30.6.2020 – fahr doch mal Bus!

Nachdem ich heute vormittag – wieder länger am Stück als am Tag davor* – gearbeitet habe, bin ich ein paar Stunden Bulli gefahren. Und das kam so …

*) Die Konzentrationsstörungen lassen nach. Jeden Tag mehr. Das ist gut.

Passend zu der neuen Terrasse hatten wir uns in einem nahen Laden zwei Liegen ausgesucht, die sich zu Sesseln zusammen klappen lassen. Oder Sessel, die sich zu Liegen ausklappen lassen. Ich zeig Ihnen das mal, wenn die Terasse fertig ist.

In einem nahen Laden“ bedeutet hier in der Kleinstadt quasi automatisch: In einer Nachbarstadt. Diesmal Unna. Da die Sessel selbst einzeln zu groß für mein Auto waren standen wir vor der Wahl: Liefern lassen oder Bulli mieten. Liefern lassen: Dreistellig teuer und irgendwann in vielen Wochen.
Also Bulli mieten.
Bulli mieten“ bietet wieder zwei Möglichkeiten:

  • Hier im Ort einen ranzigen, klapprigen 7,5-Tonner für 99,- plus Kilometer.
    Zu mieten bei einem unfreundlichen Männchen, der entweder in der Wellblechhütte am Parkplatz sitzt oder im 200m entfernten Autohaus. Weiß man vorher nie.
    Zahlung nur bar, Rechnung nur auf freundlichen Druck.
  • Oder zwei Orte weiter einen Bulli für 39,- / 2 Stunden. Inkl. hundert Kilometer.
    Zu mieten per App; Zahlung ebenfalls.
    Rechnung 3 Minuten nach Abstellen des Bullis in der E-Mail.

Ein NoBrainer: Bulli.

Das führte zu folgendem Routenverlauf, der hauptsächlich dadurch etwas absurd wird, weil wir fast am Gartenmöbelladen vorbei fuhren, um zum Bulli zu kommen:

Google ist da etwas großzügig in der Zeitschätzung – wir brauchten eine Stunde fünfundfünfzig inkl. tanken, bis wir den Bulli wieder abstellten.

Ich war danach ziemlich gar.

Nur am Rande, falls Sie gerade den Zeigefinger heben möchten: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln hätten wir das vermutlich gar nicht an einem Tag geschafft, denn zwischen den Sesseln und uns beginnt ein neuer Verkehrsverbund.
Und hier im Ort gibts Gartenmöbel nur in Eiche barock.
So ist das auf dem Land.

Und sonst?
Auf der großen braunen Fläche hat sich in einer Ecke erster grüner Flaum gebildet. Wir feuern ihn stündlich feste an.

Gehen Sie nicht zu Ikea. Gehen Sie nicht dorthin. Ziehen Sie keine Corona-Infektion ein, weil sie mit 100 anderen Menschen erst in der Schlange und dann im Laden stehen, die die Fähigkeit nicht haben, einen Nase-Mundschutz über die beiden im Namen erwähnten Organe zu ziehen. Ich habe das für Sie eruiert, als ich auf dem Parkplatz den Bulli suchte.

Fotogener Feldrand ist fotogen. (Nachtrag von gestern) So ist das auf dem Land.

29.6.2020 – songs of gardening and desperation

Allgemeine Grundstimmung: Ich kann nich mehr. Schaue ich zurück, dann war das bis jetzt ein Jahr ohne einen Tag Urlaub, achja: mit Corona; und mit einem wochenlang schwelenden Disput mit einem Teil meiner Familie, der mir freundlich ankündigte, er näme es in Kauf, „meine Existenz zu ruinieren“.
Jetzt, wo ichs so aufschreibe klingts sehr logisch, dass ich gerade etwas müde bin.

Am Wochenende viel geschlafen, das war gut.
Musik gemacht, das war schön (Sie haben das ja gestern schon zum Teil sehenhören können)
Begonnen, der Liebsten ihren Schreibtisch einzupassen, das wird sehr schön. Dank meiner Konzentrationsstörungen mache ich Sachen mit der Säge aktuell lieber in kurzen Einheiten und wir machen da jetzt jeden Tag ein bisschen weiter.

