1.9.2021 – if u c my ID, ID, ID – More than a passport, I’m unique

Gegen halb sechs aus einem Matthias Schweighöfer-Traum aufgewacht. Also nicht nur einem Alptraum, mit einem Matthias Schweighöfer-Film-ähnlichen Setting (das auch, schlimm genug), sondern die Hauptrolle spielte auch tatsächlich Matthias Schweighöfer. Ich konnte nicht mehr schlafen.
Im Fernsehen lief eine Doku über die Forschung über irgendwelche Reliquien. Forscher suchen in alten Büchern und holten „ähnlich klingende Wörter oder Schreibfehler“ als Beweis, dass irgendein Holzsplitter vom Kreuz Christi stammen. Weil „ein Fälscher sich ja nicht die Mühe machen würde, etwas anders zu schreiben“ – logisch, nicht? Das Ergebnis einer Radiokohlenstoffdatierung wird angezweifelt, weil „die ja oft nicht so genau ist“ und insgesamt war es einfach süß, wie sie sich die Welt zurecht biegen müssen, damit sie nicht all die Jahre einen falschen Holzsplitter angebetet haben. Oder gar ein falsches Tuch.

Die Sendung danach begann dann mit den Worten „Wyatt Richard Dingsbums, aufgewachsen in Bumsdings, einem gottesfürchtigen kleinen Ort in Louisiana, las schon immer begeistert die Bibel und er hat sein gesamtes Wissen über den nahen Osten aus dem alten Testament. Er reiste also los und suchte die heiligen Stätten.“ Er hat dann dort einen Stein gefunden der wie ein Schiff aussah („Hurra, die Arche“) und ist nach dem Streitwagen des Pharaos getaucht, der bei der Teilung des roten Meeres ertrunken ist. Leider ist die Kamera verschwunden, nachdem er Fotos gemacht hat. (Na sowas)
Dann hat er noch die Bundeslade gefunden (die Behörden haben den Tunnel mit Beton zugeschüttet, nachdem er sie gesehen hat, so ein blöder Zufall) und ich frage mich, warum so ein Scheiß überhaupt eine „Doku“ wert ist?

Vormittags waren wir „auf dem Amt“, wie es hier im Sauerland so schön heißt. Ich geh echt gern ins Rathaus – ich lauf da durch und fühle: Das ist hier Demokratie, hier sind die Menschen, die für unsere Steuern daran arbeiten, dass die Stadt läuft. Ja echt, sogar bei allem Gemaule gegen mein Kaff hier.
Während des letzten Jahres war unser Einwohnermeldeamt viele Wochen lang komplett einfach nicht erreichbar, danach waren wir beide hier eventuell etwas unaufmerksam und nun ja, auf jeden Fall waren wir vielleicht kurz noch mit einem abgelaufenen Personalausweis unterwegs und haben endlich einen neuen beantragt.
Vielleicht nicht so doof, wenn man mal ins Land im Norden fahren möchte; niemand muss zweimal im Leben an der Grenze abgewiesen werden, weil der Ausweis abgelaufen ist.

Danach im Briefwahllokal gewählt – wer weiß schon was am Wahltag gerade für Ausgangsbestimmungen gelten. Außerdem gibts das gute Gefühl, dass es an mir nicht gelegen hat. Ich wähle ja eh so richtig, richtig gerne – bei allem Rumgenöcker bin ich ja ein riesen Fan dieses System „Demokratie“ und mir meiner Privilegien schon sehr bewusst.
Ich fand die Wahl übrigens einfach: Die Klima-Wissenschaft sagt: Noch drei Jahre bis zum Kipp-Punkt und dann habe ich geschaut, wer am überzeugendsten behauptet, das im Blick zu haben.

Falls Sie das anders angehen wollen als ich: Die Krautreporter haben die verschiedenen möglichen Taktiken zur Wahl gesammelt.

Jemandem absagen müssen. Nicht gern, aber Anfrage und Angebot passten nicht.

Mittags war – es ist ja Mittwoch – Datenight. Der gewählte „vegetarische Fladen“ war eindeutig dreimal besser als sein Name es vermuten ließ. Vergessen zu gucken, ob das Brot mit Fleisch dann „Kuhfladen“ heißt.

Freitag nachmittag wollten wir eigentlich unser treues Ross den Audi packen und uns auf den Weg Richtung Aachen machen, genauer nach Würselen. Treue Leserinnen wissen, dass dort eine unserer liebsten Konzert-Venues ist – die Burg Wilhelmstein. Schon letztes Jahr hätte dort ein Konzert von Rymden – einem durchaus legitimen Nachfolger des Esbjörn Svensson Trios – sein sollen; das wurde auf diesen Freitag verlegt und wir hatten uns sehr vorgefreut.
Ein überzeugendes Hygienekonzept (Motto: „Unsichere Zeiten erfordern sichere Maßnahmen“), klare 3G-Kontrollen, Open Air mit begrenzten Sitzplätzen – das alles klang nach einem guten und verantwortungsvollen Wiedereinstieg ins Konzert-Business.
Heute kam die E-Mail: Abgesagt. Grund: Ausnahmsweise mal nicht das böse C., die Anreise ist am Freitag per Bahn nicht möglich. Wir sind schon etwas traurig.

