6.11.2021 – quo vadis?

Heute überwiegend gechillt. War super.
Bemerkenswert nur der Restaurantchef, der immer beim Sprechen die Maske unters Kinn zog – und am Satzende dann wieder über die Nase zurück.

Zwei Artikel, die mich nachdenken machten.

Frau Donnerhallen hat sehr beeindruckend auf den Tisch gehauen und davon angeregt denke ich mal wieder über die Lebenswege der angesprochenen jungen IT-ler nach. Oder auch über die von Männern die ich in mittelstädischen Unternehmen in mittleren Fürhrungsebenen antreffe, Männer, die nicht bösartig sind und die die Strukturen, die sie kennen, aber weiter leben, weiter tragen. Denen ich vielleicht in guten Momenten anmerke, dass sie verwirrt sind und die aber keinerlei Verhaltensmuster haben, um zu reflektieren oder etwas zu ändern, selbst wenn sie es wollten.

Keine Sorge, nein, das wird hier weder „arme Männer“ noch „not all men“, denn ich finde vollkommen, dass jeder für sein Handeln selbst verantwortlich ist und man sich informieren kann und muss, wenn einem die Hälfte der Gesellschaft sagt, dass es etwas schiefläuft. Statt zu erklären, dass alles seine Richtigkeit habe.
Zurück zu diesen Männern: Die sind so alt wie ich und ich denke an meinen Abijahrgang zurück und an die Jungs, mit denen ich mit 18 schon nichts anfangen konnte und sie mit mir auch nicht.
Die hatten Physik- und Sport-LK, beides reine Jungs-Kurse bei uns damals – also 10 von 20 Wochenstunden nur unter Jungs. Dazu vielleicht noch der Pflicht-SoWi-Kurs weil man die ganzen „weichen“ Fächer früh abgewählt hatte, das macht dann schon fast zwei Drittel der Vormittage nur unter Jungs. Die sahen aus, als legte Mama ihnen noch die Kleidung raus und gesprochen haben sie wenig und wenn über Fußball. Und mit Mädchen standen die nie beisammen in den Pausen.
Dann erstmal ein Jahr zum Bund, da sind alle endgültig verstummt. Manchmal glaube ich: Nichts hat die Jungs meiner Generation so verstummen lassen wie der Wehrdienst. Purer Männlichkeitswahn, den Du nur schaffst, wenn Du Deine Gefühle einfach vergräbst. Ich kannte Männer, echte Kerle, so welche mit 15 Punkten im Sportabi, die jeden Sonntagabend weinten wie kleine Kinder, wenn sie zurück mussten.
Hätten sie sich das nur mal gemerkt.
Es folgte: Ein Ing-Studium in irgendwas technischem – nur Männer – und schon hatten sie die prägendsten Jahre der Pubertät und Adoleszenz ohne Kontakt zu Frauen erlebt. Und ohne einmal an einem echten weiblichen Menschen zu erleben, was die Strukturen, die sie kennen und leben, anrichten.

Wie gesagt: No excuse intended; nur die Suche nach Strukturen und was wir heute daraus lernen können. Und so frage ich mich immer: Wie kann man so etwas vermeiden? Wo fehlen Vorbilder, wo fehlt erlebtes Zusammenleben, wo und wie früh sollte man damit anfangen? Naja und dann lande ich bei rosa und blauem Spielzeug und begreife die Wichtigkeit der rosablaufalle und merke: Sofort. Immer. Und dann weiß ich auch nicht.
Bleibt im Ergebnis für mich wohl nur: Nie aufhören, dagegen zu reden, zu handeln, zu streiten.

Und dann war da noch Fau Novemberregen, die erzählte: (lesen Sie auch die Antworten)

… und ich finde das nicht nur ganz hervorragend sondern auch sehr, sehr interessant.
Man spricht ja heute so viel über Gegenrede* und wie nötig sie ist und ich zweifle auch gar nicht an, dass es nötig ist, Stellung zu beziehen, um den Deppen nicht den öffentlichen Raum zu überlassen. Aber um Meiningen zu ändern, um einen Diskurs zu leben – da glaube ich schon lange nicht mehr an das Prinzip der Gegenrede. Und letztens las ich – und ich muss das noch recherchieren und verifizieren, nehmen Sie also diesen Satz mit all der Vorsicht die man haben sollte, wenn ein random dude etwas ins Internet schreibt – ich las also, dass seit den 50ern erforscht ist, dass Gegenrede keinerlei Wirkung hat, um jemanden zu überzeugen oder auch nur zum Nachdenken zu bewegen.

