10.9.2018

Aus dem Maschinenraum: Ich nutze gerade dieses neue Blog auch ein bisschen, um mich mal wieder umzusehen. Dabei tue ich einfach so, als wäre es ein neues Blog und als würde ich ohne all mein bisheriges Wissen an diesen ganzen Technikkram heran gehen. Übrigens ein sehr erfrischender Ansatz, wenn man sich schon lange mit einem Thema beschäftigt.
Arbeiten tue ich zum Beispiel am Thema Geschwindigkeit; ich versuche gerade alles, damit diese Seiten bei Ihnen so schnell wie möglich angezeigt werden.
Man kann das von Google – denen das auch sehr wichtig ist – messen lassen und im Moment bin ich ganz zufrieden.

Bei Interesse an Hintergrundinfos zu den verwendeten Techniken/PlugIns gern fragen.

DSGVO. Nachdem uns diese 5 Buchstaben ja monatelang nur Ärger gebracht haben, dachte ich, ich nutze sie mal so wie sie gedacht waren: Ich bekomme nämlich seit kurzem massig unverlangt Werbung und Kataloge (jaja: Per Post!) von ich weiß nicht wem allem. Auf der Werbung steht aber brav der Adresshändler drauf – also bekommt der Adresshändler mal einen netten Brief und vier Wochen Zeit.
Die Vorlage für den netten Brief habe ich von der c’t, genauer von (ganz unten auf) dieser Seite.

Am See gewesen. Eine hübsche Karre die zufällig da rum stand fotografiert. Mehr im Fotoblog.

Sie erinnern sich an die Dame die mir schrieb, weil ich einen durchaus positiven Artikel über Copytrack verfasst hatte?
Mein gestern schon entstandenes diffuses Gefühl, dass es gar nicht um mich und ein Foto von mir gehen könnte, sondern dass sie einfach nur irgendwo Dampf ablassen musste, hatte nicht getrogen.
Sie hatte – nachdem Ihr Verein eine Rechnung für ein nicht-lizenziertes Foto bekommen hatte – nach Erfahrungen mit Copytrack gegoogelt und war auf mich gestoßen. Und hatte einfach mal in das E-Mail-Schreib-Fenster gerantet.

Ich nannte dieses Vorgehen in meiner Antwort an sie „originell“, habe aber, nachdem sie mir die Hintergründe geschildert hat, durchaus auch Verständnis.
Zum Ausgleich habe ich ihr erzählt wie und wovon selbstständige Gestalter, Fotografen, Texter heute so leben und von mir aus können wir uns darauf einigen: Wenn ein armer Gärtnerverein abgemahnt wird, weil sonst dem armen Fotografen Geld entgeht, dann ist das eine Situation, in der zwei Verlierer gegeneinander ausgespielt werden.
Mal sehen, wie Sie das so sieht.

Dann wieder tief in die Arbeit eingetaucht. Nachdem ich mir irgendwann schon mal eine eigene Bildergalerie gecodet hatte jetzt also nun eine eigene Lightbox. Alles muss man selber machen.

Kommen wir zu den Leseempfehlungen.

Muss man Verständnis haben? Diese Frage steht im Moment ständig im Raum. Und auch ich rede oft darüber, dass es wichtig ist zu verstehen, was passiert, dass wir alle höflich sein sollten und ähnliches, was man leicht mit widerstand- und haltungslosen Pädagogentralala halten könnte.
Jens hat da ein wichtiges Missverständnis mal in wenige, aber sehr klare Worte gefasst:

Ich kann Verständnis haben für eine schwierige persönliche Situation. […] Aber […] Rassismus bleibt davon unberührt und ich werde daher mit niemandem über irgendein anderes seiner Probleme reden, so lange er […] sich rassistisch äußert.

Jens Scholz: Warum man verdammt noch mal kein Verständnis für Rassisten zu haben hat

Und das bringt es auf den Punkt: Denn miteinander reden ist keine Einbahnstraße. Demokratie und die daraus abgeleiteten Rechte ebenso wenig. Das alles funktioniert nur mit einem Konsens, wie man miteinander umgeht. Und so lange der eine sagt, dass er diesen Konsens (sprich: Demokratie) ablehnt, hat er auch das Recht abgelehnt, dass er von den Vorteilen des Konsen profitieren darf.
Ganz wichtig: Das ist seine Entscheidung, nicht meine. Und deswegen funktioniert auch diese Opferrolle nicht, in die sich die „besorgten Bürger“ gern begeben.

