Corona 2022. (long time no see, jaja)

Wissen Sie was? Es gibt da ein paar Entwicklungen, die bekommt mein Kopf nicht so richtig zusammen:

Im ersten und zweiten Jahr der Pandemie schrumpfte sich meine Blase in Web- und Kohlenstoffwelt ein klein wenig kleiner und dann waren sich alle in dieser Blase zum Thema „Corona“ einig. Gut, eigentlich ist das ja verdächtig, wenn das so ist – weil man sich dann eventuell in einer Filterkammer befindet. Aber diese Blase hatte rege Kontakte nach außen, bezog sich auf Fachmenschen, wusste Quellen zu zitieren, arbeitete gleich selbst vor Ort auf den Coronastationen des Landes. Und sonst war sie eh ziemlich divers, allzu viele Kriterien für eine Echokammer waren also gar nicht erfüllt.

Die Einigkeit dieser Blase sowohl untereinander als auch mit der Wissenschaft in der Einschätzung der Gefährlichkeit der Pandemie ließ sich vereinfacht so zusammenfassen: Bitte eine Maske vors Gesicht und Orte mit vielen Menschen besser meiden. Abstand und möglichst bald impfen lassen. Wir brauchen jetzt ein Solidarprinzip und da muss jede ein wenig zurück stehen.
In der Ausgestaltung gab es feine Unterschiede und ich denke noch heute: Grundsätzlich waren das eine valide Einschätzung der Lage und keine sonderlich großen Ansprüche.

Etwas uneiniger war man sich dann höchstens darüber, wie man Menschen mit anderer Meinung begegnen sollte: Mit ihnen reden? Ignorieren? Beschimpfen? Versuchen, sie zu verstehen? Ghosten? Gegenrede mit Fakten? Gegendemo mit Eiern und Farbbeuteln? Es gab unterschiedliche Meinungen, aber die meisten waren eher konfrontativ und ausschließend, schließlich tue man mit Maske und social Lockdown ja selbst schon genug für die Gesellschaft. Höchstens, darüber dass „diese anderen“ dumm sein mussten, herrschte noch weitestgehend Konsens. Die könnten sich ja einfach mal informieren. Man muss nicht mit jeder reden. Ich muss nicht immer die Welt retten, Christian, die gehen mir einfach auf den Sack.

Es ist 2022 und die Einigkeit im Verhalten ist inzwischen weg. Der Sommer ’22 brachte Omikron, die sog „milde Variante“, Läden, Biergärten, alle Locations öffneten, die Einschränkungen fielen und die Herzen öffneten sich mit. Klar, wenn’s doch jetzt erlaubt ist? Selbst in meiner Apotheke, die vier Wochen vorher noch jeden hemmungslos rausbrüllte, der ohne einen Desinfektions-Sprühstoß und eine medizinische Maske vor Nase und Mund reinkam, löste die OP- die FFP2-Maske ab und die rutschte auch bald erst unters Kinn und dann in die Kitteltasche.
Die meisten Bekannten und Freunde haben irgendwann eine Infektion hinter sich gebracht, „nee, war nicht schön, aber nun denn, irgendwie ja auch unvermeidlich. Treffen wir uns?“ Während zu Beginn des Frühsommers der zweite rote Strich noch eine SMS und eine Insta-Story wert war, verlor sich selbst der Nachrichtenwert bald so sehr, dass man es manchmal nur noch durch Zufall erfuhr.
Sätze, die ein Jahr vorher – da nur von „den anderen“ gesprochen – verlacht worden waren, waren wieder gemeinschaftsfähig: „Man musste aber auch mal wieder raus

Und die, die an der Front arbeiten? Die, bei denen immer noch täglich über 100 Patienten sterben?
Oder die, die staunend die Inzidenzen mit denen vor einem Jahr vergleichen?
Und die, die wochen- oder monatelang im Bett lagen, weil der Gang zur Dusche als Tageswerk schon zu anstrengend war? Die, die Dauerschmerzen, Herzrhythmusstörungen oder Brainfog oder diese verdammte ewige mit nichts zu vergleichende Erschöpfung mit sich herum schleppten, wo waren die?
Die vesrtummten. Naja, Einzelfälle. Einzelfälle gehen immer verloren, das wissen Menschen mit seltenen Krankheiten, mit Behinderungen, anderer Hautfarbe, you name it – wenn man beginnt, in Mehr- und Minderheiten zu denken, dann kann man sogar große Gruppen an Einzelfällen übersehen.
Es verliert ja irgendwie auch immer irgendwo jemand gerade seinen Job nicht wahr? Aber irgendwo ist ja auch gerade Sonnenuntergang, also Prost!, komm mir nicht mit so Downern, so jung kommen wir nicht mehr zusammen.

