20.1.2023 – Beifang zum Wochenende

Nein, keine nennenswerten Änderungen am Allgemeinzustand – was aber dafür Stimmung deutlich drückt. Gestern war ich bei Frau Doktor, die mir versuchsweise eine große Portion Vitamine / Folsäure ins Sitzfleisch rammte. Außerdem hab ich einen Termin für EKG/Blutuntersuchung/Ultraschall.
Für die Stimmung hab ich die kluge Frau um einen Montagstermin gebeten – wir hatten nach dem intern erklärten Ende der Therapie noch Sitzungen übrig behalten; für Notfälle. Ich finde, das ist jetzt eine solche Situation, ich komm’ da nämlich weiter absolut nicht drauf klar, was mein Kopf da macht.

Kommunikativ finde ich spannend, wie die Möglichkeit, dass die Möglichkeit, dass ich noch krank bin aus dem Kopf der Menschen rutscht. Während Anfang Januar die Mails noch so lauteten: „Oh shit, dann werd mal gesund, ich will Dich gar nicht belästigen“, wandelten sie sich über „Ich weiß, Du bist krank, aber …“ zu „Du bist ja jetzt bestimmt gesund, daher …
Die Wahrheit über meine Leistungsfähigkeit liegt natürlich irgendwo in der Mitte und am besten glauben Sie mir einfach, wenn ich sage, dass ich wohl arbeiten möchte / sage, dass ich gerade nicht kann.

Ich vermute übrigens, dass die Ausgrenzung von LongCovid-Menschen* darauf beruht, dass ihre pure Anwesenheit dass „ist doch nicht gefährlich“-Narrativ gefährdet und deswegen müssen Menschen die darunter leiden halt negiert und damit, falls man sie ungünstigerweise persönlich kennt, ignoriert werden.

*) Nein, ich zähle mich da nicht zu.

Kommunikativ ebenso spannend, dass ich jetzt zwei Menschen* „kenne“, denen ich prinzipiell fachlich sehr traue und die zwei konträre Meinungen zu einem Thema publizieren. Ich beobachte mich aufmerksam dabei, wem ich jetzt aus welchen Gründen mehr Glauben schenke und was für Mechanismen da im Kopf losgehen. Das Thema ist übriges eins von den Social-Media-Reizthemen (sowas wie Bundesjugendspiele, Zucker oder Veganismus) und deswegen werde ich nicht sagen, worum es geht – das würde nur das Bild verzerren.

*) „kennen“ = einmal persönlich, einmal als sehr verlässliche TV-Persönlichkeit.

Aber ich habe viel gelesen, daher jetzt sehr viel

Zeugs

Fangen wir mit den unangenehmen Themen an: Die ARD-Mediathek empfahl mir die Panorama-Reportage „Das Klima und die Reichen und als ich direkt zu Beginn den Menschen im Privatflieger sah, der sinngemäß sagte, er dächte ja beim Fliegen nicht so viel übers Klima nach, denn zum Glück gäbe es ja nicht so viele Menschen mit Privatflieger, deswegen wäre der Impact ja nicht so groß – da hatte ich ja direkt schlechte Laune. Spoiler: Die wurde nicht besser.
Aber so lange Ideen, wie es allen besser gehen könnte in diesem Land mit der „das ist Sozialismus“-Keule niedergeschlagen werden können, … nun ja.

Ich habe, während die Doku noch lief, übrigens meinen persönlichen Klima-Impact ausgerechnet und festgestellt, dass ich bei knapp 50% des deutschen Durchschnitts und bei knapp 200% des klimatechnisch Erlaubten bin. In Zahlen: Der Durchschnittsdeutsche bläst knappe elf Tonnen CO2 pro Person und Jahr in die Luft, ich knapp unter sechs und drei wären erlaubt.
Hm.
Millionäre blasen übrigens im Schnitt 100 Tonnen in die Luft und die weltweit kleine Gruppe wirklich Superreicher 2300 Tonnen.
Hm.
Und da geht es nur um Privatmenschen und ich bin mir einfach nicht sicher, ob diese Privatisierung des Problems der richtige Weg* ist und man nicht mal … was? Ach so. Sozialismus. Schulligung.