9.9.2018

Einblick von außen. Schon seit längerem liebe ich es, Bücher, Blogs, Berichte, Artikel von Menschen zu lesen, die einen Blick von außen auf Deutschland werfen. Egal, ob Vlogs von AuPairs, Blogs von Expats in Deutschland, internationalen Journalisten in Berlin oder was auch immer.
Gerade stieß ich auf einen Blogartikel von Konstatin Binder, der lange in England gelebt hat und – vor dem Brexit geflüchtet – jetzt seit einem Jahr wieder hier ist.

Wir haben wieder mal Glück gehabt, sehr viel Glück. Vielleicht liegt all das auch ein ganz kleines bisschen an der Einstellung, die man an den Tag legt. Etwas Bescheidenheit ab und zu und viel ehrliche Dankbarkeit, das kann nicht schaden. Hallo Deutschland, vielen Dank, wir wissen das zu schätzen.

Konstantin Binder: Ein Jahr zurück in Deutschland

Stimmung heute eher: eingeigelt.
(s.a. Igel, Winterschlaf, Couch, Nutellatoast, Bingewatchen)

Aber nutzen wir doch diese Stimmung für ein kleines Experiment. Sind wir bereit uns selbst zu begegnen, vielleicht sogar unsere eigenen Vorurteilen? Ich weiß, wir wollen eigentlich keine Vorurteile haben. Aber wer kennt sich selbst schon komplett?
Wollen wir also nicht mal testen, ob bestimmte Begriffe bei uns sofort Assoziationen auslösen, ohne dass wir allzu viel Einfluss darauf haben? Es bleibt auch unter uns, versprochen.
Ich versuche es mal mit einer kleinen Geschichte aus meiner Jugend:

Zu Beginn muss ich kurz erwähnen, dass ich erst mit 6 Jahren nach Deutschland gekommen bin; ich war gerade noch jung genug, um direkt hier auf eine deutsche Grundschule zu kommen. In dem Dorf, in das wir gezogen waren gab es keine eigene Grundschule und so musste ich mit einem Bus jeden Morgen in die nächste Kleinstadt fahren. Für meine Mitschüler war ich spannend – fast alle anderen kamen aus der Kleinstadt und schon nur wenige aus den Dörfern drumherum.
Ihr habt ein Bild?

Verändert sich das Bild, wenn ich ergänze, dass wir aus Belgien nach Deutschland gekommen waren? Oder ist es der öffentlichen Debatte gelungen die wenigen Sätze, die ich schrieb mit „Migrationshintergrund“, mit „Gastarbeitern“ oder sogar mit Fluchterfahrungen zu füllen?
Verändert sich das Bild noch einmal, wenn ich weiter erzähle, dass ich in Deutschland geboren bin und mein Vater als Offizier der Bundeswehr für einen dreijährigen Aufenthalt in Belgien stationiert war? Dass ich dort in eine deutschsprachige „Vorschule“ gegangen war und meine Mitschüler spannend fanden, dass ich schon lesen konnte?

Ich bin gestern von einer ähnlich konstruierten, kurzen Geschichte auf meine eigenen Vorurteile herein gefallen und fand sehr augenöffnend, wie sehr schon einzelne Begriffe so verknüpft sind, dass ich sofort eine ganze Geschichte vor Augen hatte.

Die Frau, die mir gestern vorwurfsvoll schrieb, weil ich Copytrack empfehle hat geantwortet. Ich habe da eigentlich deutlich Respekt vor, denn ein Wille zum Austausch ist ja heute eher selten. Deswegen will ich auch gerne antworten – obwohl ich inzwischen zwischen den Zeilen heraus gelesen habe, dass es gar nicht um einen Fall bzw ein Foto von mir handelt.
Dann hätte sie sich einfach irgendwen aus dem Netz rausgesucht, der sich mal positiv über Copytrack geäußert hat um sich da zu beschweren – und das fände ich schon reichlich absurd.
Aber es würde für mein Google-Karma sprechen 😉
Stay tuned, das verspricht noch unterhaltsam zu werden.

