30.8.2020 – Ken, Sara und die anderen (i.A. Frau Herzbruch)

Die Woche ging exakt so weiter wie bisher: Ich programmierte und es gab nichts zu erzählen. Deswegen fragte auch ich nach einem ersten Satz an und bekam unter anderem von Frau Herzbruch den Satz „Ich denke nicht, dass man sich dafür schämen sollte“ vorgeschlagen. Ich habe ihn, da er von einem Kind gesprochen wurde, nicht wortwörtlich, aber sinngemäß so verwendet. Im Laufe der Geschichte wird auch klar, warum dieses Kind ihn nicht so sprachlich schick, mit Nebensatz und so, formuliert hätte.

Nein, dafür musst Du Dich nicht schämen“, sagt er noch einmal mit Nachdruck und sie lächelt etwas und versucht es noch mal und beide sehen nicht, wie glücklich ihre Lehrerin über diesen kleinen Moment strahlt.
Die beiden sind Ken und Sara und bei ihnen sitzen außerdem Micha und Jenny, Tom und Sina. Seit dem zweiten Tag nach den Sommerferien kommen sie jeden Tag zwei Stunden hier herunter in den kleinen Raum. Sähe man es eng, könnte man darüber streiten, ob es nicht eigentlich ein Kellerraum ist. Aber ihre Lehrerin ist froh, dass es den Raum gibt und dass sie ihn sich in den Sommerferien herrichten konnte. Räume sind rar an Schulen in diesem Land, erst Recht für das was sie tut und der Raum hat Fenster und eine Tafel und Platz genug, dass die kleinen Gruppen, die sich hier treffen, sitzen können. Das ist mehr als viele ihrer Kolleginnen haben.

Sie kommen hier herunter, weil sie in ihren Klassen die sind, die mehr Probleme machen, die man hinter vorgehaltener Hand schwierig oder doof nennt und mit ironischem Unterton auch mal „verhaltensoriginell“. Die also, die nicht mitkommen, die dem Unterricht nicht folgen können, die die immer nur Fünfen und Sechsen geschrieben haben. Oder die, die zwischendurch weglaufen wollen oder die, die gar nicht sprechen oder nicht aufhören konnten ihre Sitznachbarn zu belästigen oder oder oder.
Früher nannte man sie „lerngestört“ oder „erziehungsschwierig“, davor nannte man sie einfach „behindert“ und sie landeten in „Sonderschulen“ und den Rest ihres Lebens gern in Förderprogrammen oder „Werkstätten“.
Seit man allgemein begriffen hat, dass es unmenschlich ist, Menschen auszusondern die nicht hundertprozentig allen Normen entsprechen, gehen sie zusammen mit allen anderen Kindern in die gleichen Schulen. „Inklusion“ nennt man diese Selbstverständlichkeit jetzt und vielerorts ist man noch sehr stolz darauf, dass man so großzügig ist.

Denn wie das so ist mit den Dingen, die sich nach vielen Jahrzehnten langsam ändern, sind darüber nicht alle glücklich. Vor allem die Eltern, die ihre Kinder normal finden, haben oft Sorgen, dass „die“ den Lernfortschritt ihrer Kleinen behindern und auch altgediente Lehrerinnen stecken oft tief in dem Fahrwasser des schon immer so gemachten Unterrichts.

Deswegen sind die Kolleginnen aus den Sonderschulen quasi mit gekommen und unterstützen jetzt die Kinder an den Grundschulen. Manchmal sitzen sie mit im Unterricht, manchmal bekommen sie einen eigenen Raum und können da eine geschützte Insel aufbauen für die Kinder.
Denn mehr braucht es meist gar nicht.

Oft werden die Kolleginnen aber auch verheizt, denn Inklusion hat wirklich keinen leichten Stand. Sie machen dann widerrechtlich Krankheits- und Schwangerschaftvertretungen. Sie haben eben keinen Raum und streiten sich mit der OGS um zehn Minuten Nutzungszeit und können deswegen schlicht ihre Arbeit nicht tun. Kritiker sehen sich dann bestätigt und haben ja schon vorher gewusst, dass diese Inklusion nicht funktioniert.

Ein halbes Jahr später berichtet die Klassenlehrerin begeistert, Tom habe das erste mal im Unterricht gesprochen. Richtig gut und seit dem macht er oft mit. Jenny nervt ihren Sitznachbarn schon lange nicht mehr und erzählt regelmäßig im Stuhlkreis und im Aufsatz von ihren Kaninchen. Micha war in der letzten Arbeit nicht mehr der Klassenschlechteste und Sina hat endlich Anschluss gefunden und niemandem, die morgens zufällig in die Klassen käme, würde ein Grund auffallen, warum man die sechs noch vor einer Dekade in einer besonderen Schule versteckt hatte.

Und Sara musste schon seit Wochen nicht mehr weglaufen, wenn sie etwas überfordert. Denn Ken hat es ihr ja irgendwann erklärt, da unten in dem kleinen gar nicht-Kellerraum, der für sie eine sichere Insel geworden ist. Wo sie alle nur zwei kurze Stunden am Tag so sein können wie sie sind. Wo sie sich ohne Angst zu versagen ausprobieren können – das reicht schon für den ganzen übrigen Schulmorgen.

Ken hat ihr erklärt: „Sina“, hat er gesagt, „Sina, wir sind hier doch alle langsamer. Jeder hier kann was nicht. Dafür musst Du Dich doch nicht schämen

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3 Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag. Du sprichst der Sonderpädagogin in mir aus der Seele.

    Es ist so wichtig, diesen Schüler_innen einen Raum zu geben. Sie sollten nicht als „ausweglos“ oder „zu schwierig“ abgestempelt werden. Man muss Ihnen nur den Raum geben, sie in vielen Punkten einfach mal so zu akzeptieren, wie sie nunmal sind und dort ansetzen um mögliche Veränderungen herbeizuführen.

    Danke für’s dran erinnern wofür ich dieses Studium mache und einen schönen Sonntag.

  2. „Sina, wir sind hier doch alle langsamer. Jeder hier kann was nicht. Dafür musst Du Dich doch nicht schämen“
    Da hat Ken etwas sehr viel schneller und besser verstanden als ein großer Teil unserer Gesellschaft. Danke für die Geschichte und danke an „die Liebste“, dass sie solchen Momenten täglich Raum schafft. Unserer Gesellschaft würde es gut tun, wenn wir alle diesen Satz von Ken gelegentlich aussprechen würden.

  3. Danke! Als Mutter zweier behinderter Kinder – nein, das stimmt gar nicht mehr, inzwischen sind meine Junioren längst erwachsen – also, als Mutter möchte ich sagen, dass ich es begrüßt hätte, wenn es vor dreißig Jahren schon Integrationsklassen gegeben hätte. Dan wäre es heute selbstverständlich, dass kleinwüchsige, kognitiv beeinträchtigte Menschen am Leben teilhaben. Leider sind wir davon meilenweit entfernt.

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