4.5.2020 – und irgendwann drücken wir wieder auf Play?

Vorgeschichte:

Ich war keine dreißig, als in New York die beiden Flugzeuge in die Türme flogen. Eine Erinnerung übrigens, die so fest im Gedächtnis der westlichen Menschheit eingebrannt ist, dass ich gar nicht mehr erklären muss.
Damals sagte jemand: „Das wird unsere gesamte Welt für immer ändern“ und ich habe das nicht verstanden. Nun gut, da hatte jemand es jetzt geschafft, in einer konzertierten Aktion mehrere Flugzeuge gleichzeitig zu entführen und das war sicher für die Amerikaner sehr schmerzhaft und es waren furchtbar viele Menschen gestorben – aber die ganze Welt? Für immer?
Heute im Rückblick schaue ich darauf, wie Menschen, die Nutzen aus Krieg ziehen, so eine vollkomen neue Bedrohungsebene aufbauten. Wie sich Amerika Dank Guantanamo seinen Ruf als Moralapostel der Welt versaut hat und Dank einiger stupider Hardliner seinen Ruf als Leader of the free world. Dass harte Innenminister Freiheitsbeschränkungen schneller durchdrückten, als sie „Terorbedrohung“ sagen konnten. Dass nationalistische „my country first“-Bewegungen wieder en vogue sind, dass die EU Auflösungserscheinungen zeigt und sich im Schatten davon Weltkonzerne eine Struktur aufgebaut haben, die es ihnen erlaubt an vielen Gesetzen vorbei vollkommen frei zu handeln.
Nichts davon geschah faktisch direkt am zwölften September oder den Folgetagen, wenig auch nur im Jahr 2001. Aber es hat halt langsam die Gesellschaft verändert*.
Und ich verstehe den Satz.

*) Ja, ich weiß, dass Geschichte nicht monokausal ist. Oder auch manchmal vielleicht gar nicht kausal. Ich sehe da trotzdem Zusammenhänge.

Hätte man das verhindern können? Hätte man bei jeder Gesetzesverschärfung, bei jedem Populisten argumentieren können „In diesem Moment hüpft Bin Ladens Seele vor Freude, weil ihr sein Werk erfüllt“? Sicher. Hätte einem jemand zugehört? Sicher nicht.
Wir bemerken Änderungen nur sehr schlecht, wenn sie langsam genug ablaufen. Und vor allem nicht ihre kausalen Bezüge, wenn die nur weit genug weg sind.

Genug der Einleitung, worum geht’s hier eigentlich?

Heute Nacht schaute ich mal bei Twitter rein und las zufällig eine kleine Unterhaltung darüber, ob es einen Tag X geben würde, an dem wir alle die Pause-Taste wieder loslassen und unser Leben davor genau so weiter gehen wird.
Und ich dachte im gleichen Moment ebenso vehement „Natürlich!“ wie „Natürlich nicht!“. Das war selbst für meinen an Widersprüchlichkeiten erfreuten Geist eine interessante Erfahrung aber ich merkte: es kommt nur auf die Sichtweise an.

Please press play again (Natürlich!)

Das ganze Gekuddel, was wir im Moment in Diskussionen über Lockerungen, Schule, HomeOffice, Masken, achthundert Quadrat- und eineinhalb Meter erleben, resultiert für mich aus dem Bemühen, so schnell wie möglich wieder soviel Normalzustand wie möglich herzustellen. Normalzustand in der Bedeutung: „So wie vorher“.
Wir hier in unserem reichen Land hatten ein System des Miteinander-Lebens, das bei allen Mängeln (die ich ja oft genug hier anprangere) funktionierte – und jetzt funktioniert es gerade deutlich schlechter. Also bitte zurück ins Vorher, ins „funktioniert besser“.
Wenn auch manchmal in der B-Note (auch Lindner- oder Laschet-Note genannt) erbärmlich schlecht umgesetzt, halte ich das auch für gut und richtig. Menschen sind nicht gut in Veränderung, sie verunsichert uns. Das ist normal.
Und so glaube ich, dass gerade die meisten daran arbeiten, die Pause-Taste so schnell wie möglich wieder loszulassen.
Das ist ein beruhigendes Gefühl.

