30.4.2020 – Pusteblume

Grundgefühl beim Aufwachen: Eine Vorsichtige Zuversicht. Not too shabby nach anderthalb Tagen Panik. (Soviel zum Thema: Nein, Therapie ist nicht nur Gelaber, sondern Therapie kann sehr handfeste Erfolge haben.)

Aufgeräumt. Auf dem Schreibtisch nur noch die aktuellen Projekte, auch in der Inbox nur noch aktuelles. Die vielen Notizzettel zusammengefasst und in den Projektplaner übertragen. Dort steht jetzt (Donnerstag, 8:27 Uhr) ein Projekt bis heute 17:00 Uhr und drei für morgen. Gut machbar. Gutes Gefühl.

Eine der interessantesten Unterhaltungen die ich gerade führe, ist ein Mailwechsel nach Island. Diesen Einblick darein, wie ein anderes Land emotional mit der Situation umgeht, finde ich unfassbar spannend.

Sowieso beobachte ich voller Interesse die verschiedensten Coping-Mechanismen um mich herum:
Die, die exakt so weiter machen wie bisher. Die auf die Frage danach wie es ihnen geht, organisatorisches antworten und denen jeder Pixel genau so wichtig ist wie „vorher“.
Die, die die Situation als Chance sehen und einen Aufbruch fühlen. Alles endlich umwerfen wollen und ihre Chance endlich gekommen sehen und vor lauter FOMO nicht hinterher kommen.
Die, die komplett verstummen, weil sie nicht klar kommen.
Die, die in Verschwörungstheorien abdriften – vielleicht weil sie es nicht aushalten zu merken, dass sie abhängig sind.
Die vielen, die gar keine Zeit haben, über so etwas nachzudenken, sondern einfach nur abarbeiten müssen, was ihnen das Leben vor die Füße geworfen hat.

Nachmittags – surprise, surprise – am See. Wir unterhielten uns die ganze Zeit über Mental Load und was da alles dran hängt. Spannendes Thema – und ich meine das nicht mit dem beobachtenden Blick.
Enten sind übrigens super. Je mehr ich mir Enten angucke, desto supererer finde ich sie. Aber eigentlich geht mir das mit allen Tieren so.

Ich schrieb letztens, dass ich beobachte, wie sich Menschen verändern – das aber noch nicht in Worte fassen konnte. Hier jetzt Versuch eins:
Ich beobachte, dass Menschen in ihr „wahres Selbst“ zurück gleiten. Was ich damit meine: Ich glaube, dass unser täglicher Kontakt mit anderen Menschen uns auch ständig abgleicht: Was ist gesellschaftlich akzeptabel, was ist geduldet, was wird honoriert? Das reicht von Kleidungsstil bis zu den Witzchen, vom Ordungssinn bis zu Essensgewohnheiten – und ich denke, jede von uns weiß, wie man in verschiedenen Peergroups zwischen Job und alten Schulkollegen sanft zwischen verschiedenen Rollen hin und her gleitet.
Jetzt treffen wir die Peergroups nicht mehr, haben keinen Anlass mehr, die verschiedenen Rollen und facetten anzunehmen. Und ich beobachte, wie der Pedant langsam aber sicher wieder pedantischer wird und der Schlunz langsam schlunziger. Die Esotherikerin gleitet weiter ab und der knallharte Neoliberalist wundert sich, wenn er auf Twitter plötzlich mehr Gegenwind bekommt als früher.

Ach ja: Es gibt ein Autokino am See! An unserem See!

Die beiden Beifänge heute zeigen etwas, was ich auch in den letzten Wochen beobachte: Viele sprechen davon, dass „danach“ vieles besser werden wird. Aber nichts beweist so sehr, dass „besser“ immer von der Sichtweise abhängt und selten „für alle besser“ sein wird, wie die Vehemenz mit der die, die vorher angeschlagen waren, die Krise jetzt nutzen, um ihre Pfründe zu verteidigen.

Julia Jaekel: Zurück in der Männerwelt
Das Virus macht nicht nur die Luft klarer, sondern auch die Wirklichkeit im Land: Frauen sind viel weniger weit, als wir gedacht haben.

Silke Hahne: Autobranche in Coronazeiten – Zum Umbruch kommt die Krise
Die Corona-Pandemie hat die deutsche Automobilindustrie schwer getroffen. […] Die Hersteller hoffen nun, dass der Staat ihnen wieder auf die Beine hilft.

4 Kommentare

  1. Einer der frühesten „Was wird Corona“-machen-Artikel hatte die treffende Überschrift „Wir werden eine schrillere Version unserer selbst.“ Ich habe den Artikel nie gelesen – habe mittlerweile Angst es zu machen, um nicht enttäuscht zu werden – aber von allen Vorhersagen fand und finde ich diese eine der treffendsten.

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