#kunstderwoche: Der Fuchs

Dieser Artikel entsteht als Antwort auf Frau Novemberregens Frage, ob ihr jemand Bilder vorstellen könne – zum Thema #kunstderwoche.

Ich schicke vorweg: Ich hatte lange Zeit keine Lust auf „Kunst“. Menschen die in Museen gingen, redeten mir zu geschwollen daher. Erst mit der Liebsten schaute ich mir diese Kunst mal an und erst mit (ich glaube) Herr Buddenbohms Methode* durchs Museum zu gehen, begann der Spaß so richtig.
*) „Gib jedem Bild 5 Sekunden. Wenn es Dir in der Zeit nicht gefällt, geh weiter.“

Ich erzähl hier was über den Fuchs. Die Auswahl ist vollkommen zufällig und hat einfach den Grund, dass das das letzte seiner Bilder ist, das ich zuletzt „live“ vor mir sah. Ich könnte aber vermutlich auch mindestens über jedes andere seiner bunten Tiere das gleiche sagen.

Diese Erklärung hat zwei Ebenen: Meine persönliche und eine mit ein bisschen Theorie.

Einleitung Ende.

Mein“ Franz Marc: Mit siebzehn sah ich sehr zufällig eines seiner Bilder und es haute mich um. Ich war – Kunstunterricht-geschädigter Punk – in der Phase, Kunst doof zu finden. Dann zeigte mir eine kleine Hippiefreundin dieses Bild (aus Gründen die egal sind, zum Glück im Museum und nicht als Druck). Ich hatte keine Ahnung von Kunsttheorie und war auch nicht daran interessiert, aber das Pferd auf der Wiese flashte mich total.
Das Tier war kraftvoll und schön und stolz (das sind die besten Wörter die mir einfallen). Die Wiesen waren warm im Sonnenlicht, ich roch das reife Korn – so viel Stimmung in so wenigen Details.

Damals musste man sich Bücher kaufen um mehr Bilder zu sehen (Keine Lust, zu viel Theorie) oder man fand in Läden mit etwas Glück Mappen mit Drucken oder zum Jahresende mal einen Kalender. Ich lernte also erst langsam mehr Bilder von Marc kennen – und natürlich erstmal die populären, also die bunten Tiere. Ihre Wirkung war immer die gleiche, ich liebte sie alle.

Jahre später, als ich schon mit der Liebsten zusammen war, lieh ein Münchner Museum mal eine Reihe Marc-Bilder an das Museum Ludwig in Köln aus. Das war in Fahr-Reichweite und wir fuhren hin. Es würde das erste Mal seit meinem siebzehnten Lebensjahr sein, dass ich ein, nein: sogar mehrere Bilder von ihm live sehen würde.
Die Ausstellung war im ersten Stock, wir kamen die Treppe hoch, bogen in den richtigen Flügel des Museums ab und ich sah – ganz hinten am Ende des langen Flurs vor Kopf in dem Raum drei blaue Pferde. Und stand tränenüberströmt im Treppenhaus (sorry, ich bin da wie Kristen Bell: Auf der emotionalen Skala von 1-10 heule ich unter drei und über sieben los)
Die Ausstellung lief nur noch eine Woche und ich fuhr in dieser Woche drei oder viermal abends die Stunde nach Köln, setzte mich einfach in den Saal mit den Bildern und war glücklich. Ab dem zweiten Mal kannten sie mich und ich kam umsonst rein.

Lange hat mich wenig Hintergrund rund um Marc interessiert; ich habe manchmal Angst, dass so eine Liebe durch Theorie geschmälert werden könnte. Und wie ich schon mal schrieb: ich fühle mich gesegnet, so etwas erleben zu können.

Trotzdem haben mich die Liebste und die Buddenbohm-Methode über die Jahre mehr über Kunst im allgemeinen lernen lassen. Wenn ich etwas schön fand, dann hab ich auch schon mal die Schildchen daneben angesehen. Habe irgendwann Begriffe häufiger gelesen, mir auch mal was gemerkt und Verknüpfungen erstellt. Habe gelernt, warum es mutig war, falsche Farben zu benutzen oder Dinge von mehreren Seiten gleichzeitig zu malen.
Kann sehen: Ok, das war damals revolutionär. Und vielleicht kann ich es deswegen schätzen. Oder auch nicht.
Vielleicht gefällt es mir deswegen sogar, weil ich dann die Kraft oder eine Aussage darin sehe. Oder auch nicht.

