9.11.2019 – vereinigt und getrennt

Wochende hin oder her – ich wache um sechs auf und bin rappelig genug, um an den Schreibtisch flüchten zu müssen. So I did some coding.
Und sah einen Sonnenaufgang.

Einen Großteil dieses Jahres kämpfe ich jetzt schon mit Spam. Jaja, tun wir alle. Erst musste ich aber lernen, dass der Spamfilter beim Hoster etwas übereifrig war; schweren Herzens stellte ich ihn also ab.
Seitdem trainiere ich meinen lokalen Spamfilter. Oder er mich, man weiß es nicht genau.
Auf jeden Fall kann man davon ausgehen, dass – wann immer ich gerade denke es läuft – mich jemand vorsichtig anfragt, ob ich denn ihre Mail nicht bekommen habe. Zum Glück. Heute zum Beispiel fand ich eine Einladung, die mich sehr freute und eine wochenalte Jobanfrage – was mich nicht sehr freute.

Letztens sprach die Liebste:Weißte was, ich nehm jetzt mal ’nen Coolibri mit, wie früher“. „Früher“ war ja nun vor dem Internet und Stadtmagazine wie der Coolibri waren für die Freizeitplanung wichtiges Utensil.
Außerdem konnte man sich über die Kontaktanzeigen amüsieren.

Erstens: Bei den Kontaktanzeigen heute fiel mir auf, dass die quasi alle erst so bei Mitte 40 anfangen. Klar, alle anderen verlieben sich ja heute online alle 11 Minuten.

Und zweitens las ich das Ding wirklich von vorne nach hinten durch und fand eine Ausstellung im Folkwang Museum Essen: „I was a Robot – Science Fiction und Popkultur“ Das klang gut, da fuhren wir heute hin. An der Kasse erfuhren wir, dass seit gestern noch „Der montierte Mensch“ zu sehen war. Na klar, warum nicht?

Und ich sag mal so: Ich bin so froh, dass angefangen habe, mit der Liebsten in Mussen zu gehen. Kunst anzugucken. Auf Verdacht mal irgenwohin zu fahren und Ausstellungen anzuschauen.
Dass wir unseren ganz eigenen, von Kunstunterricht und VHS-Führungen unbeeinflussten Umgang mit Kunst haben.
Wir sehen so viel Schönes, lernen immer wieder so viel. Und je mehr wir ansehen, desto mehr kennen wir uns auch aus und das hilt bei der nächsten Ausstellung und das ist einfach nur schön.

Falls Sie also irgendwo im Ruhrgebiet wohnen: Die laufende Sammlung im Folkwang ist eh kostenlos und 10,- für zwei Sonderausstellungen finde ich auch vollkommen ok. Lohnt sich, ehrlich.

Aus Gründen krame ich hier mal eine alte Geschichte hervor:
Am Samstag, dem 29.9.1990 fuhren ein, also genauer: mein Englisch-LK und ein Geschichts-LK* zusammen auf die obligatorische Kursfahrt: Vierzig knapp 18-jährige für eine Woche nach England.

*)Wer die armen Geschichtler, die ja garantiert nicht aus tiefer Liebe zu Fremdspachen heraus Geschichte als LK gewählt hatten in diese Verlegenheit brachte, habe ich bis heute nicht begriffen – aber die Wege dieser Nonnen waren halt unergründlich.

Wir waren zuerst drei Tage in Oxford, dann vier Tage in London. Und um so richtig in die Kultur des Landes eintauchen zu können, hatte man uns in Gastfamilien untergebracht (arme Geschichts-LKler) und das war aus vielen Gründen sehr spannend.
Einer – und damit der in diesem Zusammenhang interessante – war, dass wir an Zeitungskiosken und überhaupt in einem anderen Land das erste Mal mitbekamen, wie man von außen auf die deutsche Wiedervereinigung schaute. Deutschland allgemein war ja größtenteils eher im Freudentaumel und mein persönliches kleines Umfeld war an politschem Diskurs eher wenig interessiert.
Ich erinnere mich nicht konkret an Schlagzeilen oder Artikel, aber die Engländer sparen ja eh selten mit Nazi-Sprüchen und die in vielen Formen rübergebrachte allgemeine Bersorgnis machte mich sehr nachdenklich.

Zum anderen waren mein Freund und ich zumindest in der ersten Familie in Oxford bei Menschen gelandet, die nicht nur ein bisschen Taschengeld nebenbei brauchten, sondern die auch richtig Bock hatten, sich mit ihren Gästen mal zu unterhalten.
Sie selbst waren aus Nordafrika nach England gekommen und kannten jede Form von Fremdenfeindlichkeit aus Ausländerhass aus erster Hand. Es war interessant, sich mit ihnen zu unterhalten und ich hoffe, wir konnten zumindest diesen beiden Menschen vermitteln, dass Deutschland im Vereinungsfreudentaumel jetzt nicht gleich wieder von Maas bis Memel wollte.

In der Nacht zum dritten Oktober hingegen lernte ich das erste Mal in meinem Leben schmerzhaft, was eine Filterbubble ist. Auch offline wähnt man sich ja immer irgendwie in der Gewißheit, dass alle Menschen um einen herum irgendwie so ticken wie man selber und der engere Kreis um einen selbst.
Und da wir uns ja schließlich – ausgelöst durch Schlagzeilen und Gasteltern-Gespräche – auch all die Tage immer wieder durchaus auch besorgt über die möglichen Folgen dieser Hauruck-Vereinigung unterhalten hatten, gingen „wir” auch davon aus, dass der ganze Bus so tickte wie wir.

Tat er nicht.

Ich muss noch kurz erzählen: Wir trafen uns nachts, nach dem Schließen der Pubs, immer noch am Bus. Unser Busfahrer war wohl sehr England-Reisen-erfahren und hatte jeden verfügbaren Freiraum seines Busses mit Dosenbier vollgestopft. So konnten die Sperrstunden-ungewohnten Deutschen noch nachfeiern und ich vermute, er verdoppelte damit in etwa seinen Lohn.
In der Nacht zum dritten Oktober standen wir also wieder auf dem Parkplatz und mussten feststellen, dass um Punkt zwölf die andere Filterbuble, die sich zufällig im gleichen Bus befunden hatte, diesen historischen Moment mit dem Absingen der deutschen Hymne begehen wollte. Ach und weils so schön war: Da gabs doch auch noch ’ne erste Strophe. Und wenn man schon so schön zusammen steht, dann kann man ja auch in der Menge versteckt mal eine Hand in den Himmel strecken.

Außerdem lernte ich damals die Kraft kennen, die ein „Ach Du bist doch ’ne Spaßbremse!” haben kann, wenn man Menschen anspricht, die gerade finden: „da wird man doch wohl mal singen dürfen”.

Nachdem ich meinen Freund, der das Ganze dann mit den Fäusten klären wollte, zurückgehalten hatte gingen wir traurig in unsere Familien. Nein, nicht nur traurig. Hilflos, wütend, traurig, beschämt, verwirrt. Alles auf einmal.

Morgens am dritten Oktober 1990 war die Teilung Deutschlands beendet und die Teilung eines LKs eines Mendener Gymnasiums besiegelt.

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