8.5.2020

Gestern war mir nicht nach Bloggen. Gestern hatte ich ein Gespräch mit jemandem, welches das ganze „Familiendrama“ noch einmal in einem anderen Licht darstellte. Und es wurde alles viel trauriger.
Ich fürchte, wenn das alles irgendwann einmal vorbei sein sollte, dann gibt das einen von diesen ganz schlimmen Blogartikeln.

Gestern Abend aber, da gabs dann noch ein bisschen Licht. Die ein oder andere wird es vielleicht mitbekommen haben – und ich hatte ja auch davon berichtet, dass Johnny Haeusler dazu aufgerufen hatte, ihm Stimmen oder Instrumente zu Queens Bohemian Rhapsody zu schicken. Weil das Stück ja seit Jahren den gemeinsamen Abschluss der re:publica bildet. Und weil die re:publica ja nun dieses Jahr nicht wie gewohnt stattfinden konnte. Und weil das traurig ist.

Gestern Abend, pünktlich zum Abschluss der ersten reinen online-re:publica, gab es dann die Premiere.
Oder, wie ich sagte: Look, Mamaaaa, I’m on the interwebs. Mit zig anderen tollen Menschen. Und ich bin sehr stolz darauf, dabei zu sein. Die Liebste auch.

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https://www.youtube.com/watch?v=qC5RVwiKDSE

Heut Nacht schlecht geschlafen – Sie kennen das: Der Tag ist blöd, die Frust-Pizza scheint eine gute Lösung zu sein und wenn man dann mit einem leichten Völlegefühl im Bett liegt und die Augen nicht zu kriegt, erinnert man sich, dass man ja auch keine 45 mehr ist.

Also früh aufgewacht und früh ins Büro hoch gegangen. Eine kleine Website quasi fertig gemacht, dabei viele Dinge copy-pasten müssen, die meine Besonnenheitsgrenze kratzten. Aber das ist ja auch so eine Erkenntnis des Erwachsenseins: Man kann sich nicht immer alles aussuchen, wenn man gelegentlich Geld zum Einkaufen braucht.
Und so lange keine Menschen verletzt werden …
Noch ein Gespräch mit einer wannabe-Kundin geführt. 30 Minuten, in denen ich vielleicht einen Sprechanteil von 2 Minuten hatte. und sie ca 7 Minuten über die Website sprach. Der Rest der Zeit verging mit Name- und Projekt-Dropping. Dummerweise kannte ich die meisten Beteiligten auch und wenn ich das erwähnte, wurde das Thema schneller gewechselt als man „Backstage“ sagen kann.
Ich muss noch überlegen, wie ich damit umgehe.

Irgendwann nachmittags dann das Wochenende eingeläutet, noch ein halbes Stündchen Schlaf nachgeholt und gleich kommt eine Freundin. Dank eines großen Esstisches werden wir sehr regelkonform miteinander essen können.

Zu Schule und Corona gelesen:

Debatte über Schul-Öffnungen Irgendwie, irgendwo, irgendwann
Das Recht auf Bildung wird beliebig, weil die Politik konkrete Lösungen scheut.

Volle Kraft zurück
Vier Tage ist die Schule nun offen. Die Vorbereitungen meiner Schule sind besser gelaufen als es den Umständen nach zu erwarten war. […] Es funktioniert trotzdem nicht.

Zu Corona allgemein gelesen*:

Die Patienten werden sehr schnell sehr still
Eine Pflegerin erzählt, wie sich Corona-Patienten von anderen Kranken unterscheiden und was ihre Versorgung so aufwendig macht.“*

*) und dabei sehr traurig geworden über die Menschen, die all das schlicht verneinen.

Sosnst so Gelesen:

Kiki schreibt über Medienkompetenz und ich bin vor lauter Nicken von der Liebsten gefragt worden, ob ich mir schon wieder das Bohemian Rhapsody-Video anschaue.
Aber man kann sich nicht darüber wundern, dass Menschen wie Naidoo, Schweiger oder Hildmann, die aus der Musik- und der Verlagsbranche kommen und dort ihren Aufstieg hatten, kapiert haben, dass es mit freier Presse nicht sehr weit her ist, sondern alles, alles, alles nur marketinggesteuert ist.

