30.4.2019 – International Jazz Day

„Jazz“, jaja. Zauberte schon zu Schulzeiten den meisten einen seltsamen Zug um die Lippen und noch heute erlebe ich oft, dass Menschen Jazz ablehnen; meist dann mit einem Argument, das voll nicht stimmt.

Dabei hat es der Jazz in dieser Diskussion leicht, denn Jazz ist im Zweifelsfalll immer mehr als man denkt. Denkt man an wilde, unrhythmische und unharmonische Klangorgien, dann kommen die Skadinavier mit ihren ruhigen, strengen Klavierstücken. Denkt man „unmodern“, dann kommen die jungen Amerikaner, die ihre Improvisationen in HipHop-basierte Klangcollagen setzen. Denkt man, man müsse da ja immer konzentriert zuhören, dann bewirft Dich irgendjemand mit nahezu Easy-Listening-mäßigem Brazilian-Jazz und nur wenn man an Oberstudienräte in Jack-Wolfskin-Jacken denkt, die, ein Glas Whiskey in der einen Hand, unrhythmisch mit dem anderen Zeigefinger in der Luft rumstochern und dazu dozierenmansplainen, dann hat man vermutlich oft Recht.

Irony off, ich nutze den Anlass mal, um Ihnen ein paar meiner Lieblingsstücke zu zeigen. Aus ganz verschiedenen Richtungen des Jazz, denn Jazz bedeutet ja eigentlich nur, dass es improvisierte Musik ist.

E.S.T. – From Gagarin’s Point Of View: Schon mein erstes Jazz-Konzert 1989 – es war ein Festival und ich hatte vorher keinen der auftretenden Künstlerinnen oder Künstler gekannt – machte mich mit dem bekannt, was „die Skandinavier“ unter Jazz verstehen. Streng, manchmal kühl und meist mit einer tiefen Melancholie. Ich würde es für immer lieben. Das Esbjörn Svensson Trio war vermutlich für mich die Musik, die am besten zu mir passte und ich werde Esbjörn für immer vermissen. Die drei konnten auch ziemlich Krawall* machen; dies ist ein sehr ruhiges Stück, von dem man sich aber mal gut wegtragen lassen kann.

*) Genau das machte seine Musik ja aus: Ein Stück von e.s.t. konnte als Popsong beginnen, sich zu einer Art Rockhymne steigern, um sich dann in eine scheinbar uferlose Jazzorgie zu steigern und schließlich als klassischer Choral auszuklingen. So führte Svensson mühelos Menschen zum Jazz, die jene Gattung sonst nie kennengelernt hätten.

stern.de: Esbjörn Svensson stirbt beim Tauchunfall
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https://www.youtube.com/watch?v=t2kdBtSVCig

Candy Dulfer – Pick Up The Pieces: Jazz kann übrigens bestens auch sehr bootyshakend tanzbar sein. Funk ist Jazz, Jazz kann Funk – wen interessiert das schon so genau? Candy zieht das Stück hier ziemlich in die Länge und wenn es Ihnen langweilig wird, dann skippen Sie doch mal zu Minute 5:00, da stopppen alle und bauen etwas Neues auf und es macht Freude dem zuzusehen.
Apropos „zusehen“ – so ab Minute 9:00 schreitet die Chefin dann zum Schlagzeug und befiehlt den anderen zu schweigen, denn sie will mit dem Drummer eine musikalische Unterhaltung beginnen. Schauen Sie mal den anderen in die Gesichter: Das sind keine gelangweilten Gesichter von Mietmusikern, die gerade halt zusehen sollen – die haben puren Spaß daran, was die beiden da abziehen. Denn das entsteht in dem Moment ja das erste und auch letzte Mal. Und auf oder vor der Bühne bei so etwas dabei sein zu können – das ist großer Spaß und ein Grund solche Musik zu mögen.

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https://www.youtube.com/watch?v=pgQQ7k30Ti4

Robert Glasper Experiment – Afro Blue: Von wegen altbacken. Ja, es gibt Jazzer, die meinen, das alles was nach den Sechzigern kam neumodischer Scheiß war, den niemand braucht. Aber andere bewegen sich und nehmen aktuelle Einflüsse auf und spielen damit. So wie Robert Glasper, der perfekt sehr klassisches Klavierspiel mit HipHop, Samples, BreakBeats und auch Vocals verbindet; hier mit Norah Jones. Falls Sie sich übrigens gerade an Café del Mar oder ähnliches aus den frühen Zweitausendern erinnert fühlen: Ja, das war auch oft Jazz.

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https://www.youtube.com/watch?v=-jcNPTVwVtA

Stanley Clarke – School Days: In den späten Siebzigern waren die Jazzer übrigens mal sowas wie Rockstars. Mit Lederhosen und Rockerposen und Fernsehauftritten und recht eingängiger Musik. (Um es zeitlich einzuordnen: Parallel drehte man da gerade Saturday Night Fever.) Wie bei allem anderen gilt auch hier: Sobald jemand deutlich ein Solo hat können Sie davon ausgehen, dass das was er oder sie spielt exakt in dem Moment in den Kopf und aufs Instrument kommt. Deswegen auch die Freude im Gesicht der anderen. Immer wieder. Immer wieder magisch.

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https://www.youtube.com/watch?v=oFKlezPu3xg

Miles Davis – Time After Time: Treue Leserinnen des alten jawls wundern sich nicht, dass auch noch Miles Davis hier vorkommen muss. Aber ich schließe auch an etwas an, das ich oben schon sagte: Die großen bleiben und blieben nicht in der Tradition stecken, die nahmen immer aktuelle Einflüsse auf. So wie Miles, der sich nicht zu schade war (damals) aktuellste Popmusik zu hören und die Perlen selbst zu spielen. In einer der Bopgrafien über Miles sagte mal jemand sowas wie „When we played it and when we were good, we left no eye without a tear“ – also lassen Sie sich mal drauf ein, was der Prince Of Darkness da auf der Trompete spielt.

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https://www.youtube.com/watch?v=FpZHjvFXprk

Wenn Sie übrigens weiter interessiert sind? Falls Sie mal irgendwo auf diesen Film stoßen: Gucken Sie ihn sich an.

8 Kommentare

  1. Moin,

    die beiden nach Esbjörns viel zu frühem Tod verbliebenen Mitglieder vom „E.S.T“ haben gerade ein ganz hervorragendes Album mit Bugge Wesseltoff veröffentlicht. Aber Du weisst das sicherlich schon. 🙂

    https://www.rymden-music.com

    Grüsse aus 58239 Schwerte / Ruhr ☝,

    Uwe

    1. Oh. Nee, das war an mir vorbei gegangen – Danke!!
      (und in zwei Wochen auch gleich noch in Essen live …)

    1. @Uwe: Das domicil und ich, wir verstehen uns nicht so super. Leider, denn so vor der Nase, das wär ja schon schön. Wir fahren ja gern mal nach Münster.

  2. Verstehe. In Münster bin ich seltener. Im „Jovel“ mal bei ELEMENT OF CRIME gewesen. Lange her.

  3. OGOTTOGOTTOGOTT!

    Du hast e.s.t live gesehen, und ich bin jetzt unglaublich neidisch.
    Noch eine Neidgeschichte: Mein sehr, sehr alter Nachbar hat Mile Davis beim ersten Konzert in Deutschland gesehen. Und er hört Platten nass. Leider mag er grad kaum noch Sozialkontakte, sonst käm ich kaum noch aus seinem Keller raus.

    1. Ist das jetzt ein guter Moment um zu sagen, dass ich auch Miles noch live gesehen habe?

Kommentare sind geschlossen.

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