Sich aber an eine Pinnwand zu stellen und einfach zu machen, bei einem Seminar als Moderatorin einfach vorzuleben – das führt nicht zu einer Konfliktsituation, das kann vielleicht? offensichtlich? Denkprozesse anregen. Denke ich. Hoffe ich. So tue ich es.
Und irgendwie bin ich dann wieder oben angelangt bei meinen Physik-LK-Mittelständlern und vielleicht weiß ich doch ein bisschen. Ich lass mich dann mal weiter von Frauen auslachen, wenn ich sage, ich sei Feminist und gender auch meine Angebote auf jeden Fall weiter und nehme es als gutes Zeichen, wenn mich niemand darauf anspricht.

*) Wobei zumindest in meiner Wahrnehmung unter „Gegenrede“ zwei Konzepte unterwegs sind: Couterspeech, als nicht eskalierende positive Gegenbeispiele und die (online immer) eskalierenden Diskussionsversuche und Beschimpfungen in 280 Zeichen.

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7 Kommentare

  1. Die Sache mit der Gegenrede ist spannend, allein schon, weil ich Team „Machen“ bin. Auf dem Blog schreibe ich ja schon lange im generischen Femininum und es scheint keine zu stören. Oder sie sagen nichts. Beides ist mir egal.
    Im Beruf habe ich irgendwann angefangen Texte zu gendern. Und die Reaktionen sind sehr interessant gewesen, aber eigentlich durchweg positiv oder mindestens nachdenklich. Und seit ich für eine Präsentation bewusst das sprechende Gendern geübt habe, ist auch das viel fester verankert.

    1. Ich schreibe ja auch seit Dekaden schon hier und im Vorgänger im Femininum und das hat exakt einmal eine Reaktion ausgelöst – und die war, dass jemand auf twitter meinen Text nicht lesen würde, denn der wäre nicht korrekt gegendert.
      Angebote, Konzepte usw werden vollkommen selbstverständlich mit Doppelpunkt geschrieben, beim Sprechen geb ich mir sehr Mühe und schwanke zwischen Glottalstop, „Studenten und Studentinnen“ und „Studierenden“ – da bin ich noch in einer Gewöhnungsphase.

  2. In neun Jahren Mädchengymnasium habe ich mir irgendwann dieselben Fragen gestellt. Die in solchen Biotopen wachstumsfähigen Rollenbilder finden sich natürlich auch in sogenannten“Frauenberufen“. Dass da weiter solche Generationen nachwachsen, zumindest endemisch, lässt mich ratlos zurück.

    1. Ja sicher, zeitgleich neben dem Physik-LK lief der EW-LK, rein mit Mädchen besetzt, ebenso wie der reguläre SoWi-Kurs, wenn ich mich recht erinnere.
      Die machten dann keinen Wehrdienst und gingen teilweise direkt ins Primarstufen-Lehramtsstudium und wenn Du Dir heute Grundschulkollegien anschaust, dann finden sich da meist exakt zwei Männer unter 20 Frauen: Der Rektor und der Sportlehrer.
      Hat auch sicher Folgen – und nicht nur aber auch die fehlenden Vorbilder für die Jungs in der Klasse, die dann im Physik-LK landen und …

    2. In der Banklehre (meine erste Ausbildung, vor dreißig Jahren) trafen die Geschlechter danach in leidlich ausgewogenem Verhältnis aufeinander (für mich damals eine Art „Kulturschock“) – die Jungs wurden Chefs, die Mädchen machten das kleinteilige Alltagsgeschäft. Eine Filiale hatte bis zu zehn Mitarbeitende. Und nur die Leitungsstelle war männlich besetzt. In damals achtzig Filialen gab es eine weibliche Leitung.

  3. Ich bin immer noch sprachlos, weil mein Arbeitgeber den glottalen Verschlusslaut als mündliche Wiedergabe des Gendersternchens ganz offiziell verboten hat. Das mag eine Kleinigkeit sein, aber was zum Teufel fällt dem AG ein?

Kommentare sind geschlossen.

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