8.9.2018

Da hab ich doch gestern noch darüber geschrieben, dass Stars einen auch enttäuschen können. Und schon stoße ich gestern Abend bei meiner abendlichen Instagram-Runde auf jemanden, der schon zum zweiten Mal jetzt ein Foto, das ich mal während eines Konzerts gemacht habe im eigenen IG-Stream veröffentlicht. Beim ersten Mal war ich noch bereit an Unbedachtheit zu glauben und hab nur ein kurzes „Glad, u like my photo :/“ kommentiert. Und bekam eine Antwort, die man als „Oops“ deuten konnte.
Gestern war mein Wasserzeichen dann noch deutlicher weggefiltert und ich bin sauer. Vor allem, weil Bilder anderer Fotografen, die zwischendurch erschienen immer schön mit einem Repost-Badge versehen waren; es scheint also irgendwie ein Bewusstsein für die Thematik da zu sein.
Hmpf.

Ich hab diesem Blog mal eine Blogroll ergänzt. Früher hatte ich das automatisiert, aber als der Google Reader starb – die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern – da funktionierte das nicht mehr. Aber die Idee, Blogs, die man gern liest mit einem Link zu wertschätzen ist ja eine schöne und so habe ich mich gerade in die Untiefen meines Feedreaders begeben.
Aber ach, aber ach.
In der täglichen Ansicht sieht man ja nur die Blogs, die gerade etwas geschrieben haben. Die, die man gern hatte und die schon seit Wochen, Monaten, Jahren schweigen, die gehen in der täglichen Ansicht ja unter.
Ihr alten Weggefährten von früher, Ihr Lieben, Ihr wisst, wer Ihr seid: ich vermisse Euch.
Jedenfalls: Ich habe jetzt hier eine Blogroll.

Nochmal zurück zu dem erfreulichen Fan-sein. Gestern über den Tag mehrfach länger mit einer Frau aus Berlin gechattet (sagt man das noch?).
Wir haben uns auf Facebook, genauer auf der dortigen FB-Fanpage, die ich zur eigentlichen Fanpage betreibe, kennen gelernt. Und immer wieder merke ich, dass das mindestens die Hälfte meiner Beweggründe ausmacht, diese Fanpage zu betreiben: Es macht Menschen froh, was ich dort tue.
Wir teilen eine Leidenschaft und das was ich tue, macht es vielen, nicht englisch-sprechenden Menschen leichter. Die sind dankbar, ich bin froh, es ist ein großes win-win-Dings.
Und manche von ihnen lerne ich auch ein bisschen näher kennen und wie so oft im Web gilt auch hier: Menschen, die online nett sind sind auch offline fast immer nett.

Telefoniert. Viereinhalb Stunden lang. Wir hatten uns echt lang nicht gesprochen. Da ich beim Telefonieren immer auf und ab laufe (Schlafzimmer, Nähzimmer und zurück) hab ich nebenbei auch noch mein Tages-Schrittziel vollgemacht. Nur mit dem Telefonieren, ich hab sehr gelacht.

Mail bekommen. Von jemand, der oder die – die Mail war leider nicht unterschrieben – richtig unfair findet, dass ich Copytrack benutzt habe, um im letzten Dezember die unrechtmäßig benutzten Fotos nachlizensieren zu lassen. Ich würde mich da durchaus gerne mit ihm oder ihr drüber unterhalten und gefragt, ob eine Unterhaltung möglich sein kann oder sie oder er nur einmal kräftig Unmut loswerden wollte.
Ich würde auch zweiteres absolut verstehen, würde aber wirklich gern auch anderen verständlich machen, warum es eben kein „Versehen“ ist, wenn man Fotos benutzt, für die man keine Nutzungslizenz hat. Und evtl. erwähnen, dass es vermutlich deutlich teurer gewesen wäre, wenn ich privat einen Anwalt genommen hätte.

7.9.2018

Habe ich viel zu tun, schlafe ich früh ein. Schlafe ich früh ein, wache ich früh auf. Wache ich früh auf, fange ich früh an zu arbeiten. Arbeite ich früh, habe ich Zeit, viel zu arbeiten.
Sie sehen, wohin dieser Kreislauf führt.
(Geschrieben um 5:07 Uhr)

Liebe Blogger, die Ihr schon lange, lange bei Google/Blogspot seid: Betet, dass Google den Dienst nie zu macht. Ein Import zB in WordPress ist zwar theoretisch möglich – aber nicht so trivial, wie es aussieht, wenn man den Button „Export“ bei Blogspot und den Button „Import“ bei WordPress sieht.