Und noch was ganz anderes gelesen

und dabei gedacht: „Macht Euch die Erde untertan“ war der schlimmste Satz, den jemals jemand irgendwohin schreiben konnte. Aber falls Sie sich fragen, warum wir heute alle Heuschnupfen haben, könnten Sie hier eine Antwort finden:
Every single tree was male
After buying a house with his wife, who suffers from allergies, Tom Ogren wanted to get rid of anything on his property that might trigger an attack. He began examining the neighbourhood when he noticed something unusual

6.5.2020 – Übungen in Resilienz

Die äußeren Umstände ändern sich nicht, die inneren aber schon. Das ist das Gute an dem was ich montags so lerne: Früher hätte mich so etwas für Wochen rausgehauen und heute nur noch für einen oder ein paar Tage. First step: Die Konzentrationsfähigkeit hat für sieben Stunden am Schreibtisch gereicht, das will ich mal gar nicht verachten, ganz im Gegenteil.

In diesen Stunden einen Onepager für eine Agentur gefüllt. Im Hinterkopf ständig ein leiser Zweifel, denn ich muss Sätze copy-pasten, die da sinngemäß lauten: „Ich weiß nicht, was ich da tue, es hat irgendwas was mit Energie in Deinem Körper zu tun und wird Dich heilen. Bitte zahl mir 150,-/Stunde dafür
Wo ist die Grenze der Besonnenheit?

Im Chat derweil nebenher über die Hemmschwelle gesprochen, zur Therapie zu gehen oder sich überhaupt ähnliche Hilfe zu besorgen, wenn etwas nicht mehr so richtig in der Spur läuft. Ich vermute, Sie haben das schon mitbekommen, dass ich unter anderem hier so offen über meine Erfahrungen schreibe um zu zeigen: Nur weil jemand „in Therapie ist“ kann er trotzdem lustig, cool, klug, erfolgreich, sexy und überhaupt so eine coole Sau wie ich Hahahagehtschonwieder … ein ganz normaler Mensch sein.
Wobei ich das Wort „normal“ gar nicht so mag. Aus Gründen.
Aber im Ernst: Trotz aller Offenheit und Selbstverständlichkeit mit der ich hier spreche: Natürlich kenne ich den Stolz, der einem sagt: „Hey, Du müsstest das alleine schaffen. Aushalten. Stärker sein.
Ist aber bullshit.

Zwischendurch ein Interview mit der Frau Mellcolm über Wissenschaftsjournalismus. 5 von 5 Sternen, jederzeit gerne wieder.

Im Hintergrund lief den Rest der Zeit ein Podcast von Serdar Somuncu, genauer: Die Folge „Das große Gitarrensolo-Quiz“ (nicht direkt verlinkbar, einfach bis ca in die Mitte scrollen).
Großkotzig wie ich bin: Ich fand Serdar gar nicht sooo gut und hab ihn mit nur vier nicht erkannten Stücken ziemlich abgezogen. Machen Sie mit? Können Sie’s besser?

Herr Buddenbohm, einer der großen Pädagogen meiner Filterbubble, hat mal wieder was kluges getan: Er hat seine Kinder danach befragt, was die denn so vom HomeSchooling und vom Wieder-in-the-School-Schooling halten.
Das Ergebnis überrascht mich jetzt ehrlich gesagt nicht. Überhaupt nicht. Es entspricht ganz im Gegenteil fast exakt dem, was unter Pädagogen, die über so etwas forschen aktuell so Status Quo ist.

Wir aber lesen gelegentlich in Brand Eins oder anderen Ringelblumen-Magazinen von Schulen, die den deutschen Schulpreis bekommen haben, weil sie alles anderes machen. Dann staunen wir, was es alles gibt – und ich spreche nicht von Klassen, die mehr als einmal die Woche in den Computerraum dürfen, sondern von vollkommen anderen Unterrichtskonzepten – und nicken.
Vor allem, weil die meisten dieser Schulen vor dem radikalen Konzeptwechsel erstmal vollkommen – sorry – am Arsch waren.
Toll, was möglich ist.

Aber wenn die Lehrerin unserer Kinder sowas wie „Freiarbeit“ in den Stundenplan schreibt, dann laufen wir stolz auf dem nächsten – natürlich bei Twitter nebenbei sarkastisch herablassend begleiteten – Elternabend Amok und falten diese unfähige Pädagogen-Schnepfe zusammen – was sie sich denn vorstellt, wie Thorben-Hendrik denn bitte mit „Freiarbeit“ 2031 erfolgreich sein Praktikum in Taiwan bei der International SuperFinancial beginnen soll. Und fordern vernünftigen Matheunterricht ohne diesen modernen Schnickschnack.

