Müssen kranke Menschen immer wieder auf ihre Krankheiten hinweisen und darüber erzählen?

Im Fragen-Doc stieß ich auf folgende Frage:

No offense, aber müssen kranke Menschen immer wieder auf ihre Krankheiten hinweisen und darüber erzählen?

… und die kurze Antwort lautet: natürlich nicht; aber ja, natürlich.

Und die lange so:
Nein, natürlich müssen wir alle nur sehr wenig. Aber wenn man zB daran interessiert ist, in einer aufgeklärten Gesellschaft zu leben, in der alle die gleichen Chancen zu haben, ein bestmögliches Leben zu führen, dann ist es leider nötig. Denn die meisten Krankheiten sollen heute in unserer Gesellschaft am besten nicht stören; das betrifft übrigens nicht nur Krankheiten, sondern nahezu alles, was aus einem relativ engen Rahmen an als „normal“ angesehenen Ausprägungen menschlichen Lebens heraus fallen.

Es ist nötig, weil Schwächen in einer ins Extrem getriebenen Leistungsgesellschaft bitte nicht sichtbar sein sollen, damit es allen leichter fällt, daran zu glauben, dass wir alles es schaffen können, uns einen eigenen Flieger in den Hangar zu stellen und Bundeskanzler oder DAX-Vorstand zu werden.
Es ist nötig, weil derart unsichtbar gehaltene Normalität viel leichter als persönliches Problem des einzelnen und als Randerscheinung abgetan werden können.

Und so ist es nötig, gesellschaftlich sichtbar zu bleiben; man könnte auch fast sagen: Existent zu bleiben. Wenn die Gesellschaft denkt, man sei eine Randerscheinung, dann verschwindet man vom Radar. Dann sind Rampen an Geschäften nicht nötig, dann gibt es keine ruhigen Stunden in Supermärkten, dann gibt es keine Kliniken, keine Suchtstationen, dann werden Psychotherapeutinnen schlechter bezahlt, dann müssen sich Arbeitgeberinnen nicht mit Anforderungen abseits des „Normalen“ befassen.

Leider ist es auch nötig, persönlich sichtbar zu bleiben, denn zu all dem Schlamassel kommt noch, dass dieses „Normalitäts“-Denken in den meisten Köpfen schon oder noch, egal, auf jeden Fall relativ tief verankert ist. Nein, nicht an der Oberfläche, da sind wir alle ja inzwischen schon ein bisschen aufgeklärt. Aber sehr lehrreich – und das kann ich Ihnen aus persönlicher Erfahrung sagen – ist zum Beispiel der Moment, wenn es nicht nur darum geht, bedauernd zu nicken, wenn ich sage, dass ich mehr Zeit brauchen werde, weil mich zB aktuell sehr viele Dinge viel schneller anstrengen, sondern wenn es darum geht, auf mich zu warten. Wenn es darum geht, dass ich eben nicht mit den anderen in die Kneipe zum Quiz kommen kann und man an den Gewohnheiten einer Gruppe etwas tun müsste, wenn ich als Freund dabei bleiben soll. Wenn die aufmerksame MTA mich anguckt und mich schnurstracks in eine der Wärmetherapie-Kabinen schiebt, weil sie sieht, dass ich den Trubel im Wartezimmer gerade nicht aushalte und die andere verständnislos guckt. Wenn Menschen wissen, dass ich gerade keine Energie aufbringen kann, jemanden anzuschreiben oder -rufen, aber mich trotzdem über Kontakt freuen würde. Auch wenn der dann nur 20 Minuten und nicht einen frohen ganzen Tag dauern kann.