Lange über „Fan sein“ nachgedacht. Viele werden es wisen, ich bin ja nun Fan der dänischen Sängerin Tina Dico und manchmal schaue ich mich selbst an und denke „Fan? Ernsthaft, Christian? Mit Mitte Vierzig? Sind das nicht 14-jährige, die bei der Hotline anrufen müssen , wenn Robbie W. die Band verlässt?
Meist rette ich mich selbst dann damit, dass ich zum einen kein besseres Wort finde … – „Großer Verehrer ihrer Person“? Nee.
Und dass ich meist auch lieber sage: „Ich bin ein Fan ihrer Musik.“ Denn mehr bekommt man ja nun zuerst einmal über CD und Konzert gar nicht mit.

Spannend wird das dann, wenn man die oder den Künstler dann trifft oder sogar ein bisschen kennen lernt. Ich bin zum Beispiel ebenfals großer Fan der Musik von Hermann Brood, war mir aber Zeit seines Lebens sicher, dass ich mit ihm persönlich nichts hätte anfangen können – um es mal höflich auszudrücken.
Außerdem sollte man meiner Meinung nach vorher auch durchaus mal in Erwägung ziehen: Holt sich die- oder derjenige selbst vom Sockel, wenn man aufeinander trifft? Wird mir die Musik noch ebenso viel bedeuten wie vorher, als ich noch nicht wusste, dass sie oder er ein arroganter Vollhorst ist?
Wobei man – um fair zu sein – auch bedenken sollte: Schaffe ich selbst es, mehr als ein vollkommen starstruck gelähmtes, „You’re so great“ stammelndes Groupie zu sein? Denn im Ernst: Ein wirkliches, angenehmes Gespräch kann man mit so einem Menschen dann ja auch als der netteste Künstler nicht führen.
Spannende Überlegungen.

„Fan“ einer Person zu sein – das ist übrigens dann auch etwas, was ich mit Mitte Vierzig nicht mehr kann.
Und da schließt sich der Kreis: Ich bin Fan ihrer Musik. Und habe zusätzlich einen wirklich tollen Menschen kennen gelernt.

Aber wo wir gerade bei „Fan“ sind: Kiki hat vor ein paar Tagen Comics, die ich gelesen habe vs. Comics, die man gelesen haben sollte gebloggt. Ich habe mir das im Feedreader zum Lesen aufgehoben, weil ich bei der Überschrift wusste: das wird ein guter Artikel für den ich Zeit haben will. Denn zum einen ist es eh immer toll, wenn Menschen über etwa schreiben, was sie mögen und zum anderen: Naja, Kiki halt.
Heute endlich gelesen, sehr gemocht und vielleicht bringt mir das jetzt den Stups, mir mal ein paar von den Comics zu kaufen, die ich früher mal gemocht habe. Und außer den LTBs noch was anders im Haus zu haben. Michel Vaillant, den hatte ich ja total vergessen!
Merci dafür.

Foto mit den Bücherrücken der ersten 17 Lustigen Taschenbücher.
Ja, wir haben sie alle.

Was anderes: ein paar Zahlen. Im vergangenen Jahr 14 Morde, 125 Vergewaltigungen und insgesamt etwa 8000 Gewalttaten. Beunruhigend. Kann man sich noch sicher auf die Straße trauen?
Also die Frage an Euch: Traut Ihr Euch? Geht Ihr noch raus, liebe Hamburger? Ihr anderen, fahrt Ihr trotz dieser Zahlen noch nach Hamburg? (Es hatte doch niemand ernsthaft geglaubt, ich spräche über „Ausländer“ oder „Flüchtlinge“?)
Nein nein, ich spreche von Hamburg.
Diese Zahlen sind übrigens im Vergleich gut; seit ewig war es in Deutschland nicht so sicher wie aktuell.