Wir wissen ja: Egal ob die Fakten darin stimmen oder nicht – in nichts ist dieses soziale Internet so gut, wie darin, Echokammern zu bauen.
Doch halt, in noch etwas: Die Kammern später allmählich so umzubauen – so leise dass man es gar nicht wahrnimmt. Gut – da fällt dann schon mal eine Minderheit raus. Da verstummen Menschen die man zwar Jahre lang nicht gesehen hat, und die man später beim Blick auf die Freundesliste noch einmal bis zum nächsten Eichhörnchen-GIF ganz dolle vermisst – aber der Algorithmus tut seine Arbeit so leise wie unerbittlich und erfolgreich.
Und klar, wenn man selbst auch gerne einfach nach den zwei anstrengenden Jahren mal wieder durchatmen wollte – wem wollte man es verübeln, dass man dann lieber die hört, die das auch möchten? Ich sicher nicht; ich verüble nicht, ich beobachte.

Aber dann kam ein Punkt, der mich grausen machte: Der Punkt nämlich, als meine Gruppe zerbrach. Erst schien alles wie immer: Wie gewohnt waren „die anderen“ die dummen, auf die man besser nicht hört, die, die man mutet, übersieht, ghostet oder beschimpft wenn sie zu nahe kommen. Nur dass „die anderen“ jetzt nicht mehr die Querdenker von früher waren, sondern ein Teil derer, mit denen man vor einem Jahr noch gegen die Impfverweigerer gelästert hatte. Da, wo vorher Einigkeit geherrscht hatte, lief die Linie mitten durch. Aus Freunden waren plötzlich Feinde geworden und die Unterscheidung war einfach:
Wenn man selbst noch Angst vor Covid hatte, dann waren die doof, die jetzt rausgingen – weil‘s ja erlaubt war.
Wollte man selbst endlich mal wieder raus, dann waren die doof, die warnten.

Und wir wissen ja: Wenn man im Internet jemanden doof findet, dann aber auch gleich so richtig.

Aber ich weigere mich das zu glauben. Ich weigere mich zu glauben, dass alle, die raus gehen, auf Konzerte gehen, Hochzeiten feiern, Freunde treffen, keine Maske mehr tragen, selbstsüchtige Idioten sind, denen einfach alle anderen egal sind.
Und ich weigere mich ebenso, zu glauben, dass die, die fassungslos auf die Trümmer eines vorher schon angezählten Gesundheitssystem schauen, die, die Angst haben einer von täglich hundert zu sein oder mit ME/CFS zu enden, nur paranoide Idioten sind, die niemandem mal Spaß gönnen.

Ich sehe also zu, wie ein Riss mitten durch eine Gruppe Menschen geht, die ich als mein soziales Ökosystem wahrnehme. Wie sich Menschen beschimpfen oder – natürlich öffentlich angekündigt – gegenseitig wegblocken. Wie sich mein Ökosystem halbiert und: Wie es sich anfühlt als müsse ich eine Entscheidung treffen.
Nein: Als würde eine Entscheidung getroffen.
Denn wir kennen das: Wenn sich Paare trennen, dann entscheiden sich meist auch die Freundeskreise langsam aber sicher, auf welcher Seite sie landen wollen. Aber im Web ist das nicht mehr nötig, da übernimmt das der Gruppenhass und der Algorithmus: Poste ich einen Artikel über hohe Inzidenzen, gehöre ich ab dann automatisch zu den Besorgnisträgern – gehe ich zu einem Konzert, bin ich automatisch ein egoistischer Idiot. Keine weitere Differenzierung nötig, Kontext auch nicht; 280 Zeichen reichen: Mute- & Reply-Button sind frei gegeben.
Nein, die Entscheidung treffe ich nicht, die wird getroffen.

Und so falsch es sich schon immer angefühlt hat, in „die und wir“ zu denken – mein Widerwille dagegen hat sich potenziert: Es ist immer falsch, so doof „die anderen“ auch sind. Immer.
Ja, das hat Grenzen, ich kenne das Toleranz-Paradoxon, aber ich möchte dringend über die Grenze reden, ab der diesem Paradoxon greift – ich weigere mich, Menschen so schnell auszublenden.
Und ich hasse es, wenn jemand durch fehlende Medienkompetenz und Algorithmen ausgeblendet wird.

