31.12.2018 – Fragen über Fragen

(irgendwas mit zu kurz und zu unruhig geschlafen)

Um sieben vom Wecker wecken gelassen, um der erste und damit alleine im Laden zu sein. Auf die Idee waren andere auch gekommen, und die reagierten auf das Scheitern ihres Planes mit Aggro-Stimmung und nicht wie ich mit stillem innerem Rückzug. Das war voll schön.

Mittags ins Kino gefahren und Spiderman – A New Universe geguckt. Was für eine großartige Idee.

Ehrlich gesagt waren wir ohne riesig große Erwartungen los gefahren und waren dann umso mehr überrascht: Exakt so wünsche ich mir seit Jahren eine Comic-Verfilmung. Hatte ich nur noch nicht gewusst.

Aber apropos „with great dings comes great bums“ …

Schaut man sich online um, scheint es aktuell nur ein Thema zu geben: Böllern oder nicht. X % des Feinstaubs eines Jahres gehen zum Jahreswechsel in die Luft, wobei x je nach Artikel variiert. „Das geht nicht“, wissen die einen; „ich lass mir doch von diesen Moralwächtern nicht meine christliche Abendland-Tradition vermiesen“ kontern die anderen. Beide Seiten natürlich in gewohnt sachlich-freundlicher Onlinediskussions-Stimmung. Und auch wenn ich gestern einwarf …

… frage ich mich auch: Was passiert wohl, wenn man die Anti-Böller-Fraktion fragt, ob sie denn auch kein Fleisch essen? Das wäre ähnlich unaufwendig wie nicht-böllern und es erspart uns nicht Feinstaub, aber Treibhausgase und rettet die Böden.

Ich habe mich aufgrund der Stimmung auf Twitter nicht getraut das zu fragen, hege aber den Verdacht, die Reaktionen wären ähnlich gewesen. Also ähnlich denen, die wir aktuell von den Böller-Freunden zu hören bekommen.
Was beweisen würde: So einfach ist das eben wirklich nicht mit dem Weltverbessern – vor allem nicht, wenn einem jemand anderes erklärt, wie’s geht. Selbst wenn die andere vielleicht Recht hat.

Das ist jetzt natürlich nur eine Vermutung, aber wer Lust auf Shitstorm und unfreundliche Diskussionen hat, kann das ja gern mal ausprobieren.

Ich habe lange überlegt, ob ich den Blog-typischen Jahresend-Fragebogen hier mal wieder aufnehme. Bei den meisten derer, die schon lange bloggen besteht der ja zu großen Teilen nur noch daraus, die Fragen umzuformulieren, zu streichen oder doof zu finden – und das ja oft aus gutem Grund. Andererseits …

Zugenommen oder abgenommen?
Ab Mitte des Jahres ab, aktuell sind so ca. 5% weg.

Haare länger oder kürzer?
Wann immer ich dran denke schneide ich sie ab. In den letzten Monaten war das seltener, aber ich war auch nicht oft draußen. Also eigentlich wie immer.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Physisch: Konstant, denke ich. Im übertragenen Sinne kurzsichtiger, aber auf die gute Art.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Das Jahr war besser als das letzte; wir waren seit zig Jahren das erste Mal im Urlaub und dann kam der Schimmel in der Wand, der den spontanen Zimmertausch und die Kallax-Orgie nach sich zog.

Der hirnrissigste Plan?
„Mal eben“ freitags eine Matratze bei Ikea holen.

Die gefährlichste Unternehmung?
So langsam bekomme ich den Eindruck, dass das gefährlichste was ich so tue ist, mich zu Stoßzeiten in den Strassenverkehr zu begeben. Ich vermeide das deswegen auch wenns geht.

Die teuerste Anschaffung?
Der Urlaub.

Das leckerste Essen?
Jeder Burger in Århus.

Das beeindruckendste Buch?
Tina Dicos Biographie „Count To Ten“. Weil ich verstanden habe, weshalb ihre Lieder meine Seele so berühren. Weil sie mir ein Role Model darin versteckt hat und ich begriffen habe, dass es ok, ist wie ich bin (Kann ein Buch mehr tun?)

Der berührendste Film?
Das Prinzip Montessori.

Das beste Lied? / Das schönste Konzert?
Überraschenderweise beide von Tina Dico, ich kann mich aber nicht auf „das beste“ festlegen. Tina hat in den letzten 13 Jahren so viele Lieder geschrieben, die mich in den unterschiedlichsten Lebenslagen und Stimmungen berühren, da ist keine Rangfolge möglich. Ihre beiden Konzerte, auf denen wir waren, waren sehr unterschiedlich, daher gibt’s auch hier keine Rangfolge.
Sonst haben wir ziemlich ins Klo gegriffen bei der Wahl der Konzertkarten, das darf nächstes Jahr besser werden.

Die meiste Zeit verbracht mit?
Denken. Und mit nicht-soviel-denken.

Die schönste Zeit verbracht mit?
Der Liebsten und dem Meer.

Vorherrschendes Gefühl 2018?
Nach innen: Ach guck, so einfach?
Nach außen: Ach guck, wie fahren weiter vor die Wand.

2018 zum ersten Mal getan?
Ein Special Thanx an mich gelesen. Vieles losgelassen. Etwas geschrieben, was andere nominieren mochten (Danke, immer wieder!)