Nachmittags ein Telefondate mit einem Beratungskunden. War mir erst nicht sicher, ob er beraten werden möchte oder seine Annahmen bestätigt bekommen möchte – denn zweiteres kann ich nicht, sorry. Jetzt weiß ich Bescheid. Da ist telefonieren manchmal einfacher.
Manchmal aber auch seltsam überflüssig. Ich hatte, als die Absage des Konzerts kam, die Venue auf IG angeschrieben, ob das stimme – denn auf deren Website stand da noch nichts. Und bekam eine DM zurück, ich möchte bitte anrufen. Ich rief an und man sagte mir: „Ja, das stimmt“. Warum das wohl nicht in eine DM gepasst hat …? Naja, viele seltsame Policies haben eine Geschichte dahinter.

Nochmal raus ins Feld gefahren.

Zeugs:

Apropos Bahnstreik – sind Sie auch genervt? Quasi alle, oder? Gerade hörte ich noch im Moma, dass die Bahn der Gewerkschaft ja doch ein Angebot gemacht habe und es nur noch um ein paar Monate in der zeitlichen Abfolge ginge (und man hörte einen unausgesprochenen Satz, der mit „nicht so anstellen“ endete).
Hier steht, worum es in dem Streik so alles geht. Spoiler: mehr als ein paar Monate.

Die abhängige Staatsgewerkschaft EVG hatte somit der Erpressung des Bahnvorstands sofort und konfliktscheu zugestimmt, hatte dazu die Mitglieder nicht befragt. Dagegen verweigerte die kleinere Gewerkschaft GDL die Zustimmung, führte eine Urabstimmung durch. Ergebnis: Ablehnung der Minusrunde und Streik.
Die GDL fordert, sehr gemäßigt, was die DGB-Dienstleistungsgewerkschaft ver.di schon im öffentlichen Dienst durchgesetzt hatte

Werner Rügemer auf telepolis:
Der Kern des Bahn-Streits, via Markus

Interessant, wie sich das vom Framing in anderen Medien unterscheidet, hm?


Um nochmal kurz aufs Klima, die endgültigen Kipp-Punkte und die drei Jahre zurück zu kommen: Ich bin ja nun ein alter weißer Mann und irgendwie werde ich schon noch durchkommen (ja, ich weiß, das ist die Einstellung, die uns die Scheiße eingebrockt hat) aber was ich mich wirklich frage: Wie kann man mit diesem Wissen durch den Tag kommen, wenn man Kinder hat?

Der am Montag veröffentlichte Bericht des Weltklimarates ist ein Alarmruf, der kaum lauter hätte ausfallen können. Die Reaktionen aber sind seltsam verhalten. Viele Eltern scheinen zu verdrängen, was der Bericht für ihre Kinder bedeutet.

Christian Stöcker auf spiegel.de:
Die Eltern sind noch längst nicht wütend genug

Und um nochmal auf die Wahlen zurück zu kommen: Sie erinnern sich vielleicht, dass Herr Laschet versprochen hat, er wolle Deutschland wie NRW regieren. Ein guter Zeitpunkt also, um mal kurz eine (alte, aber afaik immer noch gültige) Sonderregelung für sog. Bekenntnisschulen in NRW zu erwähnen:

Nordrhein-Westfalen bezahlt immer noch Hunderte Millionen Euro jährlich für staatliche Grundschulen, die Kinder wegen ihrer Konfession ablehnen können. Es geht dabei nicht um Schulen in kirchlicher Trägerschaft, sondern die „öffentlichen Bekenntnisschulen“ – die es nur noch in diesem Bundesland und in Teilen Niedersachsens gibt. Fast jede dritte nordrhein-westfälische Grundschule ist eine solche staatliche konfessionelle Einrichtung. Der Staat finanziert sie zu 100 Prozent.

Michael Ashelm und Klaus Max Smolka auf faz.net:
Hunderte Millionen Steuergeld für ein Unikum im Westen

Auch unter dem Aspekt, dass ja so viele Menschen die Kirchen noch akzeptabel finden, weil „die ja doch so viel für die Gesellschaft tun“, ist das ja nun interessant …

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4 Kommentare

  1. Ich mag es wie dein(e)

    ( ) Humor *

    ( ) Sarkasmus *

    ( ) Ironie *

    Durch den Blogeintrag schimmert. 😀

    * = Zutreffendenes bitte ankreuzen. Mehrere Antworten sind möglich.

  2. Hier war die Briefwahl etwas entspannter da auf der Einladung ein QR Code zum anfordern der Wahlunterlagen angebracht war. Hat sogar geklappt! 🙂

    1. Ich fand das recht entspannt; wir gehen schon seit Jahren ins Briefwahllokal. Da ist nie jemand, man kann vorbeigehen, wenn man eh gerade in der Stadt ist … alles easy.

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