Abends waren wir am See. Aber das haben Sie vermutlich geahnt.

Außerdem gelesen: Vor ca. hundert Jahren stand das erste Mal in der Verfassung, dass der deutsche Staat der Kirche kein Geld mehr schuldig ist (Nein, nicht die Kirchensteuer). Die Kirche hat das bis heute großzügig ignoriert und durch juristische Winkelzüge zu verhindern gewusst. Verständlich, denn es geht – so genau kann es amüsanterweise auch niemand ganz genau sagen – um hohe Millionenbeträge.
Falls sich noch jemand fragt: Dewswegen verachte ich diesen Laden so sehr. Moralansprüche an andere jenseits von Wolke sieben aber selbst immer gern mal am Lügen und Betrügen, wenn es um das eigene Wohl geht. Und alles immer schön mit dem Mäntelchen, dass sie ja die Guten sind warm eingepackt.

Der politische Corona-Link des Tages: Corona-Lockerungen – Rechtlich zulässig, politisch ein Debakel
Ich verstehe und mag das Prinzip des Föderalismus – aber wenn dieses elendig machtgeile Pack das benutzt, um sich selbst auf Kosten aller zu profilieren, fällt es mir schwer, nicht laut zu schreien. Denn: „Dabei steht nicht der Föderalismus auf dem Spiel, wohl aber der Eindruck von Vernunft, den die Politik als Ganzes bislang in der Krise hinterlassen hat.
Exakt.
Fragen Sie mal die Engländer, warum sie noch heute Churchill’s Speech auswendig aufsagen können.

Passend dazu auch der Artikel von Ranga Yogeshwar: Zuerst waren Bürger, Politik und Wissenschaft in der Corona-Krise im Gleichklang. Das ändert sich rapide, und das ist gefährlich.
und
Auftritt bei „Anne Will“ Laschet demontiert sich selbst

Lieblingssatz des Tages: „Großes Selbstbewusstsein trifft auf relative Bedeutungslosigkeit“
(Influencerinnen und C-Promis zündeln mit Corona-Verschwörungsmythen – was ist da los?)

5.5.2020 – #wmdedgt

#WMDEDGT ist eine Idee von Frau Brüllen zur Förderung der Kultur des Tagebuchbloggens.

Schlecht geschlafen und gegen halb sechs das erste Mal wach. Und dann noch eineinhalb Stunden im unruhigen Halbschlaf verbracht.

Da ich mich dringend ablenken muss, direkt hoch ins Büro gekrochen und versucht, dort sinnvolle Dinge zu tun. Ich hatte vor ein paar Wochen schon einmal erwähnt, dass sich ein Teil meiner Familie dazu entschieden hat, mich unter Beschuss zu nehmen. Ob man es jetzt juristisch „Nötigung“ oder „Erpressung“, unjuristisch nur „moralische Erpressung“ oder wie auch immer nennt – es ist gerade in die nächste Phase getreten und es zieht gerade eine Menge Energie.
Und so war der Vormittag davon gezeichnet, in kurzen Phasen abwechselnd intensiv zu arbeiten, dann vollkommen den Faden zu verlieren, an einem Antwortschreiben zu formulieren, ein Telefonat mit einem Anwalt hinaus zu zögern, wieder intensiv zu arbeiten, wieder komplett den Faden zu verlieren, leer und traurig in die Gegend zu starren, an dem Schreiben zu formulieren und so weiter.

Irgendwann mittags hab ich akzeptiert: Ich kann mich heute nicht konzentrieren. Überhaupt nicht.
Hab den Stand des Antwortschreibens zu einem ersten Gegencheck verschickt, den Anwalt angerufen, leider nur eine Rückrufbitte hinterlassen können und den Tag im Großen und Ganzen für beendet erklärt.

Nach einer längeren Mittagspause hatte ich noch einen Zoom-Dings; ich guckte mir über weite Strecken selbst zu, wie ich auf Autopilot durch das Gespräch lief. Aber es lief wohl gut. Auch faszinierend.