2018 nach langer Zeit wieder getan?
Ein Blog gestartet. In den Urlaub gefahren. Mich genug bewegt. Vieles akzeptiert.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Die Depersonalisierungsmomente. Die Downs auf dem kurvigen Weg aufwärts. Die Dinge, die ich nicht geschafft habe und noch nicht akzeptieren konnte.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Ich möchte niemanden überzeugen.

2018 war mit einem Wort?
Aufregend.

Dieser Fragebogen ist irgendwie inzwischen in sehr vielen verschiedenen Versionen unterwegs, hier gekürzt, da erweitert, jede Änderung spiegelt den Geschmack und die Prioritäten der jeweiligen Bearbeiterin wieder und ünrige ist ein wilder Mischmasch aus Äußerlichkeiten und Sinnvollem. Naja, aber Traditionen sind Traditionen, so sagt man doch?
Allerdings: Beim Stern gabs noch diese Fragen, die ich deutlich schöner finde und um die ich mich vielleicht auch noch kümmere. Später.

Noch gestern viel über Kunst nachgedacht. Begonnen hatte das im erwähnten Museum Folkwang, als wir in diesem Raum standen, in dem diese modernen Objekte standen und hingen. Sie wissen schon: Verbogener Draht, gestapelte Alu-Profile, ein Brett mit Nägeln. Zusätzlich hatte die Liebste letztens einen Film gesehen, in dem Künstler bei der Arbeit gezeigt wurden: Sie standen in ihren Ateliers, warteten offentlichtlich auf Eingebung und legten auf einmal mit irgendwas (Farbe schmeißen, hämmern, biegen, …) los.
Sonderlich konzeptionell durchdacht wirkt diese Arbeitsweise nicht. Und so ein verbogener Draht ja nun auch nicht immer.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich spreche weder einem verbogenen Draht, noch einem Fettfleck noch einem Nagelbrett ab, Kunst zu sein. Manchmal verstehe ich sie, manchmal nicht; das kann sogar Tagesform sein. Und bei schlechter Tagesform – ich sagte ja gestern: Ich war gar nicht so in Kunst-Laune – ist es dann vielleicht etwas schwer, den Gedanken dahinter zu sehen.

Oder: Entsteht Kunst vielleicht auch erst beim Tun? Ist weder das Ergebnis noch das Konzept die Kunst, sondern der Akt des Schaffens?

Ist – und da tat sich auf wunderbare Art und Weise eine Verbindung zu meinem aktuellen Alltag auf – es schon Kunst, wenn ich einen Song remixe; auch wenn ich gefühlt nicht den Hauch von Ahnung habe und ohne Konzept herangehe? Ist das Ergebnis Kunst – oder solides Handwerk?

Zurück: Ist der verbogene Draht Kunst oder ist es Kunst, dass er verbogen wurde? Wird er zur Kunst, weil ein Sammler, ein Galerist oder ein Kurator ihn dazu erklärt? Was meinen Sie?

6 Kommentare

  1. Ich wohne in einem eigentlich friedlichen Viertel. Mit Uni und Schulen drumherum. Heuer haben sich die Nachbarn richtig ins Zeug gelegt und es ist das erste Mal, das es mir gefällt! So viel zu Anti-Böller. Die Kanonenschläge müßten allerdings nicht sein. Ohrenaua und so. Das Bonner Münster sieht man gar nicht mehr. Dafür hört man (Noch? Ich will es jetzt nicht heraufbeschwören!) niemanden Grölen. Und da ich einen Balkon mit Bepflanzung habe, ist es Ehrensache, noch so lange wach zu bleiben. Und mein Fliegengitter besteht aus Polyester, sowas brennt ja gut.
    Dafür hat dieses Jahr ein Nachbar – grob geschätzt – 100 m vis-á-vis drauf verzichtet, aus der Hand aus seinem Wohnzimmer heraus zu knallen. Finde ich gut, Sanka und Polizei sind nämlich schon gut unterwegs, die brauchen nicht noch einen.
    Ich laß jetzt ARD weiterlaufen und lese. Den Balkon immer im Blick. Lach.

    1. Ich hatte auch das Gefühl, dass es hier mehr als sonst war. naja, sag menschen, dass ihr Verhalten echt assi ist und sie machens erst Recht 🙁

  2. Ich sage ja immer gerne, Kunst ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.

    Der Draht wird Kunst, weil er gebogen wurde. Für mich ist die Aktion Kunst, nicht das Material. Manchmal ist auch schon der Gedanke dahinter Kunst, wie bei den vielen Karten von Yoko Ono: Auf meiner liebsten steht „Feel the world turn“ als Performance-Anweisung an den Betrachter. Großartiger Gedanke, künstlerisch umgesetzt (eben als „Regieanweisung“ für das eigene Tun). Die Karte selbst gehört zwar zum Kunstwerk, aber es selbst spielt sich im Kopf des Betrachters ab. (Es ist kompliziert.)

    Manchmal ist auch etwas Kunst, weil sich die Kunstwelt, wer auch immer das ist, darauf verständigt hat, dass das jetzt Kunst ist. Das kann man abnicken oder links liegen lassen und auf den Schiri warten.

    1. @Anke: Deckt sich mit meinem Gefühl. Schön wenn jemand mit Ahnung das bestätigt, dann denk ich ab jetzt nicht weiter nach. (just kidding)

  3. Och, wenn man sich die Nachrichten seit gestern Abend so durchliest, scheint es mit der Menschheit mal wieder bergab zu gehen, da hat offenbar auch keiner dazugelernt.

  4. Ich muss mich korrigieren: Der Satz aus Yoko Onos „Earth Piece“ (1963) lautet: „Listen to the sound of the world turning.“

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