Ein Fotoshooting vorbreitet. Gemerkt, wie wir hier im Internet mit unseren Internetfreunden und den allgegenwärtigen Kameras daran gewöhnt sind, dass wir dauernd fotografiert werden. Und voll vergessen, dass Menschen das ja auch sehr, sehr unangenehm und aufregend finden können.
Irgendwann früher, im alten Blog schrieb ich schon mal, dass es der Selbstwahrnehmmung total hilft, täglich Fotos von sich selbst zu machen. Ist die Selbstwahrnehmmung besser aufgestellt, kann man auch beim Anblick einer Kamera entspannter gucken, dann werden die Bilder besser, dann mag man sich mehr auf den Bildern und wird entspannter und so weiter und so weiter. Aber so ein Kreislauf muss ja erst mal in Gang gebracht sein.

Ding. Wochenende eingeläutet.
(Jaja, Kalaueralarm. Schulligung.)

Es war doch nur ein Spaß

Als ich 1997 begann, ins Internet zu schreiben und da Gleichgesinnte traf, da waren „wir“, wir im Netz noch oft eine Ansammlung von Außenseitern. Erzählten wir im „Real life“ von Online, betrachtete man uns mit Interesse – da dieses Internet ja der neue heiße Scheiss sein sollte – aber meist auch mit reichlich Unverständnis.
Eine namentlich nicht näher genannte Mitbewohnerin fragte mich, als sich mein Berufswunsch entwickelte, mal verzweifelt: „Wie viele von diesen Internetseiten soll es denn geben? Meinst Du wirklich, irgendwann bestellt mal jemand seine Pizza online?“
Die Zeit hat diese damals bestimmt gerechtfertigten Fragen beantwortet.

Aber wenn etwas jahrelang eine Parallelkultur ist, dann entwickeln sich dort auch – eben: parallele Kulturen.
Und sie bleiben auch, sie sind nur nicht mehr so sichtbar: Abgesehen von wenigen Ausnahmen haben wir zwar 2018 oft das Gefühl, das Netz sei fest in der Hand der großen Netzwerke und durch und durch komerzialisiert und geregelt – aber das gilt nur für die großen Straßen des Informations-Highways. Auch abseits des viel beschworenen Darknets gibt es immer noch Sub- und alternative Kulturen – und wie in der Kohlenstoffwelt gilt: So lange RTL oder Sat1 nicht plötzlich darauf stoßen und eine reißereische Reportage ins Abendprogramm setzen, nimmt man sie nicht wahr.
Die Zeit hat sich einem speziellen, sehr konkreten Phänomen zugewandt und angenehm ruhig den Fall eines einzelnen Menschen beschrieben, der gefangen ist in dem „Ruhm“, den er in einer bestimmten Szene hat. Es ist eine tragische Geschichte, aus der es auch keinen rechten Ausweg zu geben scheint:

Das Spiel, in dessen Mittelpunkt er steht, hat im Grunde nur ein Ziel: ihn zu quälen. Am 20. August erreichte das Game ein neues Level: Zwischen 600 und 800 Menschen kamen in das 40-Seelen-Nest in Mittelfranken und feierten eine Art Party: saufen, durch den Wald zu dem Haus pilgern, grölen. Der Name der Veranstaltung: Schanzenfest.

Zeit.de: YouTuber Drachenlord: Der Drache, den das Internet heimsuchte

Habt Ihr noch eine dreiviertel Stunde mehr Zeit, könnt Ihr auch noch einmal die Reportage der ARD zum Thema „Hass ist ihr Hobby“ anschauen, die war auch recht gut. Außerdem ist Luca dabei.

Wie konnte es nur soweit kommen? Ehrlich gesagt finde ich das nicht schwer zu beantworten, wenn ich ein bisschen über den zeitlichen, medialen und moralischen Tellerrand schaue; es gibt da logische Entwicklungen.