Dann sind wir noch ein Dreiviertelstündchen durchs Städtchen gelaufen, haben uns auf dem Rückweg einen Whopper durchs Autofenster reichen lassen und sind danach ins Autokino gefahren.
Today I learned: Pulp Fiction ist immer noch ein sehr cooler Film aber deutlich zu lang für einen müden Kopf.

4.5.2020 – und irgendwann drücken wir wieder auf Play?

Vorgeschichte:

Ich war keine dreißig, als in New York die beiden Flugzeuge in die Türme flogen. Eine Erinnerung übrigens, die so fest im Gedächtnis der westlichen Menschheit eingebrannt ist, dass ich gar nicht mehr erklären muss.
Damals sagte jemand: „Das wird unsere gesamte Welt für immer ändern“ und ich habe das nicht verstanden. Nun gut, da hatte jemand es jetzt geschafft, in einer konzertierten Aktion mehrere Flugzeuge gleichzeitig zu entführen und das war sicher für die Amerikaner sehr schmerzhaft und es waren furchtbar viele Menschen gestorben – aber die ganze Welt? Für immer?
Heute im Rückblick schaue ich darauf, wie Menschen, die Nutzen aus Krieg ziehen, so eine vollkomen neue Bedrohungsebene aufbauten. Wie sich Amerika Dank Guantanamo seinen Ruf als Moralapostel der Welt versaut hat und Dank einiger stupider Hardliner seinen Ruf als Leader of the free world. Dass harte Innenminister Freiheitsbeschränkungen schneller durchdrückten, als sie „Terorbedrohung“ sagen konnten. Dass nationalistische „my country first“-Bewegungen wieder en vogue sind, dass die EU Auflösungserscheinungen zeigt und sich im Schatten davon Weltkonzerne eine Struktur aufgebaut haben, die es ihnen erlaubt an vielen Gesetzen vorbei vollkommen frei zu handeln.
Nichts davon geschah faktisch direkt am zwölften September oder den Folgetagen, wenig auch nur im Jahr 2001. Aber es hat halt langsam die Gesellschaft verändert*.
Und ich verstehe den Satz.

*) Ja, ich weiß, dass Geschichte nicht monokausal ist. Oder auch manchmal vielleicht gar nicht kausal. Ich sehe da trotzdem Zusammenhänge.

Hätte man das verhindern können? Hätte man bei jeder Gesetzesverschärfung, bei jedem Populisten argumentieren können „In diesem Moment hüpft Bin Ladens Seele vor Freude, weil ihr sein Werk erfüllt“? Sicher. Hätte einem jemand zugehört? Sicher nicht.
Wir bemerken Änderungen nur sehr schlecht, wenn sie langsam genug ablaufen. Und vor allem nicht ihre kausalen Bezüge, wenn die nur weit genug weg sind.

Genug der Einleitung, worum geht’s hier eigentlich?

Heute Nacht schaute ich mal bei Twitter rein und las zufällig eine kleine Unterhaltung darüber, ob es einen Tag X geben würde, an dem wir alle die Pause-Taste wieder loslassen und unser Leben davor genau so weiter gehen wird.
Und ich dachte im gleichen Moment ebenso vehement „Natürlich!“ wie „Natürlich nicht!“. Das war selbst für meinen an Widersprüchlichkeiten erfreuten Geist eine interessante Erfahrung aber ich merkte: es kommt nur auf die Sichtweise an.

Please press play again (Natürlich!)

Das ganze Gekuddel, was wir im Moment in Diskussionen über Lockerungen, Schule, HomeOffice, Masken, achthundert Quadrat- und eineinhalb Meter erleben, resultiert für mich aus dem Bemühen, so schnell wie möglich wieder soviel Normalzustand wie möglich herzustellen. Normalzustand in der Bedeutung: „So wie vorher“.
Wir hier in unserem reichen Land hatten ein System des Miteinander-Lebens, das bei allen Mängeln (die ich ja oft genug hier anprangere) funktionierte – und jetzt funktioniert es gerade deutlich schlechter. Also bitte zurück ins Vorher, ins „funktioniert besser“.
Wenn auch manchmal in der B-Note (auch Lindner- oder Laschet-Note genannt) erbärmlich schlecht umgesetzt, halte ich das auch für gut und richtig. Menschen sind nicht gut in Veränderung, sie verunsichert uns. Das ist normal.
Und so glaube ich, dass gerade die meisten daran arbeiten, die Pause-Taste so schnell wie möglich wieder loszulassen.
Das ist ein beruhigendes Gefühl.