Deshalb müssen Kranke darüber sprechen. Und wenn Sie Ihre Frage so nett mit „no offense“ einleiten, der – no offense! – Generation-Internet-Kommentar-Einleitung dafür, im nächsten Satz in vollem Bewusstsein unhöflich zu werden, dann schließe ich mal: Sie haben vielleicht bemerkt, dass ich im Moment einen Krankheitsschub habe? Dass ich nicht mehr fluffig und inspirierend darüber schreibe, wie gut damals die Therapie für mich war, sondern unfluffig darüber, was gerade nicht klappt? No offense, das gehört zu meinem Leben und warum das in die Öffentlichkeit gehört, das haben Sie ja schon gelesen. So wie es für mich – und vermutlich viele andere – dazu gehört, dass ich 40% aller Nächte meines Lebens Alpträume habe und nicht schlafen kann und deswegen weniger Kraft habe. Dass ich Stunden und Aberstunden ins Lernen investiert habe, meine Träume steuern zu können und es eigentlich täglich üben müsste – damit ich dann nach einer Alptraum-Nacht nicht zwei, sondern vielleicht nur eine Stunde brauche, um in den Tag zu kommen. Dass die Therapie nicht nur ein irgendwie mutige, vielleicht inspirierender Absatz in meinen Dienstäglichen Artikeln ist, sondern mir jeweils einen kompletten Nachmittag nimmt – denn es ist nicht die eine Stunde auf der Couch, es ist zusätzlich eine Stunde Fahrt und dann der Rest-Nachmittag um diese Stunde einzuordnen, ratio- und emotional zu reflektieren und alles in mein Leben zu integrieren, damit sie etwas bringt. Dass ich Freunde verliere, Sozialkontakte verliere, Jobs verliere.
Deswegen muss das alles erzählt sein. Und nicht, weil ich die arme Sau bin, die sich dadurch Bedeutung verschaffen möchte, sondern weil viele Menschen denen es ähnlich geht, kein Blog haben, kein Talent zu schreiben, keine Leserinnen, kein gutes Link-Ranking in den Suchmaschinen und deswegen noch unsichtbarer sind.
Weil es halt einfach kranke Menschen gibt, viel mehr übrigens als Sie denken. Weil sie da sind und weil sie persönlich und gesellschaftlich darauf angewiesen sind, so sichtbar wie möglich zu sein, damit ihnen nicht noch mehr Lebensqualität genommen wird, nur weil ein paar zufällig erfolgreiche sie halt nicht auf dem Schirm haben.

Hier ein Ps, hier noch ein PPs.

Sie haben Fragen? Sie wünschen sich ein Thema, über das ich mal bloggen soll?
Schreiben Sie’s auf!

Alle bisherigen Antworten finden Sie übrigens hier.

12 Kommentare

  1. So. Und: Es ist hier ja Herr Jawls Blog. Wer ein Blog schreibt, ein nicht kommerzielles, schreibt einfach. Wer auch immer es interessiert findet, der liest es. Wer es nicht interessant findet – alles oder einzelne Beiträge -, geht weiter.

    Im Übrigen ist es für mich als Kundin sehr praktisch, wenn Herr Jawl hier schreibt, wie es ihm geht und was ihn untreibt. So kann ich mich, meine Aufträge und meine Erwartungen darauf einrichten. Herr Jawl ist nämlich ein sehr guter Webworker. Deshalb mache ich das gerne; das ist auch mein Verständnis von guter Zusammenarbeit.

  2. [Hier bitte sehr, sehr lauten und lang anhaltenden Applaus vorstellen.]

    Danke für die deutliche Ansage in der langen Version. <3
    (Ich hoffe, der*diejenige liest es und lernt entweder was draus oder schämt sich.)

  3. Danke sehr! Als Mensch mit einer chronischen Erkrankung (die mich derzeit körperlich noch nicht sehr beeinträchtigt, aber trotzdem sehr oft mein Denken bestimmt) bin ich immer sehr unsicher, wem ich was erzählen kann. Eigentlich sollten wir mehr über solche Dinge reden, einfach um zu sehen, dass wir nicht allein sind, dass wir uns nicht schämen müssen, weil wir nicht alles mitmachen (können).

  4. Eine tolle Antwort, sehr viel ruhiger formuliert, als ich das getan hätte. Danke fürs immer wieder drüber schreiben und Grüße aus dem ebenfalls chronisch kranken Teil der Welt.

  5. Danke. Von einer ganz anderen Krankheit betroffen, möchte ich doch diesen Artikel verlinken, er ist wichtig!

Kommentare sind geschlossen.

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