8.12.2018 – Happy Birthday, Jim

Kennen Sie das? Sie haben etwas erlebt und sind davon so richtig begeistert. Sie erzählen anderen davon und die lächeln auch nett aber können das nicht nachvollziehen – logisch, sie haben es ja nicht erlebt. Und dann kommt jemand anderes daher und erzählt exakt das Gleiche – und es macht sie froh; froh, dass sie nicht der einzige sind, froh, dass das was Sie erlebt haben wohl wirklich so ist? Nun denn, Sven war in Århus und Århus hat sicher sehr viel zu bieten und Sven schreibt (sinngemäß):
Man kann alles mit Karte zahlen! Die sitzen alle draußen! Die sind alle extrem nett!
Und das ist in etwa das, was ich als am bemerkenswertesten auch erzähle; das beruhigt mich fast schon. Es hätte ja auch sein können, dass ich aus purer Sympathie zu Århus’ berühmter Sanges-Tochter da tagelang vollkommen verblendet herun gelaufen wäre.

Apropos „Gesang“: Heute wäre Jim Morrison 75 Jahre alt geworden. Als ich die doors kennen lernte war ich 17 oder 18 Jahre alt, hatte meine Heavy Metal-Phase hinter mir und hatte aus dieser Phase gelernt, dass Musik, die Eltern schocken sollte möglichst hart sein musste.
Dementsprechend war ich erstens etwas überrascht, dass ausgerechnet Marc – Musik härterer Gangart damals eigentlich vollkommen unverdächtig – mir da was Neues empfahl. Außerdem war ich erst etwas enttäuscht, das war ja weder hart, geschweige denn heavy.

Die revolutionäre Kraft der vier und vor allem die von Jims Texten wurde mir also erst langsam bewusst.

Moment of inner freedom
when the mind is opened & the
infinite universe revealed
& the soul is left to wander
dazed & confus’d searching
here & there for teachers & friends

The opening of the trunk

Aber spätestens, als ich mir zu Weihnachten das Buch „Die verlorenen Schriften von Jim Morrison“ wünscht und meine Mutter mich unter dem Weihnachtsbaum zur Seite nahm und erklärte: Die Buchhändlerin habe ihr von diesem Werk doch sehr abgeraten – da war die Sache klar.
Der Musikexpress erklärt:

[…] erklärt Nietzsche zwei griechische Götter zu den entscheidenden Polen des Lebens: Hier der rauschhafte, urwüchsige und zügellose Urwille, verkörpert in Dionysos; da die gestaltende, harmonische, ebenmäßige Kraft, verkörpert in Apoll. Laut Nietzsche existiert der Mensch im Spannungsfeld zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen.

Das Motto „Sex, Drugs und Rock’n’Roll“ war in den Sechzigerjahren nicht nur das Credo der noch jungen Rockmusik, es war im Wesentlichen eben auch dionysisch. Jim Morrison, äußerlich von durchaus apollinischer Schönheit, muss Nietzsches Worte über das Dionysische wie eine direkte Regieanweisung gelesen haben, als eine Blaupause für sein künstlerisches Dasein, als eine Blaupause für jenen Urtyp des ersten, echten Rockstars.

Diese Kunstwerkwerdung gehört, siehe Lady Gaga, heute zum oberflächlichen Grundwortschatz des Pop – Jim Morrison hat sie als einer der ersten Künstler ernsthaft betrieben.

musikexpress.de: Jim Morrison ist der Pin-up-Boy der Rebellion

Rauschhafter, zügelloser Urwille“ und ihre Kinder: Freie Sexualität und das Recht auf Rausch aber sind für unsere Gesellschaft gefährlich und das wird sogar die Kleinstadtbuchhändlerin erkannt haben.
Heute, im Jahr 2018 haben wir das zum Glück gut geregelt: Künstlerische Extase ist auf wohlkalkulierte Busenblitzer bei den MTV-Awards reduziert – und für den Fall es blitzt zuviel, gibt es ja keine Live-Übertragungen mehr und man kann die Gesellschaft vor dererlei Obszönitäten schützen. Drogen sind – wenn überhaupt – nur akzeptiert, wenn sie der Leistungsteigerung dienen; rausch kommt da nicht vor. Das Recht auf freie Sexualität erlebt den schlimmsten Backslash seit ich lebe und überhaupt: Wer der Gesellschaft nicht dienen will ist ein (Hartz-4)-Schmarotzer.

Feiern wir also den 75. Geburtstag des Lizard King.

Mein achtzehnjähriges ich schrieb – wie ich gerade sah – übrigens vorne ins Buch: „It’s not easy to understand a searchin soul“.

Darüber hinaus: Der Zahndoc hatte gesagt: Jo, da ist eine kleine Entzündung, aber die tut erstmal nix. Gestern Abend habe ich die Entzündung wohl etwas gereizt, sie revanchiert sich gerade.
Bieberkacke.