21.12.2014 – Was machst Du eigentlich beruflich, Christian?

– Januar:

Die erste Anfrage: „Ich (= eine Privatperson) möchte gerne ein Blog. Ich schreibe seit Jahren schon Fachartikel über Möpfel und jetzt möchte ich gerne ein Blog haben. Ich mag diese Blogs: [lange Reihe großer bekannter Blogs, die sich hautsächlich mit Medienwandel, Blogs, Internet allgemein beschäftigen], so etwas möchte ich auch.

Prima”, dachte ich mir und ging wohlgemut zum ersten Briefing. Meine Aufgabe sollte es sein, konzeptionell beim Aufbau des Blogs zu helfen und das Blog auch gerne zu monetarisieren. Super.

– März:

Nach mehreren Treffen, in denen wir über das Social Web, über Blogs und auch über Monetarisierungsmöglichkeiten sprachen, gab es eine kurze Pause und dann eine neue Anforderung: „Ich habe mir alle Ihre Unterlagen angesehen und ich möchte nicht, dass jemand bei mir kommentieren kann – die Meinung anderer Leute in diesem Internet interessiert mich nicht. Ich kann auch nicht regelmäßig schreiben das ist viel zu viel Arbeit – deswegen soll mein Blog nicht chronologisch sein. Ach, ich will auch keine Kategorie-Seiten, damit niemand mein ganzes Möpfel-Wissen runterladen kann. Und keine Suche.

Aber kann ich eine Funktion haben, die in fünf Schritten den Möpfelbedarf der User abfragt? Am besten so, dass man ohne genau Angaben zu sich selbst gar keine Möpfel angezeigt bekommt. Und dann, nach der Suche, sollen immer nur 10 Möpfel angezeigt werden; ich weiß am besten, welche Möpfel die Leute wollen. Und dann setzen wir Links zu amazon, damit die Leute die Möpfel kaufen und wir Geld verdienen.

Ich warne vor der Umsetzung dieser Idee, werde aber abgewiesen.

Naja”, dachte ich mir, und beginne, ein Konzept rund um so eine Suchfunktion.

– Immer noch März:

Wie wird man denn im Internet heute bekannt?” werde ich gefragt und erkläre viel über Storytelling und Content Marketing, darüber, dass die Möpfel-Fans eh alle bei facebook sind und dass man, wenn man aus Gründen kein Blog haben möchte am besten auf eine starke facebook-Präsenz setzt. Ich zeige gelungene Beispiele für Social-Media-Auftritte aus dem Bereich Möpfel, Döpfel und Söpfel.

Wir richten einen Test-Account bei facebook ein, damit man sich dort im geschützten Raum umsehen kann.

– Immer noch März:

Prinzipiell gefällt mein Konzept sehr gut. Ein Anwalt wird hinzugezogen, um die Marke „Möpfel-Portal” europaweit einzutragen. Vom zusätzlich engagierten Illustrator höre ich in einem Nebensatz, dass man ja begeistert von meiner Gestaltung sei, sie sei nur etwas zu wenig bunt.

Ich muss etwas lachen, denn: Zu diesem Zeitpunkt gibt es noch keine Gestaltung. Es gibt Wireframes sowie Ablauf-Diagramme, die die Funktionen abbilden.

Ich erkläre das zum wiederholten Male.

Wir zurren dann sowohl die Funktionen als auch den grundsätzlichen Aufbau der Seiten fest; ich beginne mit einem Layout.

– April:

Das Layout wird begeistert angenommen und ist genau das, was man sich vorgestellt hat. Es ist auch bunt genug.

Aber: „amazon ist böse, das will ich nicht. Ich will einen eigenen Shop.

Ich rufe meinen Shop-Programmierer an, wir besprechen das etwas spezielle Shop-Konzept, er macht ein Angebot.

– Mai:

Das Angebot ist überraschenderweise zu teuer, man will doch keinen Shop. Dafür Affiliate-Links zu $kleinerUnbekannterMöpfel-Versand.

Ich mache ein Angebot über die Programmierung auf Basis von WordPress. Das ist ok.

– Ich beginne mit der Programmierung. Auf meine Anfrage, ob wir vielleicht parallel mit facebook weiter machen wollten, bekomme ich die Abfuhr, das man dafür keine Zeit habe, man habe Wichtigeres zu tun. Ende Mai ist nämlich die alljährliche Münchner Möpfelmesse und man habe im Halbstunden-Takt Termine mit den Möpfelherstellern ausgemacht.

Außerdem habe man ja mal bei der von mir empfohlenen Döpfel-Facebook-Page [die mit den 592.725 Likes] etwas gelesen und das sei vollkommen indiskutabel, was der Autor dort zum Thema „Mupf” geschrieben habe. So etwas wolle man nicht und die Diskussion sei bitte jetzt beendet.

– Juni:

Die Möpfelmesse war ein voller Erfolg. Alle Möpfelhersteller finden das Projekt total super.

Meine vorsichtige Nachfrage danach, was ein Möpfelhersteller denn auch sonst sagen soll, wenn jemand umsonst Werbung für ihn macht, wird nicht verstanden.

– Immer noch Juni:

Als ich mit dem kleinen Möpfelversand spreche, um die Parameter für die Affiliate-Links zu bekommen, erfahre ich, dass man dort ohne URL-Parameter arbeitet und sich auf die Referrer-Anzeige bei Google-Analytics verlässt. Auf meinen Einwand, dass man den Referrer unterdrücken kann und zB viele „Personal Firewalls” das auch tun sagt man: „Es hat sich noch keiner beschwert

Auch $Kunde findet das nicht wirklich schlimm.

– Immer noch Juni:

Ich frage noch einmal nach, wie denn das Marketing aussehen soll und ob wir denn nicht dringend mal zu facebook gehen sollten.

Brauchen wir nicht, wenn die Website fertig ist, wird man Pressemitteilungen an die Möpfelhersteller verschicken.

– August:

Das Möpfelportal ist soweit fertig, als man feststellt, dass man ja gar keine Fotos von den Möpfeln hat. Auch die Möpfelhersteller erinnern sich nur bedingt an die auf der Messe versprochene Unterstützung und verweisen auf Google.

Große Entrüstung, weil WordPress aus den 120Px-Fotos aus der Google-Suche keine scharfen 500Px-Bilder machen kann, die in unser Layout passen. Ob das wirklich ein seriöses Programm sei?

Außerdem hat man noch eine Frage: Die Konkurrenz von den „deutschen Möpfel-Seiten” hat jetzt ein Blog. Warum haben wir so etwas nicht?

Dieser Artikel wurde zuerst am 21.12.2014 veröffentlicht im jawl, meinem alten Blog. Das jawl ist geschlossen aber diesen Artikel wollte ich gern behalten und habe ihn deswegen in ein Archiv alter Artikel aufgenommen.

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