Und dann wird alles besser? (Natürlich nicht!)

Zu Beginn des Lockdowns las man oft „danach wird alles besser!“ und von den Chancen, die uns die Situation bietet. Natürlich müsste man erst einmal „besser“ definieren. Denn „besser“ bedeutet für die meisten ja erst einmal „besser für sich selbst“ und dann noch „besser für die Gruppe, die mir aus beliebigen Gründen gerade besonders am Herzen liegt
Vor ein paar Wochen waren das zum Beispiel gern die Menschen, die irgendwo in der Pflege arbeiten. Verständlich, die wurden auf einmal extrem schnell extrem sichtbar.
Inzwischen ist die große Überforderung des Gesundheitssystems von Welle 1 ausgeblieben und die Kämpfer für faire Entlohnung des Pflegesystems sind an vielen Stellen dazu übergegangen, die Petitionen für oder gegen die Öffnungen der Schulen anzuklicken. Nach vierzig Tagen mit dem eigenen Nachwuchs im Haus liegt das emotional einfach näher.

Die üblichen Sprecherinnen für jedes Thema, egal ob Frauen, ob Menschen mit Beeinträchtigungen, ob Alte oder Junge, Tiere, Umweltschutz oder jedes andere Thema weisen derweil auf die besondere Bedeutung der Situation für die von ihnen unterstützte Gruppe hin und fordern, dass die jetzt nicht aus dem Blick verloren gehen dürfen und „danach“ etwas getan werden muss. Aber in der öffentlichen Diskussion in den Massenmedien geht’s dann doch meist um „endlich wieder shoppen“, Schule und Frisör.

Hört man den Forderungen etwas genauer zu, dann merkt man: Nichts davon ist neu. Nichts.
Menschen, die in der Pflege arbeiten werden seit Dekaden ausgenutzt.
Das deutsche Schulsystem ist nicht erst seit Mitte März hoffungslos analog.
Wir haben das Klima der Erde schon lange in eine Richtung geändert die uns Menschen nicht mehr gut bekommen wird.
Aber der Lockdown wirkt wie eine Lupe, die uns all die Dinge besser sehen lässt. Oder sollte ich sagen: Schlechter verdrängen lässt?

Dahinter aber verändert sich trotzdem leise etwas.

Ich las mal, dass der Mensch etwas vierzig Tage benötigt, um sich „umzuprogrammieren“. Um neue Gewohnheiten anzunehmen, um anders über Dinge zu denken.
Das wäre dann zufällig etwa jetzt.

Und so höre ich in der IG-Story des TV-Moderators, dass er plötzlich merkt, wie absurd es doch war, mehrmals die Woche in den Flieger zu steigen.
Und so lese ich, dass das Kaufverhalten der Deutschen nicht in den Maße wieder ansteigt, wie es die wieder geöffneten Quadratmeter zulassen würden.
Und so geht es quer durch die Blogs – in diesem Fall vielleicht mal repräsentativ? – dass die Autorinnen schon gern im HomeOffice bleiben würden, wo jetzt die Infrastruktur steht.
Und so sehe ich beeindruckende Nasa-Luftbilder, die die Luftbelastung vor und während des Lockdowns vergleichen.
Die Liste lässt sich beliebig verlängern.

Aber …
… ob das der Fernsehsender des Moderators mag, wenn der jetzt längere Anfahrtzeiten hat? Und erst die Lufthansa?
… ob das die Läden mögen, wenn die Menschen auf einmal nur noch Lebensmittel und weniger Konsumgüter kaufen?
… ob das die Chefs mögen, die ja für sich selbst gute Gründe hatten, HomeOffice doof zu finden?
… ob die Autobauer und Tankstellen das so töfte finden, wenn wir weniger fahren?
Die Liste der Gegenfragen lässt sich ebenso beliebig verlängern und wir merken, dass es arge Interessenskonflikte darüber geben mag, was „besser“ denn nun sein wird, wenn wir die Pause-Taste erst losgelassen haben.