Die eine ist: Streiche haben eine lange Geschichte. Schon als Kind las ich vom bayrischen Schriftsteller Ludwig Thoma die Lausbubengeschichten, die übrigens Mitte der sechziger auch verfilmt wurden. Inhalt: Streiche, die der junge Ludwig seinem Dorf spielt. Teilweise auch schon mal eher deftig.
Wilhelm Busch war noch davor, den Grausamkeiten in seinen lustigen Geschichtchen widmet die Wikipedia gleich einen eigenen Abschnitt.
Es folgten die Lümmelfilme und in den achtzigern schauten unsere Eltern „Verstehen Sie Spaß?“
Wikipedia beschreibt die Sendung recht treffend so: „eine Unterhaltungssendung, bei der Personen absichtlich in eine missliche Lage gebracht und dabei mit versteckter Kamera gefilmt werden“.
Die Mittdreißigerer bis Mittvierziger schauten dann Punk’d, das man vermutlich exakt so beschreiben kann. Dann zog Elton nachts um die Häuser und spielte Bimmel Bingo, dann kam Pranked und …
Was ich sagen will: Jede Generation hatte ihre Vorbilder die zeigten, dass es lustig ist, „Streiche“ zu spielen. Und einen common sense, dass man bei so etwas als Opfer auch mitmachen muss, denn sonst war und ist man eine Spaßbremse.

So weit, so stringent für mich.

Dazu kommt meiner Meinung aber noch etwas: Menschen sind sich nicht bewusst, welche Dynamik etwas annehmen kann, wenn es viele tun. Auch meine erste Reaktion auf meinen selbst konstruierten Vergleich zwischen einem „Lausbubenstreich“ und 700 gröhlenden Campern vor dem Haus ist auch: „Das ist doch etwas vollkommen anderes“.
In der Gesamtheit: Ja.
Für das Opfer: Vermutlich ja.
Für jeden einzelnen: Nö.
Der einzelne macht doch quasi gar nichts. Und die Verantwortung, dass jeder und damit auch mal selbst aufhören müsste, um das Gesamttreiben zu stoppen – die haben Menschen nicht.

Ein winziger Exkurs kann vielleicht noch beser verdeutlichen, was ich meine: Wenn wir Theater spielen, dann findet sich da meist eine Truppe von ca 15 Menschen zusammen. Soll die Probe beginnen, sammeln wir uns alle vor der Bühne und weil wir ja alle gute Laune haben und das Spaß machen soll, macht jeder noch ein Witzchen. Kein Ding, ein kleiner Spruch ist ja nichts schlimmes. Aber: 15 Sprüche mit jeweils einer halben Minute Lachen aller und wieder Ruhe einkehren lassen dauern 15 Minuten. Rechnet man ein, dass wortgewandte Menschen auf einen Spruch meist noch einen drauf setzen sind auch schnell 25 Minuten ereicht. 25 Minuten nach denen alle überrascht sind, dass wir nie pünktlich anfangen. Die eigene Verantwortung ist schwer wahrzunehmen, denn, mein Gott, EIN Witz! Exkurs Ende.

Und nun? Als alter Pädagogikhansel weiß ich, dass es zigfach schwieriger ist, ein Verhalten aus einem Menschen wieder heraus zu bekommen, als es von vorne herein erst gar nicht entstehen zu lassen.

Und schon ist die eine Stunde in der Woche, in der unsere Kinder in der Grundschule Klassenrat haben schon gar nicht mehr Tralala, wo besser Mathe gemacht werden sollte, sondern viel zu wenig.
Schon sind Spiele, in denen das Sozialverhalten geübt und gestärkt wird kein Pädagogenquatsch, sondern notwendiger denn je.

Schon brauchen wir noch viel, viel mehr Lehrer, weil gehelikopterte Prinzessinen und Prinzen nirgends eine Chance haben, ihre eigene Verantwortung in einer Gruppe zu erfahren.

Und schon merken wir schmerzhaft, dass wir selbst eine Entscheidung treffen müssen, ob wir nette Menschen sein wollen oder nicht. Wie (und ob) wir die Kassiererin begrüßen, ob wir uns mit Trinkgeld freikaufen, wenn wir die Bedienung angeschnauzt haben und auch, ob wir Twitter dazu nutzen allen zu erzählen, dass heute Morgen in der Bahn jemand irgendetwas gemacht hat, was unser müdes Hirn nicht so gut verarbeiteten konnte.

Ach, by the way: Der Nazistaat zwischen 1933 und 1945 funktionierte auch ziemlich prima damit, dass jeder einzelne kaum etwas tat und keine Verantwortung hatte.
Die „Trauerfeier“ in Chemnitz auch.
Aber das ist vermutlich eine andere Geschichte und soll ein andern Mal erzählt sein.

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