Politiker und Menschen

Ich denke gerade über die Lage auf deutschen Intensivstationen nach und warum die Politiker es nicht hören. Naja, warum sie überhaupt seit Jahren die Pflegeberufe vor die Wand fahren lassen. Und mir fallen zwei Geschichten ein, die ich mit Politikern auf verschiedenen Ebenen erlebt habe. Sie wissen ja, mir helfen Geschichten oft, Dinge einzuordnen.

Zum einen war da der Sprecher einer der Fraktionen hier im Stadtrat unseres kleinen Kaffs. Er saß bei uns am Kaffeetisch und wir kamen auf den Job der Liebsten und die Umstände unrer denen sie arbeitet zu sprechen. Sie erzählte, dass seit einiger Zeit – vermutlich seit einem Wechsel des Reinigungsservices – die Klassen nicht mehr sauber wären. Und er sprach: „Nee, die sind sauber
Das war natürlich eine etwas skurrile Situation, dass sie – jeden Tag dort in der Schule vor Ort – etwas bemängelt und er – zuletzt zu seinen Schulzeiten vor zwei Dekaden in dem Gebäude gewesen – das einfach verneint. Es stellte sich heraus: Er hatte in dem Ausschuss gesessen, in dem die Neu-Ausschreibung der Putztätigkeiten für alle Gebäude der Stadt beschlossen worden war. Sie hatten dort zusammen definiert, wie die Anforderungen waren, wie lange man braucht, um ein Büro oder einen Sitzungssaal oder ein Klassenzimmer zu putzen, hatte das dann ausgeschrieben und einen Anbieter gewählt. Sie hatten lange überlegt und geplant und es gab keine Beschwerden – also war alles gut. Und als die Liebste sprach, sie würde sich dann hiermit beschweren, nahm er das nicht ernst. Schließlich hatten sie doch im Ausschuss ihr Bestes gegeben und in den großen Excel-Listen mit Putzzeiten, Raumzahlen und natürlich den Finanzen war alles gut. Und sonst hatte sich, wie gesagt, noch niemand beschwert.

Zum anderen eine Mitarbeiterin einer Bundestagsabgeordneten. Sie sprach mit mir – in meiner Funktion als Selbstständigem – über die Pläne eine verpflichtende Renetnversicherung für Selbstständige einzuführen. Ich merkte: Sie war etwas erstaunt, dass ich darob nicht hellauf begeistert war und als ich ihr anhand der Zahlen der KSL versuchte zu erklären, dass z.B. eben die über die KSK versicherten Selbstständigen im Bereich Text, Grafik & Webdesign in dem Jahr damals durchschnittlich zwischen 11.000 und 13.500 Euro im Jahr vor Steuern verdienten und mit einer Ausgabe von ein paar hundert Euro im Monat ein echtes Problem haben würden, entgegnete sie: Davon kann man ja nicht leben. Oder anders: Sie glaubte mir diesen Teil der Realität nicht, bügelte das ab, blendete das aus und das Gespräch endete relativ unzufriedenstellend.

Zusammen: Beide konnten nicht weit genug aus ihrer Lebensrealität heraus und sehen und anerkennen, was ihre Entscheidungen auf dem Papier mit den Menschen hinterher machten. Natürlich konnten sie nicht jedem einzelnen Menschen zuhören, daher mussten sie sich auf Mittelwerte in Excel-Listen verlassen. Auf das, was ihnen ihre Mitarbeiterinnen in die Presemappe legten. Auf das, was das wöchentliche Gespräch mit Journalisten ergab.

Und: Für beide war die Realität vor Ort außerhalb der von ihnen gedachten Toleranzwerte; und diese Realitäten durfte es zu diesem Zeitpunkt des Verfahrens nicht geben.

Ich schreibe das hier auf, nicht um damit Verständnis zu haben. Ich versuche, es zu begreifen.

Denn – um den Bogen zu schließen – ich verachte zutiefst, wie die Politik unser Pflegesystem vor die Wand gefahren hat. Ich hasse es zutiefst, wie – ich male mir das so aus – Politiker mit PR-Menschen von privaten Krankenhauskonzernen sprechen, die ihnen mit Listen, Grafen, Kurven und Torten zeigen, wie super alles läuft. Wie die Beschwerde-Zahlen unterhalb der kritischen Grenzen liegen und die Renditen steigen. Die PR-Leute sind beauftragt von Managern, die abhängig davon sind, dass die Aktionäre zufrieden sind. Es muss also super sein. Am besten jedes Quartal superer. Und wenn die Beschwerdezahlen steigen, dann muss man vielleicht die Grenzen zwischen „wenig Beschwerden“ und „zu viele Beschwerden“ nachjustieren.

