17.11.2010: So kann’s gehen

Als ich ihn kennen lernte, war er recht cool. Sah gut aus, war sportlich und klug. Spielte im angesagten örtlichen Sportverein und schaffte den Balanceakt bei Mitschülern und Lehrern gleichermaßen beliebt zu sein. Und sogar Mädchen, die in unsere Klasse hinein sitzenblieben fanden ihn interessant – und Ihr wisst, Mädchen interessieren sich nie! für jüngere Jungs.
Also wirklich recht cool. Die ideale Ergänzung zu mir.

Haha. Nein, im Ernst: Wir freundeten uns an, recht schnell recht gut sogar. Saßen schnell nebeneinander und begannen, nicht mehr die kleinen verschämt zusammengefalteten Zettelchen hin und her zu schieben, sondern nahmen lieber aus dem Collegeblock gerissene A4-Zettel, weil wir uns eh immer viel mehr zu erzählen hatten.
Und als ich mir überlegte, mit dem Tramper-Ticket mal das deutsche Bahnnetz zu erforschen war er der Partner der Wahl.

Gleichzeitig lernte er sie kennen. Sie war toll. In Amerika wäre sie vermutlich homecoming queen geworden – hierzulande reichte es nur für das Amt der Klassensprecherin. (Nebenbei hat sie mir damit mehr als einmal die Versetzug gerettet, indem sie die Anzahl meiner unentschuldigten Fehlstunden wieder in den Bereich des tolerierbaren korrigierte.)

Die beiden wurden das erste ernsthafte Paar unserer Klasse.
Ganz langsam veränderte er sich. Hörte auf, sich mit mir zu schreiben, sie sah das nicht so gerne. Trug die Haare kürzer, das mochte sie lieber. Trug richtige Schuhe und keine Sneaker – die damals noch Turnschuhe hießen – mehr. Reagierte seltsam, als meine Haare immer länger wurden.
Außerdem wurde er jähzornig. Bekam seltsame Ausbrüche und schmiss dann gerne mal etwas kaputt.

Sie zählte derweil für beide die nötigen Punkte fürs Abi und guckte komisch, als ich ihre Ratschläge, ich müsse mich jetzt einmal zusammennehmen nicht hören wollte.

Die Studienfahrt in der zwölf haben wir aus alter Gewohnheit noch in der selben Gastfamilie verbracht – aber da stellte er schon vorher die Forderung auf, wir würden aber »nicht die ganze Zeit über das Leben und so reden«

Und als sie auf einmal mit dem Typen mit den grünen Haaren durch die Stadt zog litt er, wie ich noch nie jemanden habe leiden sehen. Dauerte aber nur ein paar Wochen, dieses Intermezzo mit dem Typen mit den grünen Haaren.
Danach hat er nicht mehr mit seinen alten Freunde gesprochen, und stand nur noch bei ihrer Clique rum.

Vor ein paar Tagen habe ich die beiden im Supermarkt gesehen. Er sah aus, wie von Mama angezogen und ich habe sehr gehofft, dass ich genauso tiefunglücklich ausgesehen habe wie er. Denn dann könnte es einfach daran gelegen haben, dass es eben halb sieben an einem Freitag Abend im Supermarkt war.
Und nicht an irgendetwas, das tiefer saß.

Dieser Artikel wurde zuerst am 17.11.2010 veröffentlicht im jawl, meinem alten Blog. Das jawl ist geschlossen aber diesen Artikel wollte ich gern behalten und habe ihn deswegen in ein Archiv alter Artikel aufgenommen.

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