22.8.2021 – throwback sunday

Seit einiger Zeit muss ich morgens und abends inhalieren. Nun versuche ich natürlich, den Prozess so weit wie möglich zu optimieren, um zum Beispiel verbrauchte Zeit- und Wassermenge so niedrig wie möglich zu halten.
Das Wasser muss muss ich zum Beispiel 5 Sekunden lang in den Wasserkocher laufen lassen. Also: Kocher unter den Wasserhahn, Wasser an, schön im Sekundentakt zählen: „Eins – zwei – drei – vier – fünf“ – Wasser aus.
Oder …?
Da bleibt immer ein winziges bisschen Wasser über – also vielleicht etwas weniger Wasser? Weniger Wasser ist gleich weniger Wasserverbrauch ist gleich weniger Zeit zum Erhitzen ist gleich weniger Stromverbrauch, Sie wissen schon.
Heute Morgen also ein neuer Versuch mit etwas weniger Wasser und kluk wie ich bin, befürchtete ich, dass vier Sekunden zu wenig sein könnten: „Eins – zwei – drei – vier – ein – halb“ Komisch: Es bleibt noch mehr Wasser über.
Lassen Sie mich einfach hier liegen.

Überhaupt: (Achtung, krasser Stimmungswechsel und CN: Drogen, Verlust, Tod)
Aus verschiedenen Gründen sehr viel in der Vergangenheit unterwegs und in Gedanken über verpasste Chancen, verlorene Menschen und so. Gemacht haben wir heute eh nichts, ich nutz mal einfach die Gelegenheit, für einen dieser Menschen die Geschichte, die ich mal für ihn geschrieben habe, wieder raus zu kramen. Ich hatte sie 2007 schon mal aufgeschrieben; das ging dann mit dem alten Blog verloren und hat es aber verdient, irgendwo zu stehen.


Ich nannte es damals:

Kleinstadtstraßen

Gerade kam ich auf meinem Weg durch meine Stadt mal wieder von den großen Straßen ab …

… und kam an ihrem Haus vorbei.
Beziehungsweise an dem Haus, wo sie zum Schluß gewohnt hatte. Bevor sie verschwand.
Aber der Reihe nach.

Kennengelernt hatte ich sie, als sie noch zur Schule ging. Im letzten Jahr vor dem Abi war sie dann noch auf eines unserer Gymnasien gewechselt, nachdem sie die Jahre davor auf einer Waldorf-Schule verbracht hatte – noch Jahre später erzählte sie uns spöttisch, dass sie ihren Namen tanzen könne.
Vielleicht musste sie deswegen etwas nachholen, wo wir anderen jahrelang Zeit für gehabt hatten.
Die erste Berühmtheit in der kleinen Stadt erlangte sie damit, dass sie eine Philosophie-Klausur „auf Pilzen“ geschrieben hatte. Sogar recht erfolgreich.
Dann hörte man, sie könne nicht nur ihren Namen tanzen, sondern auch singen. Gut sogar. Und so lernte ich sie kennen: Sie sang als Background- und auch manchmal Lead-Sängerin in unserer Blues und Soulband. Und sie sang wirklich gut.
Außerdem lebte sie gut. Sie brachte uns eine Menge des leicht anrüchigen Blues-Feelings in die Band, das man als 20-jähriger Abiturient sonst nur schwer einigermassen in seine Musik transportiert bekommt. Sie soff, rauchte, kiffte, trieb sich nächtelang herum, sang bei jeder Session in jeder scheiß Kneipe der Umgebung und schleppte immer wieder die Jungs an, die dann zu unseren Konzerten kamen und unseren Namen durch die Stadt trugen.
Uns und der Musik war das mehr als genug.
Ihr wohl nicht. Und so lernte sie auf einer Reise nach Afrika neben Landschaft und Lebensgefühl auch noch die Liebe zu Heroin kennen.
Ich habe Probenraum-Mitschnitte von damals, auf denen man den gesamten Trip nach einem heimlich auf dem Klo gesetzten Schuß in ihrer Stimme hören kann. Verwirrung am Anfang, ein unglaubliches Hoch und dann der Absturz.

Nachdem sie schnell hintereinander den ersten Entzug und den ersten Rückfall hinter sich gebracht hatte, nachdem sie anfing uns die dümmsten Geschichten zu erzählen, um sich Geld zu leihen und sich die Band darüber zerstritt und auflöste haben wir sie noch ein paar mal besucht.

Einer der Jungs hatte wohl mehr in der Birne gehabt als THC und die Hoffnung auf eine schnelle Nummer auf dem Backstage-Klo. Er liebte sie wirklich und hatte eine Art Notfallprogramm gestartet. Hatte eine Wohnung, ein Auto und einen Studienplatz besorgt. Hatte ihr einen Stundenplan zusammen gestellt und begleitete sie zur nächsten Vorlesung. Es sah gut aus.

Dann räumte sie ihm die Wohnung aus und verschwand. Verschwand so gründlich, dass uns allen klar war, dass sie es nicht überlebt hatte. Der Junge kann mich noch heute auf der Straße nicht grüßen, so sehr musste er sich von allem, was ihn an sie erinnerte lossagen.

Über 10 Jahre später habe ich nach ihrem Namen gegoogelt konnte und habe sie als Background-Sängerin irgendwo entdeckt. Erzählt habe ich es niemand. Wer sie suchen will muss das schon selbst tun.

Nachtrag, 2021: Irgendwann danach haben wir uns dann mal auf facebook befreundet und auch ein paar Mal unterhalten – und sie wollte unbedingt von mir mehr über die gemeinsame Zeit hören, denn bei ihr war alles, was damals geschehen war in einem dumpfen Nebel verschwunden. Wir wollten uns irgendwie eigentlich mal treffen, aber Sie wissen wie das ist.
Vor zwei Jahren hat ihr Körper dann die Folgeschäden jener Zeit nicht mehr verkraftet und sie ist gestorben. Ihr Pinnwand quillt zu ihrem Geburtstag noch immer über, sie hat wohl in ihrem späteren Leben bei vielen Freunden viel Freude hinterlassen.

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