Exkurs1: Wie wollen wir eigentlich dieses viel geforderte Zusammenleben mit Menschen anderer sexueller Orientierung, anderer Hautfarbe, anderen Glaubens, anderen whatevers … hinbekommen, wenn wir nicht mal zuhören können, warum jemand für sich entscheidet, (nicht) zu einem Konzert zu gehen und wie sie das ausgestaltet?

Exkurs 2: Ich glaube, dass diese weitere Spaltung unserer Gesellschaft für manche Menschen durchaus nützlich ist. Nämlich für die, die angetreten waren, Verantwortung für dieses Land zu übernehmen. Und für die, die Macht haben wollen – es gibt da Überschneidungen der Gruppen. So lange wir uns streiten und solange dieses „wir“ in immer kleinere Gruppen zerfällt, so lange werden wir sie nicht zu sehr nerven können. Da können dann auch Klinikangestellte mal ein paar Monate streiken und man kann es einfach aussitzen – es sind einfach zu wenige. Wobei die Einstellung der sog. Öffentlichkeit zu Streiks ja eh so zum Kotzen ist, dass es einen eigenen Artikel bräuchte, aber der soll ein anderes mal geschrieben sein.
Dividere et impera“ – dass man am besten herrscht, wenn man teilt, das wussten schon Menschen, die weit vor unserer Zeit weitaus erfolgreicher, länger und größer herrschten als irgendjemand in unserer jungen Bundesrepublik.
Wichtig: Ich unterstelle keine Absicht und keinen Masterplan; ich unterstelle höchstens, dass halt niemand gegen die Spaltungen was tut, weil‘s halt so praktisch ist.

Achja: Falls Sie sich jetzt wundern, dass ich gar nicht geschrieben habe, auf welcher der beiden Seiten – und ich hasse dieses Wort an dieser Stelle mit Inbrunst – ich denn nun stehe? Es ist ganz einfach: Wir beide hier haben nach meinem aktuellen Wissensstand aufgrund verschiedener Prädispositionen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit auf nicht ganz leichte und/oder kurze Verläufe. Unser Credo lautet: „Wir dürfen’s nicht kriegen“. Außerdem sind wir depressiv (nicht metaphorisch) geworden vor lauter Lagerkoller, Einsamkeit und Sehnsucht nach Draußen und wir lieben, lieben, lieben es, endlich Freunde wieder zu treffen, mal Essen zu gehen oder auch mal wieder Livemusik zu hören und überhaupt das Haus zu verlassen.
Ganz einfach also, oder?

Anmerkung: Ich werde keine Komentare veröffentlichen, die Corona leugnen, die die Arbeit der Wissenschaft (nicht die Kommunikation) in Frage stellen und auch nicht welche, die zwar den Artikel kommentieren, das aber nutzen, um unwissenschaftliches Zeugs unterzubringen. Ich spreche über das meiste davon gern woanders, aber nicht unter diesem Artikel, hier geht es um etwas anderes. My party, my rules.

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5 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese ausführlichen Überlegungen. Es braucht viel Bereitschaft zum Austausch und Zuhören um einen Modus des Miteinanders von Menschen unterschiedlicher Positionen zu finden. In unserer WG und bei unserem Samstagsfrühstück ist das ein immer wieder neu aufeinander Zugehen und Ausprobieren. Bei uns ist das Verhältnis von geimpft zu ungeimpft ziemlich genau halbe – halbe, wobei niemand von den Ungeimpften Corona bestreitet.

  2. Ich habe immer zum Team Vorsicht gehört. Ich wollte Corona nicht, um keinen Preis. Es ist mir gelungen bis Anfang Juli 2022, eine Freundin war da aus Amerika, nur für eine Übernachtung, nur ein ganz kurzes Treffen. Es hat gereicht, sie wusste nicht, dass sie sich angesteckt hatte, drei Tage nach dem Treffen war ich positiv. Und ich bin immer noch nicht fit, habe noch Probleme, körperlich, erschöpft, entmutigt. Ich werde weiter Maske tragen und mich wieder weniger mit Menschen treffen, weil ich es auf keinen Fall nochmal bekommen möchte. Und es frustriert mich, dass ich in meinem Umfeld bald alleine sein werde, weil alle anderen es nicht so schlimm finden.

    1. Ja, diesen Frust kenne ich. Und ich bin sehr gespannt, was der Herbst bringt – also nicht auf die gute Art gespannt.

Kommentare sind geschlossen.

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