Die Nachbarn kamen aus ihrem Urlaub zurück und sahen dann das erste mal unseren im Vergleich zu vorher doch nahezu weitläufigen Garten. Sie begannen, auch bei sich selbst Hecke zu entfernen.
Jetzt müssen Sie wissen: Schaut man von oben auf die drei Gärten, dann kann man erahnen, dass sie von oben gesehen alle drei die gleiche Grundfläche haben. Da das Gelände hier aber sowohl nach hinten als auch nach links abfällt, bleibt den Nachbarn zur einen Seite an nutzbarer Fläche knapp ein Drittel dessen, was wir jetzt haben. Der Rest ist Hecke am Hang.
Bei denen rechts ist es etwas weniger Hang und damit theoretisch etwas mehr nutzbare Fläche – dafür haben die vom Vorbesitzer deutlich mehr Hecke und zusätzlich einen riesiges Buchsbaum-Rondell übernommen. Und deswegen an nutzbarer Fläche auch kaum mehr als die links.
Die Gärten waren vor Dekaden alle vermutlich mal relativ zeitglich angelegt worden und wir waren jetzt die ersten, die den spät-achtziger-Hecken und dem Wildwuchs einen Gärtner entgegen stellten. Und so auf einmal richtig Fläche haben – und ich kann mir vorstellen, dass das noch weitere Folgen haben wird.
Denn: Wir sind die einzigen, denen das Haus und damit der Garten selbst gehört und ich sags mal so – wäre ich Mieter rechts oder links und sähe plötzlich, dass ich mehr als zehn Quadratmeter Wiese haben könnte, stände da nicht der gesamte Mist – ich würde meine Vermieter mal anrufen. Oder eine Anti-Hecken-Petition einreichen oder so.

Wissen Sie eigentlich, dass mir ein Garten gar nicht so wichtig ist? Ich ziehe absolut keine supi Lebensfreude daraus, zu werkeln, hier und da mal was abzuschneiden, irgendetwas zu pflanzen oder beim Wachsen zuzugucken. Nein, Rasenmähen ist nicht meditativ und ich sitz da auch nicht so besonders oft drin* – und das macht diese aktuelle thematische Situation besonders absurd.

*) Naja, vieleicht ändert sich das, wenn es jetzt so clean und frei ist.

Am Samstag im Laden vollends verzweifelt. Weil ich der einzigste(!) war, dem Abstand noch etwas bedeutete, stand ich unter anderem zweieinhalb Lieder lang – also knappe 5 Minuten – vor dem Gang zu den Marmeladen, der vorne von jemand blockiert war, der sehr gründlich die richtige Schokosauße aussuchte. Er guckte mich wiederholt groß an, stellte seinen Wagen aber nicht weg. Außerdem gabs diverse Rippenstöße von denen, die um die Ecke bogen und mein Warten auch nicht verstanden und sich halt durchdrängten.
Der Rest war ein Tanz, der vermutlich von oben gesehen an ein erschrockenes Huhn im Pacman-Spielfeld erinnerte.

Schaue ich mich um, ist die vorherrschende Meinung: Corona war nur einmal im Jahr.

Wissen Sie: Ich denke seit den Achtzigern, dass wir hier in diesem Land ausländerfeindlich und rassistisch sind, ich gucke seit Dekaden zu, dass es Natur und Klima immer schlechter geht, ich schaue seit Kohl auf die fortschreitende Neoliberalisierung und wie unsere Gesellschaft systematisch immer asozialer wird, ich ertrage es seit dreißig Jahren nicht, Fleisch zu kaufen oder auch nur in der Auslage liegen zu sehen weil ich das Tierleid dahinter fühlen kann – alles immer Beispiele für Spannungsfelder zwischen Fakten und Stimmung in Politik und Bevölkerung.
Und ich habe irgendwie mit dem Glauben an die belegbaren Fakten immer recht behalten. Will sagen: Mir fehlt schon aus der Erfahrung heraus der Glaube, dass die Haltung „Klappt schon, wenn man feste genug weg guckt“ auch nur eine Sekunde lang hilft.

Das macht mir alles echt Angst.

Die Seelemassage fiel heute aus, die kluge Frau hat sich einen Hexenschuss eingefangen. Wüsste Sie, dass ich die Sitzungen „Massage“ nenne, ergäbe sich hier ein weites Feld der Massage-Witze. Ich hoffe, es geht ihr schnell wieder gut – sowas ist ja auch kein Spaß.

Ich habe deutlich mehr arbeiten können als in den letzten Tagen, spätnachmittags waren wir endlich mal wieder am See und jetzt gucken wir die letzte Folge von #singmeinensong.

