1.6.2019 – ein Wunsch

Vorgeschichte: In den vergangenen Jahren saß ich immer wieder bei Theaterproben bzw genauer: Bei den Besprechungen die es notwendigerweise da gibt. Ist das Stück ein unterhaltsames oder ein aufwühlendes, dann hat das Auswirkungen auf die Stimmung der Gruppe – ist klar. Dann müssen auch mal Witze oder Sprüche raus.
Ich kenne aber vor allem quälende Besprechungen, bei denen es eine dreiviertel Stunde dauert, bis überhaupt angefangen werden kann. Das ist anstrengend und ich fragte mich „Warum bloß??“ und irgendwann habe ich dann beobachtet: Jede einzelne macht nur einen oder zwei kleine Sprüche.
Nur zwei Sprüche, das ist doch wirklich nicht schlimm, oder?
Rechnen wir mal: Wir sind 20 Leute in der Gruppe und jeder Spruch dauert – mit Lachen und vielleicht ein oder zwei Antworten und wieder-beruhigen eine gute halbe Minute.
Nur eine halbe Minute Verzögerung, das ist doch nicht schlimm, oder?
Zwanzig Personen mal zwei Sprüche mal eine halbe Minute macht zwanzig Minuten Verzögerung.
Das ist schlimm – jedenfalls wenn man arbeiten möchte.
So habe ich gelernt, dass ich in einer Gruppe Verantwortung trage und mich auch mal zurücknehmen muss.

Wenn die Bildzeitung sich auf Menschen einschießt, wenn sie Menschen zu Tätern erklärt, bevor etwas gesichert ist, dann machen wir dafür ein eigenes Blog. Denn die Bild hat eine große Verbreitung, die hat Macht, aber die nimmt es nicht so genau mit der Verantwortung, die damit einher geht. Das finden wir nicht gut. Da wünschen wir uns mehr Verantwortung.

Wenn „die Medien“ im digitalen Zeitalter immer schneller und schneller reagieren, wenn oft „erster sein“ wichtiger ist, als mit Bedacht zu reagieren; wenn Tempo wichtiger ist als Fakten – das finden wir nicht gut. Da wünschen wir uns mehr Verantwortung.

Wenn jemand nur Teaser liest und dann dazu kommentiert, wenn jemand auf Clickbait-Headlines hereinfällt und dazu seine Kommentare postet, das finden wir nicht gut. Da wünschen wir uns mehr Verantwortung.

Wenn der Spiegel eine „Geschichte aufdeckt“, dann haben wir da alle sofort eine Meinung zu. Und wir teilen sie. Sofort. Wir müssen den Artikel gar nicht lesen, es reicht der Teaser, es reicht ein Gefühl.
Wenn wir dann später doch den Artikel lesen und er Recht haben könnte und sich unsere Meinung drehen muss, dann müssen wir wieder darüber reden. Auch sofort. Wir haben sogar schnell einen Hashtag, denn das haben wir so gelernt. Wir denken sogar kurz an den Menschen dahinter, nennen es Täterschutz und wissen aber warum er gerade nicht wichtig genug ist; wir wissen ja Bescheid und wir können das beurteilen. Wir verteilen Diagnosen über den Geisteszustand und Links zu Wikipedia-Artikeln per Tweet. Wir fordern in der Mitte eines langen Wochenendes Stellungnahmen von jeder Stelle und jedem beteiligten Amt und empören uns, wenn die nicht sofort kommt. Wir haben es schon immer gewusst oder wir sind entsetzt. Wir wissen den gesellschaftlichen Schaden abzuschätzen bevor die ersten vierundzwanzig Stunden vorüber sind.

Und wir vergessen, dass unser Internet sich zwar so anfühlt, als ob wir nur mit den zwanzig engsten Followern reden aber dass wir gerade in der Öffentlichkeit sprechen.

Jede nur einen oder zwei Tweets, das wird so schlimm doch nicht sein?

Es ist wie in meiner Theatergruppe: Zwei Tweets mal tausend Diskutanten mal durchschnittlich tausend Follower mal x Retweets ist viel.

Wir sprechen nicht mehr über den Gartenzaun mit der Nachbarin, auch wenn es sich gerne so anfühlt. Wir sind Publisher und wir schreiben öffentlich ins Netzt und wir haben keinen Einfluss darauf, wie viele Menschen es lesen. Da wünsche ich mir mehr Verantwortung.

Ach ja, nochwas: Hier steht weder, ob ich Marie oder dem Spiegel glaube, weder ob ich es ahnte oder nicht. Hier steht ebenso wenig Einordnung, wie der Artikel geschrieben war oder ob die Zeit den alten Bericht veröffentlicht lassen sollte noch eine Einordnung dessen was Marie getan hat.

„Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir ihn dazu machen“, hat mal jemand gesagt. Abgesehen davon dass das auch bedeutet, dass das Netz ein schlechter Ort ist, wenn wir es dazu machen– der ist unter anderem daran zerbrochen, dass das Netz und das Bild, das es dort von ihm plötzlich gab, zu groß wurde.

Hier steht übrigens auch kein Vorwurf an eine oder einen von Ihnen persönlich, falls Sie sich angesprochen fühlen. Nur eine Beobachtung und ein Wunsch. Alles andere hat an irgendeiner Stelle schon jemand anderes gesagt und ich möchte gerne nur dieses eine Puzzlesteinchen hinzufügen.