Und dann war da noch …

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin weit davon entfernt, den aktuellen Verschwörungstheoretikern auch nur einen Millimeter zu folgen. Ich glaube nicht, dass Gates in Merkels Auftrag ein Virus erfunden hat und auch nicht, dass die WHO dem Weltjudentum gehört. Oder auch nur einen Millimeter des anderen Drecks, den arme Menschen, die sich ihre Furcht nicht eingestehen können, gerade durchs Web zu spülen versuchen.

Aber ich glaube, dass Menschen mit großen persönlichen Interessen und wenigen Skrupeln die aktuelle Situation sehr aufmerksam beobachten. Das liegt nicht an der aktuellen Situation speziell, das ist immer so. Erfolgreiche skrupellose Menschen beobachten halt jede Situation und versuchen sie zu ihrem Vorteil zu nutzen.
Und so eine große Verunsicherung der ganzen Welt – das ist mal was Neues und deswegen sicher sehr, sehr beobachtungswürdig.

Ich würde, um noch einmal zurückzugreifen, große Summen darauf verwetten, dass vor 19 Jahren Machtmenschen in amerikanischen Behörden fertige Papiere aus der Schublade ziehen konnten, um ihre Macht nach dem Anschlag zu erweitern – und als Grund den Anschlag aufs WTC nannten. Aber sie hatten garantiert auch für jedes andere Szenario fertige Pläne bereit.
Und aktuell brauche ich gar nicht erst zu wetten – die Autobauer haben schon die Forderungen aus der Schublade gezogen, um ihre Gewinne weiter privat zu halten und ihre Verluste jetzt der Gemeinschaft aufzubürden. Aber auch die nutzen schon immer jeden anderen Anlass, um ihre Pfründe zu sichern und werden es weiter tun.

Und was lernt uns das jetzt?*

Boah, ich hab keine Ahnung, was uns das lernt. Ich kann Ihnen höchstens sagen, was das mit mir macht.
Im kleinsten Kreis gedacht versuche ich, in dem ganzen Getümmel die Fakten zu finden, um bereit zu sein, wenn Freunde mir ihre Ängste erzählen. Ich richte nicht über andere, die schlechter klar kommen als ich hier auf meinem privilegierten Hügel. Ich versuche, wie immer, auf beide Seiten zu gucken. Oder alle drei. Oder alle, die es gerade so gibt.
Damit nicht zu viel kaputt geht, bis wir die Pause-Taste wieder loslassen können.

Eine Ebene größer: Ich glaube, nur die wenigsten Probleme gerade sind Corona geschuldet; die meisten gab es vorher. Behalten wir sie im Blick und vergessen sie nicht wieder, wenn Play gedrückt wird.
Krankenpflegerinnen haben nicht mehr Geld, wenn wir ihnen vom Balkon klatschen, sondern wenn wir uns auch im Alltag an sie erinnern und ihnen eine Lobby sind.
Schulen denken nicht digitaler, wenn sie es jetzt hinbekommen, dass ein paar engagierte Kolleginen den anderen Zoom erklärt haben.
Und Kapitalismus-driven Konzerne tun schon immer das, was sie tun müssen: Zuerst mal ihren Aktionären möglichst viel Geld auszahlen ohne an irgendjemands anderes Morgen zu denken.

Da gilt es meiner Meinung nach aufmerksam zu bleiben. Die aktuelle Krise bietet uns allen eine einmalige Chance: Wir haben alle, weltweit alle in Abstufungen das gleiche erlebt. So wie beim 9/11 wird das eine Erinnerung sein, die man nicht erklären muss, eine, bei der das eine Wort reicht. Nutzen wir es diesmal.

*) Ich weiß natürlich: das kein Deutsch, sondern grauenhaftes sauerländisch. Nehmen Sie’s als ironische Referenz an den Landstrich in dem ich lebe.

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