Und dann wird alles besser? (Natürlich nicht!)

Zu Beginn des Lockdowns las man oft „danach wird alles besser!“ und von den Chancen, die uns die Situation bietet. Natürlich müsste man erst einmal „besser“ definieren. Denn „besser“ bedeutet für die meisten ja erst einmal „besser für sich selbst“ und dann noch „besser für die Gruppe, die mir aus beliebigen Gründen gerade besonders am Herzen liegt
Vor ein paar Wochen waren das zum Beispiel gern die Menschen, die irgendwo in der Pflege arbeiten. Verständlich, die wurden auf einmal extrem schnell extrem sichtbar.
Inzwischen ist die große Überforderung des Gesundheitssystems von Welle 1 ausgeblieben und die Kämpfer für faire Entlohnung des Pflegesystems sind an vielen Stellen dazu übergegangen, die Petitionen für oder gegen die Öffnungen der Schulen anzuklicken. Nach vierzig Tagen mit dem eigenen Nachwuchs im Haus liegt das emotional einfach näher.

Die üblichen Sprecherinnen für jedes Thema, egal ob Frauen, ob Menschen mit Beeinträchtigungen, ob Alte oder Junge, Tiere, Umweltschutz oder jedes andere Thema weisen derweil auf die besondere Bedeutung der Situation für die von ihnen unterstützte Gruppe hin und fordern, dass die jetzt nicht aus dem Blick verloren gehen dürfen und „danach“ etwas getan werden muss. Aber in der öffentlichen Diskussion in den Massenmedien geht’s dann doch meist um „endlich wieder shoppen“, Schule und Frisör.

Hört man den Forderungen etwas genauer zu, dann merkt man: Nichts davon ist neu. Nichts.
Menschen, die in der Pflege arbeiten werden seit Dekaden ausgenutzt.
Das deutsche Schulsystem ist nicht erst seit Mitte März hoffungslos analog.
Wir haben das Klima der Erde schon lange in eine Richtung geändert die uns Menschen nicht mehr gut bekommen wird.
Aber der Lockdown wirkt wie eine Lupe, die uns all die Dinge besser sehen lässt. Oder sollte ich sagen: Schlechter verdrängen lässt?

Dahinter aber verändert sich trotzdem leise etwas.

Ich las mal, dass der Mensch etwas vierzig Tage benötigt, um sich „umzuprogrammieren“. Um neue Gewohnheiten anzunehmen, um anders über Dinge zu denken.
Das wäre dann zufällig etwa jetzt.

Und so höre ich in der IG-Story des TV-Moderators, dass er plötzlich merkt, wie absurd es doch war, mehrmals die Woche in den Flieger zu steigen.
Und so lese ich, dass das Kaufverhalten der Deutschen nicht in den Maße wieder ansteigt, wie es die wieder geöffneten Quadratmeter zulassen würden.
Und so geht es quer durch die Blogs – in diesem Fall vielleicht mal repräsentativ? – dass die Autorinnen schon gern im HomeOffice bleiben würden, wo jetzt die Infrastruktur steht.
Und so sehe ich beeindruckende Nasa-Luftbilder, die die Luftbelastung vor und während des Lockdowns vergleichen.
Die Liste lässt sich beliebig verlängern.

Aber …
… ob das der Fernsehsender des Moderators mag, wenn der jetzt längere Anfahrtzeiten hat? Und erst die Lufthansa?
… ob das die Läden mögen, wenn die Menschen auf einmal nur noch Lebensmittel und weniger Konsumgüter kaufen?
… ob das die Chefs mögen, die ja für sich selbst gute Gründe hatten, HomeOffice doof zu finden?
… ob die Autobauer und Tankstellen das so töfte finden, wenn wir weniger fahren?
Die Liste der Gegenfragen lässt sich ebenso beliebig verlängern und wir merken, dass es arge Interessenskonflikte darüber geben mag, was „besser“ denn nun sein wird, wenn wir die Pause-Taste erst losgelassen haben.

Und dann war da noch …

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin weit davon entfernt, den aktuellen Verschwörungstheoretikern auch nur einen Millimeter zu folgen. Ich glaube nicht, dass Gates in Merkels Auftrag ein Virus erfunden hat und auch nicht, dass die WHO dem Weltjudentum gehört. Oder auch nur einen Millimeter des anderen Drecks, den arme Menschen, die sich ihre Furcht nicht eingestehen können, gerade durchs Web zu spülen versuchen.

