6.4.2022 – business as usual oder: Ambiguitätstoleranz my ass

Gestern Abend noch sah ich einen Tweet, oder wars ein Instagram? – egal, ich sah irgendwo in diesem Internet einen Aufruf zur Hilfe für eine bestimmte Sache für einen einzelnen Menschen, geflüchtet aus der Ukraine und jetzt irgendwo in einem Stadtteil in einer speziellen Situation – Sie kennen das vermutlich, wir haben uns fast schon wieder daran gewöhnt.
Dieser Mensch trägt Dreads.
Es sagt viel über unser Leben in unserem kleinen Teil der Welt aus, dass ich …
– wegen der Absurdität der möglichen Diskussionen, Ex- oder Implosionen des Social Web zuerst einen Lachanfall bekam
– dann wegen meiner Freude daran, über solche Situationen zu sprechen einen Tweet verfasste
– und dann diesen Tweet natürlich wegen der Angst vor einem soliden Missverstandenwerden inkl. möglichen Shitstorms nicht sendete.

Ebenfalls gestern Abend sah ich noch ein Video von einem Auftritt von Tina bei den diesjährigen Gaffa-Preisverleihungen, sie trat dort mit einem Medley aus zwei nagelneuen Songs vom Anfang April veröffentlichten Album auf und es hat mich so tief glücklich gemacht wie lange nichts mehr. Denn: man sieht, wie glücklich sie ist. Vermutlich einfach nur darüber, endlich wieder das tun zu können, was sie liebt und lebt.
Schauen Sie nur:

Heute Morgen stieß ich beim morgendlichen Twitter-Scroll auf den nächsten #IPCC-Bericht, darüber, WIE am Arsch wir so sind. Also klimatechnisch gesehen.
Es gab die üblichen Ausprägungen in den Tweets: Vorwurf, Entsetzen, Ratlosigkeit und ich denke so langsam, dass wir alle auch deswegen so ungenießbar sind, weil sich in unseren Hinterköpfen der Gedanke regt, dass wir selbst noch in den Genuss der Folgen des Klimawandels kommen. Und unsere Kinder so richtig.
Und unser Hirn dafür keine Reaktionen parat hat.
Wir sind da übrigens nicht die ersten: eine angemessene Reaktion darauf, dass es ihren Kindern nicht so gut gehen würde wie ihnen selbst, haben übrigens schon die Boomer nicht hinbekommen, als es noch um so harmlose Themen wie Arbeitslosigkeit und Eigenheim ging.
Man kann also gespannt sein, wie wir darauf reagieren, dass unsere Kinder ein komplett, und ich meine: komplett anderes Leben werden führen müssen.
Ach ja: wir reagieren ja schon darauf. Aktuell mit Verweigerung. Durchaus logisch, aber nicht zielführend.

A denial, a denial, a denial, a denial.“ Sorry, schoß mir in den Kopf. Hören Sie sich das Lied doch nochmal an, so lange wir noch den Strom für ein paar mittlere Mittelstädte dazu verbraten können, Serverzentren zu kühlen.
Ooops, sarcasm detected.

Ich muss übrigens gestehen: Unter dem Aspekt bin ich wirklich froh, keine Kinder zu haben.
Schulligung, das alles war jetzt ein echter Downer.

Den außer-internetlichen Teil des Tages begann ich im Supermarkt, wir hatten da eine Fehlplanung in der Kühlschrankfüllung und im Eingang steht ein dickes Schild, dass der Laden um das Tragen einer Maske bittet. Die meisten trugen eine.
Ich weiß nicht, ob das richtig oder nicht ist, ich weiß keine Wahrheit, aber ich weiß, dass ich einer Risikogruppe angehöre und meine eigene Regel lautet: Ich darf nicht krank werden. Und deswegen freute mich das.

Apropos Pandemie: Dr Ina Beintner hat auf Twitter einen interessanten Aspekt in der Kommunikation unserer Regierung in der Pandemie im Allgemeinen und von unserem Gesundheitsminister im Besonderen angeschaut: Den Aspekt, was eine doppeldeutige Kommunikation* mit der Empfängerin macht:

*) Und glauben Sie mir: Alles was ich an issues mit mir rumschleppe lässt sich auf DoubleBind bzw Gaslighting zurückführen – das ist kein Spaß.

Ergänzend – sorry, wenn ich nochmal zu dem Downer zurück komme – passt das auch zur Berichterstattung über unser Klima: Da folgt in den Medien auf den Klima-Alarmbericht dann der Bericht darüber, dass in Deutschland leider kein Tempolimit möglich ist weil wir nicht genug Schilder haben und was soll ein verzweifeltes Gehirn – das eigentlich noch in Eat or get eaten-Strukturen programmiert ist – denn bitte mit so einem Widerspruch tun, als alles zu ignorieren und niemandem mehr zu glauben?