*) Ich bin mit dieser Idee nicht alleine; ich stieß zB eher zufällig auf einen Artikel, der behauptet, die Idee dieser CO2-Rechner sei eine Erfindung der Agentur des Öl-Konzerns BP, aber da ist mir ein bisschen viel „der hat gesagt, dass der gesagt hat, dass jemand behauptet hat“ im Artikel. Falls Sie selber recherchieren wollen: Hier lang.


Deutlich gesicherter scheint da, dass der Ölkonzern ExxonMobile schon seit 50 Jahren die Klimakatastrophe voraussahen, in der wir jetzt leben:

Klimaforscher der Harvard University und des Potsdam-Instituts für Klimaforschung (PIK) machen dem Ölkonzern ExxonMobil schwere Vorwürfe. Das US-Unternehmen habe die globale Erderwärmung als Folge des Ausstoßes von Treibhausgasen seit Ende der 1970er Jahre genau vorhergesagt, schreiben die Forscher in einem Artikel im Fachjournal „Science“.

T-Online: Ölkonzern belog die Welt jahrzehntelang über die Klimakrise

Aber immer nur übers Klima reden ist ja auch doof – oder wie eine Bekannte immer so schön sagt: „Ich will jetzt auch mal über was Schönes reden“ Im Fernsehen hört man ja auch nur noch darüber und … Stop. ist das so? Hier wurde analysiert, wie groß der Anteil der Berichterstattung in Tagesschau und auch Gesamtprogramm des öffentlich rechtlichen Fernsehens einnimmt.
Spoiler: Wir kennen solche Wahrnehmungsverzerrungen auch aus anderen Bereichen und wenn wir denken „es reden ja nun wirklich alle ständig darüber“, dann ist das meist nicht so.

Allerdings erreicht das Klima weiterhin nicht die allgegenwärtige Präsenz in der „Tagesschau“, wie es zum Beispiel das Thema Wirtschaft vermag, und der Anteil der Sendeminuten mit Bezug zum Klima ist bislang gering […] In Wirtschaftssendungen von Das Erste haben beispielsweise rund 5 bis 6 Prozent der Sendeminuten einen Bezug zum Klima. In Verbrauchermagazinen, Comedy- und Satiresendungen wird das Klima ebenfalls erwähnt, es wird aber vor allem in Wissenschaftssendungen beleuchtet.

ARD Media: Der Klimawandel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen

Kommen wir zu was fröhlicherem: Digitalisierung in der Schule. Haha, „fröhlicher“. Ha. Ha. Der Stifterverband der deutschen Wirtschaft hat mal geguckt, wie das mit einem Teilbereich der Digitalisierung, dem Informatikunterricht in den deutschen Schulen aussieht. Nun halte ich persönlich Informatik ja eh für einen Fehler im Konzept, wenn es um die Vorbereitung auf ein digitales Leben geht, aber er ist nun mal das, was viele hierzulande darunter verstehen. Thomas Gigold hat die Studie zusammengefasst:

Das erschreckende Ergebnis: Während in 28 von 37 untersuchten europäischen Staaten Informatikunterricht meist gar von der Grundschule an zu den Pflichtfächern gehört, vernachlässigt unser föderales Schulsystem diesen massiv.
In nur zwei deutschen Bundesländern (Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen) wird Informatik mehr als ein Schuljahr angeboten – in vielen ist es indes nicht einmal Pflichtfach.
Das ist dramatisch.

Thomas Gigold: Informatikunterricht ist ein Phantom an deutschen Schulen

So. Das waren dann jetzt die Downer des Tages. Und trotzdem: „Hoffnung ist das wichtigste Instrument was wir haben“, denn sie erschafft Perspektiven. Es langt nicht zu wissen, wovon wir weg müssen, sondern wir brauchen ein Ziel. Ich weiß das von meinen Auswanderungsideen und kluge Menschen wissen, dass das auch bei Ideen und Visionen so ist. Benjamin Hinrichs von den Krautreporten hat das etwas schöner als ich formuliert – und ich denke, er hat Recht:

wer sich zurückzieht und passiv wird, überlässt den Verfechter:innen des Gestrigen den Raum. Dadurch bewirken und verstärken wir die Ausweglosigkeit, die wir beschreiben. Sie wird zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die gute Nachricht ist: Diese Dynamik zeigt auch den Ausweg aus der Misere. Denn im Umkehrschluss bedeutet das: Wir können die Zukunft bewirken, die wir beschreiben. Wir müssen sie nur richtig beschreiben. Mit Hoffnung.