Kommen wir zum Beifang:

Bildungsforscher zur Coronakrise „Lehrkräfte haben in der Pandemie zu wenig zurückgegeben“
Diesen Artikel aus dem Spiegel haben Sie vermutlich schon gelesen, aber ich möchte eine kleine Sache noch einmal hervorheben: Nämlich die feine Differenzierung zwischen: Wer hat versagt („Das ganze System der Schulsteuerung, angefangen vom Land über den Bezirk bis runter zum Schulträger“) und wer hat dann vielleicht zusätzlich noch nicht gut agiert (einzelne Lehrerinnen)
Auch die Folgerung, dass es zu einer „Abstimmung mit den Füßen“ kommt und damit die Chancengleichheit noch weiter abnimmt, wenn sich Schulen jetzt ( = in den Ferien) nicht dringend bewegen, finde ich klug und wichtig.

Hell froze over: Lehren aus der Krise – NRW macht die Schulen digitaler.(€)
Alle rund 200.000 Lehrer in NRW bekommen Dienst-Computer, etwa 350.000 Kinder aus einkommensschwachen Familien werden sich von ihren Schulen Tablet-PC oder Laptops leihen können
Schon 20 Jahre nach Platzen der ersten dotcom-Blase und vierundzwanzig Jahre nach Beginn der Initiative Schulen ans Netz bekommen Lehrerinnen jetzt einen Computer.

28.6.2020 – The Last Encore

Erinnert Ihr Euch noch an Konzerte? Lange her, hm?

Erinnert Ihr Euch daran wie Ihr heiser wart vom Mitsingen, verschwitzt vom Tanzen und Hüpfen in der Menge?

Erinnert Ihr Euch an die endlosen Minuten, in denen Ihr immer weiter die aller-allerletzten Zugabe gefordert habt?
Wie die Band glücklich grinsend noch einmal auf die Bühne zurück kam? Wie Sie sich und Euch alle zusammen dann noch einmal mitgenommen und weggetragen hat?

Erinnert Ihr Euch, wie Ihr danach glücklich durch die Sommernacht nach Hause gefahren seid, im Kopf immer und wieder diese eine letzte Melodie des Abends?

26.6.2020 – Kontextwechsel

Ich möchte die Beschreibung dieses Tages mit einem Bild beginnen, denn Bilder sagen ja bekanntlich mehr als tausend Worte.

Mürbe ich bin, liebe Padawane.

Dann kam der Tag.Zu viele Kontextwechsel“ nannte Matthias das letztens und zog die Konsequenz, er müsse auf die Couch. So war das heute hier leider auch – bis auf die Couch.

Ich wollte wohl gerne was arbeiten, aber vorher/dazwischen gabs noch eine Rückfrage zum CMS, ein begleitetes Einrichten eines Postfachs auf dem Handy, überraschende Kollateralschäden auf einer Website als ich gegen meinen Rat ein paar Funktionen trotzdem „mal eben“ anpassen sollte, ein Rebriefing, ein lustiges Telefonat mit der neuen Autoversicherung, die sich wunderten warum mein Firmenname denn falsch bei Ihnen eingetragen wäre (weil Audi sich seit 2014 weigert, ihn zu korrigieren), eine kurze Schulung für einen altgedienten Grafiker dem ich erklärte, dass die hochgestellte Zwei ein eigenes Zeichen ist, dass es überhaupt mehr Zeichen gibt als auf der Tastatur stehen und dass er sich so etwas unfassbar kompliziertes auch von zeichen.tv copy-pasten kann, dass .tv eine echte Domainendung ist, dass es überhaupt noch viel mehr Domainendungen als .com und .de gibt, dann rief noch jemand an und sagen wir mal so: Wenn man eh gerade etwas Konzentrationsstörungen hat, dann kommt man so zu nix.

Mittags kam die Liebste und die hat jetzt Ferien und wir finden das super.

Bevor es endgültig zu heiß wurde, begab ich mich an den zweiten von acht Songs, die auf „das Album“ kommen sollen. Also, wenn man annimmt, dass ich so etwas wie ein Album zusammenstelle. Wo es doch gar keine Alben mehr gibt.

Dann endlich irgendwann Couch. Und das mit dem Arbeiten versuch ich dann morgen noch mal, wenn mich niemand anrufen kann.

