Qualitätssicherungsprozess bei Medikamenten und das finde ich immer so faszinierend wie beruhigend, wenn sie zwischendurch mal aus ihrem beruflichen Nähkästchen plaudert.
Ähnlich wie die Gespräche mit den Ärzten während des #m4mvscovid-Projektes tut es einfach gut, wenn Menschen an so wichtigen Stellen zwischendurch mal klar machen, was alles an Expertise hinter der hübschen Oberfläche steckt, die wir von außen so sehen; der Oberfläche, die uns zur Selbsttäuschung verführt, das wir das alles ja auch und vor allem auch besser könnten.
Zum Schluss ein beruhigendes Fazit:

Falls das jetzt etwas arg flapsig klang: wann immer Ihnen etwas an einem Medikament seltsam vorkommt oder Sie das Gefühl haben, es stimmt was nicht, oder eine Nebenwirkung beobachten, rufen Sie an, immer. Die Nummer steht auf dem Beipackzettel, die Leute am anderen Ende sind immer nett und höflich und kümmern sich drum. IMMER. Das ist ihr und unser Job und Herzensanliegen.

Frau Brüllen: 090620 Mfg

Apropos: Ich habe mir übrigens vorgenommen dem ersten Menschen, der mit gegenüber im Face2Face-Gespräch wissenschaftliche Fakten leugnet und mir sagt: „Das ist halt Deine Meinung, und ich habe halt eine andere“ direkt seine Cola in den Schoss zu kippen. Und wenn er sich beschwert, zu sagen: „Du, das ist Deine Meinung, dass ich das getan habe – ich hab da eine andere.

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5 Kommentare

  1. „In ihrer unnachahmlichen Art?“ *zieht Augenbraue hoch* Danke für den Link. Und ja, es ist ein Trauerspiel. Ich merke aber auch, dass ich mir mindestens zweimal täglich Tweets verkneife oder ein bestimmtes Thema nicht anfasse, weil ich weiß, wie ungeheuer verletzend das bei meiner unnachahmlichen Art ankäme und dass wir alle gerade in einer extremen Ausnahmesituation leben – und nicht alle damit so gut umgehen können wie ich (denn mein Alltag unterscheidet sich ja zu 95% null von dem vor Corona). Lächeln und winken, Kiki. Lächeln und winken.

    „Heute morgen war die Stadt weg. Das war schön, aber leider nicht von Dauer.“ Der Satz ist so groß (und das Foto ist super). Ich hab’ schallend gelacht.

    1. … äh, gibts negative Konnotationen von „unnachahmliche Art“? Ich kenne und nutze das nur positiv!
      Darüber hinaus: Diese Selbsterkenntnis – die ich btw ebenso umsetze – würde vermutlich der allgemeinen Stimmungslage da draußen schon ziemlich helfen, wenn sie verbreiteter wäre.

    2. Schon klar. 😉
      Re: Coronageld für Einzelkämpfer ohne Angestellte, die von Zuhause aus arbeiten: Ja, den Antrag auf den Zuschuss hab’ ich mir gar nicht erst angetan, das wäre eine Verschwendung wertvoller Bürokratie gewesen. Einmal mehr war ich sehr dankbar, dass ich nur für mich selbst und einen steuer- und versicherungstechnisch unsichtbaren Bären verantwortlich bin und keine Familie ernähren muss.
      Dass die LH gerettet wird, freut mich als LH-Kind natürlich, aber die Autoprämie  … puh. „Ich bin erbost“, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Kommentare sind geschlossen.

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