Benjamin Hinrichs: Unboxing Politics – Warum wir mehr Hoffnung brauchen

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7 Kommentare

  1. Ich habe vergangene Woche in der ARD Mediathek eine neue NDR Sendung der Ernährungs-Docs zum Thema Long Covid gesehen. Ich weiß, Sie sehen sich nicht als Long-Covid-Patient, wäre ja auch von der Zeit der Erkrankung her noch gar nicht möglich, aber man kann ja auch als jemand, der unter Short-Covid leidet, etwas Gesundes für sich tun. Niemand sollte unter sowas, egal wie lang, leiden müssen.
    Short Version – https://www.ardmediathek.de/video/die-ernaehrungs-docs/long-covid-wie-die-richtige-ernaehrung-helfen-kann/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS81NTJkOGQ0Ny02ZWZmLTRmMzYtYWQ2YS05MGJjMWYyNGI3Nzc
    Rezepte – https://www.ndr.de/ratgeber/kochen/rezepte/rezeptdb548.html

    Gute Besserung!

  2. Ich wünsche Ihnen vollständige Genesung. Ich hasse nichts mehr, als „Werd schnell wieder gesund.“ Zeit lassen ist die Devise. Nur so funktioniert’s. Beste Grüße.

  3. Lieber Christian,
    beste Genesung und mögest Du bald wieder wohlauf sein.

    Das mit der Geduld beim Heilen ist so eine Sache. Damit tun wir uns wohl alle schwer. Was an der gesamten Lage und dem Druck liegt, den wir uns als Gesellschaft durch das ständige Mehr, Weiter, Höher, Schneller, Effizienter usw. auferlegen. Die Strukturen sind sehr wirkmächtig. Umso schwerer fällt es uns als Individuen, uns dem zu widersetzen. Wir Freiberufler:innen wohl umso mehr, da der Wirkungszusammenhang hin zum Geldbeutel so verflixt kurz und direkt ist.

    Zum besseren Verständnis kann ich da nur Prof. Hartmut Rosa (Uni Jena) empfehlen. Erst kürzlich veröffentlichte arte ein sehr inspirierendes Gespräch mit ihm, wo es um das Thema Zeitwohlstand geht: „Was wir verlieren, wenn wir Zeit sparen“. Ich habe ein paar Zeilen in meinem letzten Bericht aus der Werkstatt dazu geschrieben:
    https://madiko.com/zeitmaschine/blog/aus-der-werkstatt/2023/hoffnungsschimmer-seltene-schauspiele-diamantenes-gedanken-experiment-technischer-fortschritt-ist-nicht-die-erloesung-zeitwohlstand-hummelflug-und-fette-props/#zeitwohlstand

    Ferner möchte ich noch mein ernsthaftes Erstaunen zum Ausdruck bringen, was da in Sachen Informatikunterricht so mal gar nicht funktioniert. Ich erinnere mich noch an die Zeit nach der Wende (1990). Ich war frisch ans Gymnasium gekommen. Damals hieß das noch Erweiterte Oberschule. Ich war 14 und wurde im ersten Schulhalbjahr 15. Das Erste, was ich – neben meiner Musik-Spezialausbildung – belegte, war ein Informatik-Kurs. Der war sehr pragmatisch angelegt. Unter anderem programmierten wir eine Datenbank für die Schulbibliothek. Das gelang und wir digitalisierten damals einiges an Fachliteratur und lernten noch was übers Bibliothekswesen. Noch mit dbase. Kennt das noch wer? Seisdrum. Es ist für mich wirklich erschreckend, was derzeit in Sachen Bildung passiert. Bildung im humanistischen Sinne. Mein zweiter fakultativer Kurs war übrigens Ökonomie. Da hatten wir ja auch einiges nachzuholen. Tja.

    Vielen Dank für den großartigen „Beifang“. Gruß an Benjamin Hindrichs von den Krautreportern. Sehr gern gelesen! Hach, was könnten wir nicht alles lesen…

    Alles Gute und bleib neugierig,
    Franziska

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