25.6.2020 – Brenn den Tanzsaal nieder

Ich merke, dass der ewig gleiche Ablauf verschwimmt. Jetzt ist es 19:17 Uhr und ich muss in den Kalender schauen, um mich zu erinnern wie der Tag war. Natürlich überlege auch ich – wie Kiki oder der Webrocker – ob es sich lohnt, das aufzuschreiben. Das ewig Gleiche, den ewig gleichen Ablauf von Aufwachen, dem Bemühen, am Schreibtisch die Konzentrationsspanne zu erhöhen, dem Wetter, dem FernsehStreaming-Abend. Und die paar Links, die eh schon alle gelesen haben.

Aber dann denke ich daran, was Tagebuchbloggen für mich ist: Kein einziger Artikel ist es wert, geschrieben zu werden – erst die Gesamtheit der Artikel erzählt die Geschichte.

Und die Geschichte zwischen März und heute ist eben die Geschichte von Corona und das ist keine leichtfüßig erzählte fröhliche Geschichte. Eher eine von Müdigkeit, von Überforderung und mit wenig von dem, was unser Leben vorher ausfüllte. Also jedenfalls, wenn wir vernünftig genug sind, weder in der Tierverarbeitung zu arbeiten, noch Corona-Raves zu besuchen.

Der Rückblick wird zeigen, was diese Zeit mit uns gemacht hat und ich möchte es aufschreiben. Wie soll ich denn wissen was ich gedacht habe, wenn ich nicht lesen kann, was ich schrieb?

Uns beide hier hat die Zeit noch enger zusammen gebracht; das ist auf eine unvorhersehbare Art und Weise eine Besinnung auf das, was wirklich wichtig ist. Auch meine Online-Freundschaften, die Freundschaften also, die Menschen die nicht schon immer online leben nicht verstehen, die Freundschaften mit Menschen, die ich teilweise noch nie traf – die haben sich gefühlt auch intensiviert.
Das kann ich hier und heute im Rückblick festhalten, habe ich heute im Gespräch mit der Liebsten irgendwann bemerkt.

Also Alltag.

Und so schreibe ich auch heute: Schlecht geschlafen. Zwischen zwölf und zwei saß ich lesend auf der Terasse und genoss die Nachtkühle und scarte mich to death, als unter mir die Wühlmausfamilie schrie.

Dinge programmiert. Sie sind außer für die Agentur ehrlich gesagt belanglos – aber es ist doch schön dass nicht alle Sitten verrohen und 10 Pixel Abstand zu viel immer noch 10 Pixel Abstand zu viel sind.

Endlich, nach drei Anläufen, die CMS-Schulung gemacht. $Kundin fand sich gut zurecht und das macht mich hoffen, dass ich nie wieder etwas von ihr hören werde – und meine das natürlich ganz anders, als es sich erst liest. Denn wenn ich nichts von ihr höre, dann kommt sie mit dem CMS gut zurecht.

Mittags eine halbe Stunde auf den See geguckt.

Andere Autofahrer damit empört, dass ich wirklich hinter Radfahrerinnen warte, bis ich sie mit 2m Abstand überholen kann. Nichts macht den Sauerländer so aggro, wie wenn ihm jemand die freie Fahrt nimmt. Und sei es nur für 20 Sekunden.

Von andernorts weitweitweg höre ich, dort würde gerade renoviert. Es ist eine schöne Vorstellung, dass wir beide gerade, durch viele, viele Kilometer getrennt, mit Werkzeug durch Haus und Garten wieseln und Dreck machen.

Nachmittags mit einem Blogger telefoniert, der wirklich seltsame Fehlermeldungen erzählen konnte. Ich bin sehr gespannt, was ich dort finde, wenn ich Zugangsdaten bekommen habe.

Mit einer Freundin gechattet. Einer von denen, die ich noch nie sah, aber die einen großen Platz in meinem Herzen hat.
Seltsamerweise habe ich übrigens hier im Kaff nur Freunde, die das absolut nicht verstehen. Egal.
Sie fragt mich, wie es mir geht und ich merke, ich kann schreiben: Wieder grundsätzlich gut. Ich bin maßlos erschöpft – aber das ist vielleicht auch angemessen. Und wer ist das gerade nicht irgendwie?
Ich sing nie wieder die alten Lieder – und ich brenne den Tanzsaal nieder.

Die Liebste zum Lehrersilvester gebracht. Das Wort erschließt sich am letzten Abend vor den Ferien von selbst, oder?
Wenn Sie sich jetzt über faule Lehrerinnen aufregen möchten, lesen Sie bitte hier weiter. Danke.

*Sorry, falls Sie hier heute popkultuelle Anspielungen gefunden haben. Bei Interesse finden Sie die selbst in diesem Internet.

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