Vormittags – und wieder ein Sprung zurück – viel Kleinkram am Schreibtisch. Eine Kundin rief an und teilte mir die – meiner Meinung nach sehr abenteuerliche Einschätzung – ihres Datenschutzbeauftragten mit.
Jetzt hatte ich Ihnen ja vorgestern noch erwähnt, dass ich keine rechtlichen Auskünfte geben darf. Also habe ich ganz unverbindlich mal davon erzählt, über welche Themen sich mein Anwalt und ich uns bei der Erstellung einer Datenschutzerklärung so unterhalten. Und zum Schluss freundlich gefragt, ob sie persönlich jetzt meine, die Empfehlung ihres Datenschutzbeauftragten, einfach keine Erklärung zu schreiben, sei so ganz richtig. Sie bedankte sich für die Plauderei und will nochmal nachfragen.
Und wenn mich jetzt jemand darauf festnageln will, mein nicht-Rat zu mehr Vorsicht sei wohl ein Rat gewesen – na, dann bitte.

Ab Mittags dann den Kleinkram zur Seite gelegt und mich auf den aktuell einen großen Job konzentriert, der da auch auf dem Schreibtisch liegt. Das war gut.
Den Job habe ich übernommen, nachdem ich ihn schon mal hatte, ihn dann Agentur A (Freundin des Geschäftsführers) und dann Agentur B (Neffe des Prokuristen) jeweils vor die Wand gefahren hatten und man sich an mich erinnerte. Ich sag da nichts zu, bin froh, wie kalt mich sowas nach 25 Jahren im Job lässt und mach jetzt ’ne schöne Website.

Aber apropos „ungestört“: Kennen Sie den Trick, auf dem iPhone ein eigenes Profil dafür einzurichten, wer einen stören darf und wer nicht? Angenommen, Sie möchten für die Familie aus Gründen erreichbar sein, für die Kollegen aber aus anderen Gründen nicht? Oder fürs Kollegium nicht, aber für die Schulleitung?
Ich habe jetzt einen eigenen Fokus mit einer Positiv-Liste (aka: die kommen durch) erstellt und alle anderen Menschen erreichen mich eben manchmal nicht; bei mir bimmelt’s nicht mal) das ganze funktioniert App-übergreifend und ist super und wie’s geht, steht hier sehr versteckt unter der Überschrift Eigenen Fokus einrichten als zweiter Punkt.
Rockt sehr.

Zeugs

Als Lehrerinnenmann erinnere ich mich gut ans Referendariat der Liebsten; ich erinnere mich allerdings hauptsächlich ungern – das positivste Gefühl, das ich aus dieser Zeit mitnahm war: „Ja, es war richtig, das Lehramtsstudium abgebrochen zu haben“. Es geht nicht nur uns so.

Es war so, wie wir es als Schüler:innen kennengelernt hatten: Um erfolgreich durchzukommen, mussten wir es anderen recht machen, denen, die bestimmten was und wie wir zu lernen hatten. Keine Mitsprache. Keine Teilhabe. Motivation wird im Keim erstickt.
[…]
Ein Mitreferendar fasst es so zusammen: „Mit dem Ref testet das Land nicht nur das fachliche, pädagogische und didaktische Können, sondern auch die körperliche und psychische Belastbarkeit seiner Beamt:innen. Das sagt nur niemand laut.“

Dominik Heißler auf krautreporter.de:
Ich will meinen Schüler:innen mehr Macht geben – aber wie?

Passend dazu ein sehr kluger Blick darauf, was es braucht, um Veränderungen erfolgreich anzustoßen und warum es Menschen geben muss, die gegen Veränderungen sind:

[…] unterschiedliche Ziele führen zu unterschiedlichen Arbeits- und Denkstrukturen in den entsprechenden Teams. Wer sich damit beschäftigt, eine Organisation zu verändern, setzt andere Prioritäten als die Kolleg*innen, die den Fokus auf das Tagesgeschäft legen.
[…]
Die Friktion zwischen den beiden rührt daher, dass die Changer häufig Entscheide fällen, die die Runner dann ausbaden müssen. Oder dass die Changer kühne Ideen haben, aber sich nicht darum scheren, wie sie umgesetzt werden. Umgekehrt erleben die Changer die Runner oft als chronische Bremser und Nein-Sager, die sich an Säulen klammern, die bereits ins Wanken geraten sind.

Philippe Wampfler auf Schule Social Media:
»change the school« vs. »run the school« – wie Schulen zu multimodalen Organisationen werden

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