4.12.2022 – Cha-cha-cha-changes

Zum Einstieg und sehr passend zum Thema der Selfcare-/Selbstoptimierungs-Welle aus dem letzten Artikel, erst kurz der Ableismus des Tages:

(Irgendwann letztens viel beklatscht auf Instagram gescreenshottet)

Tja. Zeichen einer neuen Zeit? Selbst der aktuelle Fernsehspot der DKMS sagt „Durch die Diagnose Blutkrebs hab ich gemerkt, dass ich mehr aus mir rausgehen muss und spontaner sein muss, um einfach das Leben mehr zu genießen.“ Sicher wäre das auch meine erste Idee bei der Diagnose, jaja.
Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich hab total gerne in einer Gesellschaft gelebt, die wenigstens noch behauptet hat, dass ihr Solidarität wenigstens neben dem ichichich noch wichtig ist. Wo ist das hin und warum ging das so schnell, frage ich mich manchmal.

Als eine mögliche Antwort schlage ich einen mutigen aber für mich sehr logischen Bogen zu einem sehr bemerkenswerten Artikel von Stephan Noller, den ich gestern in Christians Twitter fand und der gleich mit einem unangenehmen Satz auf macht:

So sehr ich sie verachte, beschäftigt mich eine Sache an der Querdenker-Bewegung immer wieder. Sie könnten in einer Sache recht haben. Tatsächlich glaube ich sogar, dass die beängstigende Power dieser (und verwandter) Bewegungen daher kommt, dass sie auf eine leider kluge Weise auf ein Problem unserer aktuellen Gesellschaft verweisen, das tatsächlich existiert. Zusätzliche Power kommt davon, dass wir “normalen” Menschen das nicht wahrhaben wollen, und große Probleme haben darüber zu diskutieren.

In sehr kleinen Kreisen habe ich gelegentlich schon mal versucht zu formulieren, dass ich die Fragen, die viele dieser Pöblergruppen stellen, oft nicht verkehrt finde – aber dass ihre Antworten halt indiskutabel falsch sind; to say the least. Bei der generellen Abwehr, die wir gegen dieses Volk haben keine leichte Unterhaltung. Bei der Art, wie wir uns daran gewöhnt haben, dass es nur komplett schwarz oder komplett weiß gibt, auch nicht.
Aber Stephan hat exakt das sehr schön weiter durchdacht und ausformuliert. Ich teile vielleicht nicht jedes Detail aber ich mag die Art, dieses schwierige Thema anzugehen sehr. Klar: Schwieriges Thema. Schon vor allem, weil wir uns dann als erstes selbst fragen müssen, wie sehr wir uns entweder belügen lassen oder sogar aktiver Teil des Systems sind. Wie unangenehm.

Christian hat dann gleich einen eigenen Blogpost als Antwort geschrieben und ich empfehle wirklich, mal kurz die Empörungs-Schilde runter zu nehmen wie es bei Star Trek ja so schön heißt und nacheinander zu lesen:

Pöbeln, Ausländer rauswerfen und Frauen zurück an den Herd stellen ist keine Lösung, da sind wir uns alle einig. Aber was ist die Antwort? Erst einmal anerkennen, dass der Deal nicht mehr stimmt, meint Frank Rieger:

„Interessante Zeiten“ sind Zeiten, in denen der Inhalt der Abendnachrichten unmittelbare Relevanz für den eigenen Alltag hat. In den letzten Jahrzehnten konnten die meisten Menschen ganz gut damit durchkommen, die große Politik und das Weltgeschehen weitgehend zu ignorieren. Wenn irgendwas wirklich wichtig war, bekam man es schon mit. Heute sind die Nachrichten konkret alltagsrelevant. Die große Welt ist in das kleine Leben eingebrochen. […] Sich einzugestehen, dass die Zeiten “interessant” sind, dass wir es in unser Lebenszeit vermutlich nicht mehr bis zum Startrek-Replikator-Kommunismus schaffen werden, ist ein nötiger erster Schritt, um irgendwie klarzukommen. […] Wir werden nicht von heute auf morgen und ganz für uns alleine zu superresilienten, chaoskompetenten Krisenbewältigern. Es gibt jedoch keine andere Option, als es zu versuchen.

Frank Rieger:
Erschöpfte Überforderung als Zeitgeist – Und wie es danach weitergeht.

Damit sind Sie jetzt erstmal beschäftigt, nicht wahr? Ich hab nämlich sonst nix zu erzählen.

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4 Kommentare

  1. Boa, dieser Satz aergert mich so. Wenn ich z.B. einen Nachmittag mit meiner dementen Grossmutter verbracht habe, gibt mir das weder Energie noch Inspiration. Dann gehe ich nach Hause und heule eine Runde. Deshalb gehe ich trotzdem wieder vorbei. Ach, dass ist so falsch alles.Gruss trotzdem
    Rina

    1. Ja, mich ärgert der Satz und die gesamte dahinter liegende Einstellung auch maßlos. Und wenn ich daran denke, dass so sozialisierte Menschen meine Bankberaterinnen, meine Fallberater oder meine Altenpfleger sein können und sein werden … ach, besser nicht.

  2. Herrjeh, da kann ich auch nur den Kopf schütteln. Was ist mit ganz normalem Alltag? Einkaufen, Wäsche. Putzen finde ich auch nicht sonderlich inspirierend. Und die Erwerbsarbeit bringt auch keinen Orgasmus, aber immerhin Geld, die möchte ich dann doch nicht aus meinem Leben entfernen!

    1. Ja, ja, ja. Alltag darf auch nicht sein, Alltag ist nur noch lästige Maintenance, die wegorganisiert gehört.

Kommentare sind geschlossen.

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