Aber ich glaube, dass Menschen mit großen persönlichen Interessen und wenigen Skrupeln die aktuelle Situation sehr aufmerksam beobachten. Das liegt nicht an der aktuellen Situation speziell, das ist immer so. Erfolgreiche skrupellose Menschen beobachten halt jede Situation und versuchen sie zu ihrem Vorteil zu nutzen.
Und so eine große Verunsicherung der ganzen Welt – das ist mal was Neues und deswegen sicher sehr, sehr beobachtungswürdig.

Ich würde, um noch einmal zurückzugreifen, große Summen darauf verwetten, dass vor 19 Jahren Machtmenschen in amerikanischen Behörden fertige Papiere aus der Schublade ziehen konnten, um ihre Macht nach dem Anschlag zu erweitern – und als Grund den Anschlag aufs WTC nannten. Aber sie hatten garantiert auch für jedes andere Szenario fertige Pläne bereit.
Und aktuell brauche ich gar nicht erst zu wetten – die Autobauer haben schon die Forderungen aus der Schublade gezogen, um ihre Gewinne weiter privat zu halten und ihre Verluste jetzt der Gemeinschaft aufzubürden. Aber auch die nutzen schon immer jeden anderen Anlass, um ihre Pfründe zu sichern und werden es weiter tun.

Und was lernt uns das jetzt?*

Boah, ich hab keine Ahnung, was uns das lernt. Ich kann Ihnen höchstens sagen, was das mit mir macht.
Im kleinsten Kreis gedacht versuche ich, in dem ganzen Getümmel die Fakten zu finden, um bereit zu sein, wenn Freunde mir ihre Ängste erzählen. Ich richte nicht über andere, die schlechter klar kommen als ich hier auf meinem privilegierten Hügel. Ich versuche, wie immer, auf beide Seiten zu gucken. Oder alle drei. Oder alle, die es gerade so gibt.
Damit nicht zu viel kaputt geht, bis wir die Pause-Taste wieder loslassen können.

Eine Ebene größer: Ich glaube, nur die wenigsten Probleme gerade sind Corona geschuldet; die meisten gab es vorher. Behalten wir sie im Blick und vergessen sie nicht wieder, wenn Play gedrückt wird.
Krankenpflegerinnen haben nicht mehr Geld, wenn wir ihnen vom Balkon klatschen, sondern wenn wir uns auch im Alltag an sie erinnern und ihnen eine Lobby sind.
Schulen denken nicht digitaler, wenn sie es jetzt hinbekommen, dass ein paar engagierte Kolleginen den anderen Zoom erklärt haben.
Und Kapitalismus-driven Konzerne tun schon immer das, was sie tun müssen: Zuerst mal ihren Aktionären möglichst viel Geld auszahlen ohne an irgendjemands anderes Morgen zu denken.

Da gilt es meiner Meinung nach aufmerksam zu bleiben. Die aktuelle Krise bietet uns allen eine einmalige Chance: Wir haben alle, weltweit alle in Abstufungen das gleiche erlebt. So wie beim 9/11 wird das eine Erinnerung sein, die man nicht erklären muss, eine, bei der das eine Wort reicht. Nutzen wir es diesmal.

*) Ich weiß natürlich: das kein Deutsch, sondern grauenhaftes sauerländisch. Nehmen Sie’s als ironische Referenz an den Landstrich in dem ich lebe.

3.5.2020 – Chronistenpflicht

Ausgeschlafen – Stopp – kurz gearbeitet – Stopp – zum See gefahren – Stopp – Dank Schmerzen im Bein abbrechen müssen (Fork.) – Stopp – nochmal kurz genickert, da offensichtlich doch nicht ausgeschlafen – Stopp – Escape Room gespielt – Stopp – eine sehr nett lange Runde durchs Städtchen gelaufen und dabei keine Schmerzen mehr und das Schrittziel erreicht – Stopp – kurz gearbeitet und eine E-Mail geschrieben* – Spargelrisotto, Alias.

In der Stadt hatte jemand zwei Enten geparkt.

*) also: So eine echte Mail. Mit privater Unterhaltung, nicht geschäftlich. Das ist echt selten geworden, oder?

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