5.11.2019 – Money makes the world go ’round

Gestern Abend passierte noch seltsames. Ich googelte einen alten Freund, den ich schon lange aus den Augen verloren hatte – Sie tun das doch auch gelegentlich, oder? ODER?
… ich googelte also und fand eine richtig schön altmodische Homepage und las mich fest und wurde etwas nostalgisch.
Und dann geschahen zwei Dinge: Zum einen ist der junge Mann inzwischen quasi der Nachbar einer sehr geschätzten Internet-Freundin und da die ziemlich in der Pampa wohnt und er ja irgendwie bewusst in diese Pampa gezogen sein muss, fand ich das schon einen seltsamen Zufall. Ich meine, wenn’s Berlin gewesen wäre, aber von Dortmund ausgerechnet nach Dingsdorf an der Prömpel …?

Und dann begann ich – vollkommen überraschenderweise, haha – darüber nachzudenken, warum wir eigentlich nach einigen Jahren mit gemeinsamer Band-Zeit den Kontakt verloren. Und ich bekam eine Idee.
Oder anders: Ich konnte die Idee, die ich damals hatte, besser fühlen:
Ich hatte damals, Ende der 90er, gerade aus der neben-den-Nebenjob-Selbstständigkeit den Schritt heraus in die Vollzeit-Selbstständigkeit gewagt, leistete mir ein halbes Büro und hatte ein Auto gekauft. Und hatte das Gefühl, er käme damit nicht klar. Der doofe.

Inzwischen habe ich selbst merhrfach erlebt, wie es ist, wenn Menschen zu Geld bekommen. Wie sich dann ganz einfach alltägliches und Lebensrealitäten verschieben und man plötzlich kein gemeinsamen Gesprächsthemen mehr hat.

Exkurs: Ich freue mich an dieser Stelle schon sehr auf die Kommentare „Na, dann war die Freundschaft aber vorher schon nicht so dolle“

Und vielleicht ist exakt das damals passiert. Ich erinnere mich dunkel, dass es bei ihm nicht sonderlich gut lief – nicht nur finanziell sondern eher so in der Gesamtsituation. Bei mir hingegen hat das, von außen gesehen, bestimmt sehr geknallt. Dass ich abends vor lauter Schiss vor der eigenen Courage auch nicht einschlafen konnte und die Autoraten meist auf Kosten des nächsten Kinobesuchs zusammenkrazte – geschenkt.

Und ich habs nicht gemerkt und bin da blöd mit umgegangen. Ich doofer.

Susan Mücke hat da bei den Krautreportern letztes Jahr einen Artikel drüber geschrieben, denn die Frage, wie man das so macht, wenn eine Beziehung in eine solche Schieflage kommt, die stellt sich wohl öfter:

Geht es einem guten Freund schlecht, während wir selbst gerade glücklich sind, wissen wir häufig nicht, wie wir damit umgehen sollen. Gespräche geraten ins Stocken, Antworten werden einsilbig, verlegene Pausen entstehen. Ein Problem, das auch KR-Mitglied Ella hat, die sich fragt: Wie kommt man aus dieser Schieflage wieder raus?

krautreporter.de: Wie du mit einem Freund sprichst, dem es schlechter geht als dir

Jetzt aber zum Tagebuchbloggen, es ist schließlich der 5..

#WMDEDGT ist eine Idee von Frau Brüllen zur Förderung der Kultur des Tagebuchbloggens.

9:00Uhr: Am Schreibtisch bekam ich heute das bei allen Grafikern gefürchtete Logo als 150 x 200 Pixel-JPG mit kräftig Artefakten geschickt. Und dachte wieder mal: Ja, man kann sich bestimmt „ein Logo in WordArt bauen“, und ja, der „Nachbarssohn kann bestimmt auch Logos weil er den ganzen Tag am Rechner“ sitzt – aber das rächt sich halt irgendwann später.
Trotzdem – ich finde das undankbar: Bevor ich kam, waren alle mit dem Logo zufrieden. Und dass es sich halt nicht vergrößern lässt, das ist ja niemand aufgefallen, da muss das dann ja wohl meine Schuld sein.
Kommunikativ immer eine totale Gratwanderung: Möglichst klar ausdrücken, dass da jemand sehr unprofessionell gearbeitet hat, ohne dabei nach Kollegen-Diss zu klingen und gleichzeitig irgendwie noch „wir machen das schon“ ausdrücken.

10:00 Uhr: Mal den aktuellen Stand eines Projektes durch die Google Pagespeed-Analyse geschickt. Zufrieden gegrinst. Ich arbeite wirklich gerne mit diesem CMS. Und den einen Punkt krieg ich auch noch.

13:00 Uhr: Mit der Kundin telefoniert, der Siri gestern eine nette, geduzte Einladung geshickt hat, als ich mir eigentlich nur einen Termin für heute Morgen anlegen wollte. Um mich daran zu erinnern, dass es da noch etwas zu tun gab. Vorher natürlich noch erledigt, was es zu erledigen gab.
Cookie-Hinweise und GoogleMap-Einbettungen angepasst.
Anderen Kleinkram gemacht.
Rechnungen geschrieben und weggebracht.