Der Hintergrund: Auf den ersten Blick sind diese bunten Tiere recht simpel: Relativ abstrakt, ein buntes Tier mit kräftigen Farben drumherum; der Fuchs zum Beispiel ist blau, um ihn herum gibt es eigentlich nur ein paar Farbflächen in stark kontrastierenden Farben (Farb-zu-Farb-Kontrast.) Rechts ein Baumstamm, links vielleicht noch etwas Gebüsch. Obwohl Menschen es zuerst als „sehr bunt“ und damit auch eher unruhig wahrnehmen, wenn so starke Farben nebeneinander stehen, strahlt der liegende Fuchs auf mich eine große Ruhe aus.
Obwohl alles drumherum nur abstrakt angedeutet ist und die Farben „nicht stimmen“, wirkt die Haltung des Fuchses vollkommen natürlich (und beneidenswert entspannt, aber das ist nur meine Meinung).

Das Bild ist 1911 entstanden. Bis nicht lang davor war es Malern darum gegangen, die Wirklichkeit möglichst naturgetreu – naturalistisch – einzufangen und darzustellen. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde dieser Job von der aufkommenden Fotografie immer besser erledigt.
Franz Marc hatte auch ganz klassisch Malen gernt und seine frühen Skizzen und Bilder sehen noch deutlich „natürlicher“ aus.

Est dann begann er, sich damit auseinander zu setzen, mit seinen Bildern nicht mehr die Wirklichkeit einzufangen, sondern sein Erleben auszudrücken (we call that idea „Expressionismus“).

Seine Mittel wurden dafür zum einen der freie Umgang mit Farben und außerdem der Entschluss, nur noch Tiere zu malen.
Nachdem er viel über verschiedene Farbtheorien gelesen hatte, begann er, seine eigene Farblehre aufzubauen, in der er hauptsächlich den verschiedenen Farben Eigenschaften zuordnete: „Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal und schwer*

Tiere wiederum bedeuteten für ihn „Reinheit und Unschuld“ – zwei Begriffe, die für mich erst mehr Sinn bekamen, als ich begriff, dass diese kraftvollen, bunten Bilder in den schlimmen Jahren kurz vor dem ersten Weltkrieg entstanden sind, als die Welt gerade in Stücke zerfiel und die Menschheit sich gerade in Deutschland anschickte, ihr hässlichstes Gesicht zu zeigen.

Was für ein starkes friedliches Bild in der Zeit, als vermutlich schon die Giftgasgranaten für Verdun geplant wurden.

Abschluss: Es fiel mir schwerer als gedacht, diesen Artikel zu schreiben. Weil ich Marc zwar sehr liebe (Sie hatten das mitbekommen, ja?), aber meine Theoriekenntnisse höchstens solides Halbwissen sind – und auch eher dieses Halbwissen, was einen nicken lässt, wenn man etwas liest und nicht das, was man mühelos wiedergeben kann.
Aber: Ich bin der festen Meinung, dass dieser – mein – Zugang zu Kunst ein wertvoller ist. Zu oft habe ich Menschen vor Bildern schwatzen hören und wenn ich in ihre Gesichter schaute, war es da leer. Ich fürchte, das waren die, die ins Museum gehen, weil man das tut.
Ich glaube auch gar nicht, dass man „Kunst mögen“ muss; aber ich glaube fest daran, dass man, wenn man einen Überbau-befreiten Zugang findet – und ich möchte da nochmal die 5-Sekunden-Regel erwähnen – sehr viel an Schönheit im Leben gewinnen kann.

Deswegen: Bilder im Musum sind was vollkommen anderes als als Druck oder online: Geht in Museen! Rennt durch, habt Spaß, aber geht!

2 Kommentare

  1. Wie schon bei Twitter – dieser persönliche Zugang gefällt mir unheimlich gut. Es bereitet mir große Freude hier zu lesen und Ihnen zu folgen. Es bereichert mich sehr. Danke dafür.

  2. Wie gut, dass deine Klappe so groß war! 😀
    Danke vielmals für den Einblick in deine Art, Kunst zu sehen oder vielmehr zu fühlen. Zum Einen, weil es schön zu lesen ist, aber auch ganz egoistisch, weil es meine eigene Art des Umgangs bestätigt. Ich „verstehe“ nichts von Bildender Kunst, aber ich weiß, wenn ich was mag.

    Und für deine emotionale Skala kriegste jetzt ne große virtuelle Umarmung. Ich mag Menschen, die wegen sowas tränenüberströmt werden und dazu stehen. Und überhaupt das Wort „tränenüberströmt“ benutzen. <3

Kommentare sind geschlossen.

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