Während am anderen Ende Menschen sitzen, die sich irgendwann einmal aus Passion für einen Beruf entscheiden haben. Die schon seit Jahren nicht mehr wirklich können – aber was sollen sie tun? Arbeit liegen lassen? menschen einfach stereben lassen?
Und wie gnadenlos die Manager, die Aktionäre und die PRler ausnutzen, dass diese Menschen vor Ort halt einfach nicht anders können, als immer weiter zu machen.

Als Kind las ich einmal eine Anekdote von Mr Rockefeller, der durch seine Firma gegangen war und einen Arbeiter fragte, mit wie viele Lötpunkten er denn eine Ölkanne schließe. Zehn war die Antwort. Ob es auch mit achten ginge? Sie testeten und mit acht ging es nicht, die Kanne war undicht. Aber neun waren genug und schon verdiente Mr Rockefeller übers Jahr an Millionen von verkauften Ölkannen, die jede jetzt einen Viertel Cent billiger geworden waren wieder Millionen Dollar mehr. Damals fand ich das beeindruckend, heute verachte ich dieses Optimierungsdenken.

Vermutlich bin ich damit zumindest in der Wirtschaft in der Minderzahl. Und: heute läuft niemand mehr durch den laden und fragt. Heute ändert man eine Zahl in einer Excel-Liste, weil man denkt: Och, mal probieren, ob eine Krankenhausstation statt mit 10 Kräften auch mit neuneinhalb läuft – denn sind das Zahlen und unten, ganz unten bei „Summe“, da muss etwas großes stehen.
Was das vor Ort bedeutet, wenn man zwei oder dreimal in der Excel-Liste die Zahl herunter gesetzt hat – das beschreibt Schwester Unbequem:

Ihr Vater bekommt die Diagnose morgens in der Visite mitgeteilt bzw., dass man Proben in die Pathologie geschickt hat und das Ergebnis noch aussteht, der Schnellschnitt im OP aber schon auf einen schlechten Verlauf hindeutet. Der Arzt schaut mitfühlend, ist gedanklich schon bei einem anderen Patienten. Drückt die Hand, sagt wenn er Fragen hat soll er sich melden. Der Arzt geht ab.
Zurück bleibt ihr Vater mit tausend berechtigten Fragen…was ist ein Schnellschnitt? Was bedeutet schlecht? Wie lange habe ich noch? Was ist mit meinen Enkeln? Meiner Frau? Werde ich ein Pflegefall?
Würden Sie sich nicht wünschen, wenn dann eine Pflegekraft an seiner Seite ist, und die Fragen beantworten kann, die sie beantworten kann? Die den tiefen Fall auffangen kann? Die ihn nicht allein lässt?
Ja?
Ich würde mir das auch wünschen. Aber das ist Romantik, die nicht bedient werden kann, weil wir schlichtweg keine Zeit dafür haben.

SchwesterUnbequem: Pflexit

Exkurs: Sie hat übrigens das Krankenhaus verlassen.

Was ich daraus ziehe: Auch wenn wir hier, wir auf Twitter, wir in unserer gefühlten Öffentlichkeit Dinge absolut logisch finden; auch wenn wir hier Menschen vor die Hunde gehen sehen, dann bedeutet das absolut nicht, dass Politiker das sehen. Die haben zum einen sehr viele andere Meinungen um sich herum und ihr Beruf ist es nunmal, Meinungen unter einen Hut zu bekommen.
Und zum anderen: Sie sind zu weit weg. Das ist nichtmal ein Vorwurf, das ist einfach ein Fakt.
Wer seine Realität aus kuratierten Pressemeldungen, aus Tortengrafiken und Listen zusammenbaut, der sieht keine Menschen mehr.
So wie jemand, der im Monat fünfstellig verdient nicht mehr nachvollziehen kann, dass andere Menschen mit weniger als zwei ihrer Monatseinkommen für das ganze Jahr auskommen müssen und deswegen keine Zwangsrentenversicherung wollen.

Wir müssen sichtbarer werden.


Danke an Steffen Prößdorf für sein CC BY-SA 4.0 -Bild, das ich als Artikelbild benutzt habe.

1 Kommentar

  1. Das ist ein sehr intensiver Text. Seit gestern kaue ich schon auf einer klugen Antwort rum, aber ich fürchte, es fällt mir nichts ein, was ich öffentlich kundtun möchte. Dennoch sollen Sie wissen, dass mir dieser Text sehr wichtig war und einiges Nachdenken ausgelöst hat.

Kommentare sind geschlossen.

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