Beim Essen ein bisschen im Internet gelesen. ich muss jetzt noch mal abschweifen.

Regelmäßige Leserinnen wissen, dass ich große Probleme mit dem Stil habe, mit dem auf Twitter oder anderen „sozialen“ Plattformen überwiegend „diskutiert“ wird. Ich beginne, das Gefühl, man könne nicht mehr überall alles sagen nachvollziehen zu können. Und zwar nicht, weil ich nicht mit Widerspruch und andere Meinungen leben könnte, sondern weil der Stil des Widerspruchs oft einfach gegen alles geht, was in meinen Maßstäben noch als höflich oder respektvoll gilt.

„Nicht nur mein Tun, sondern ich als Person, als Ganzes, wird verurteilt.“

Oder anders: Wenn Widerspruch bedeutet, dass man für einen Tweet als Mensch total abgekanzelt werden darf, dann kann ich keinen Widerspruch vertragen.
Und leider meine ich damit nicht nur „die“, sondern alle.
Aber …

Was hilft?
Villa Braslavsky hat eine Strategie: Sie rät zu spiegeln. Man müsse jemanden, der sich nicht ernst genommen fühle, so ernst nehmen, wie er oder sie es selbst gar nicht erwarten würde: „Du kannst alles sagen. Und wenn du das sagst, nehme ich dich so ernst, dass ich dich sogar bitte, mir nochmal zu erklären, was du damit meinst.“
Klingt einfach, ist es manchmal aber nicht. Was, wenn jemand etwas Rassistisches sagt? Villa Braslavsky empfiehlt auf pauschale Begrifflichkeiten wie „Du Rassist“ zu verzichten, weil sie das Gespräch sofort beenden. Stattdessen lohne sich auch hier die Nachfrage: Wie meinst du das? Das gehe natürlich nicht immer: „Wenn mich jemand bedroht, etwa weil ich Jüdin oder Professorin für Gender Studies bin, klappt das nicht.“

Aber wenn mir jemand sagt, dass er (kein) Fleisch isst, dann kann man das ja mal tun. Oder (nicht) stillt. Oder (nicht) impft. Oder (keine) Adventskalender mag. Oder … naja, Sie wissen schon.
Ich mochte daher sehr diesen Artikel von Stella Schalomon bei den Krautreportern aus dem auch beide Zitate sind: Meinungsfreiheit – So trauen sich Menschen wieder, ihre Meinung zu sagen. Da kann man sich gut mal zehn Minuten für nehmen.

15:30: Büro-Feierabend. Um sechs hält Vanessa einen Vortrag in Dortmund und wir freuen uns sehr darauf. Die Liebste hat noch einen Termin und kommt erst knapp vorher nach Hause, aber das wird passen.

(Bitte stellen Sie sich vor: Alles bis hier wurde so über den Tag verfasst. So bis halb vier halt.
Der Teil ab hier ist der Rückblick auf die Stunden danach. Bitte beachten Sie den Stimmungsumschwung zwischen den Zeilen)

16:50 Uhr: Wir fahren los. Das Navi sagt: 18:00 Uhr ist machbar. Ich sage: Ich hab ja immer Parkplatzglück, das passt schon.

17:30: Das Navi wechselt zwischen zwei verschiedenen Routen. Ich will nicht sagen, dass mich das nervös macht, aber …

17:45 Uhr: Dortmund. Es ist irgendwie recht voll. Voller als sonst.

17:47 Uhr: Vollsperrung. Im Stadion wird heute ein Fußballspiel gegeben und der herangereiste Plebs wird von der Polizei zum Stadion geleitet. Wir stehen.
Ich hab Rachephantasien, für die ich Gefängnis verdien’, um eine bekannte HipHop-band zu zitieren. Das löst aber auch werde eines der Probleme noch löst es den Verkehr auf.

18:15 Uhr: Wir können weiter. Ein bisschen zumindest. Ich hasse alle Menschen.

18:25: Wir suchen einen Parkplatz. Ich hasse jedes Atom.

18:32: Wir beschließen, dass über eine halbe Stunde Verspätung für einen 45-60-minütigen Vortrag so peinlich ist, dass wir nicht mehr auftauchen wollen. Wir verlassen die Stadt auf einem Weg der so weiträumig wie möglich Bahnhof und Stadion-Zuwegungen vermeidet. In other words: Wir fahren aus der Mitte weit nach Westen, von da weit nach Norden um von dort in den Osten zu kommen. Gäbe man mir einen Handschuh und fünf Steinchen – ich löschte die Hälfte alles Lebens sofort aus ohne zu zögern.

Irgendwann sind wir wieder in Menden und aus Vernunftgründen beschließen wir, den Ärger unter Pasta zu begraben.

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