30.3.2022 – Selbstdiagnosen

Wissen Sie, im Entwürfe-Ordner liegt ein sehr langer, sehr ungeordneter Artikel darüber, wie wütend ich bin, wie ratlos ich bin und wie ich nebenbei – haha: „nebenbei“ – noch an der letzten Retraumatisierung arbeite. Was wieder dazu führt, dass ich wütend bin über eine SelfCare-Bubble, die inzwischen Begriffe wie „Trauma“ und „Trigger“ dafür übernommen hat, dass die freundliche unterbezahlte Aushilfe im Bioladen nicht genug gelächelt hat.
Und so ein Artikel ist natürlich vollkommen nutzlos. Zurück auf Anfang.

Letztens hatte ich ja schon darüber geschrieben, wie manche Begriffe vollkommen ihren ursprünglichen Sinn verloren haben. „Trauma“ und „Retraumatisierung“ und diverse Begriffe aus der neurodiversen Ecke gehören so langsam auch dazu und da stecken wir in einem riesigen Dilemma.
Zum einen macht es mich wütend. Wütend, weil ich mich in den letzten drei Wochen aus der emotionalen Welt eines misshandelten Sechsjährigen heraus arbeite und das wenig Spaß macht. Wütend, weil ich über den Daumen dreihundert Stunden Therapie in meinem Leben hinter mir habe, um jetzt zu sagen: Ich kann das, es macht – sarkastisch hinzugefügt – halt nur wenig Spaß. Aber auch für so Sarkasmus muss man ja die Kraft haben.
Und wütend, weil ich dafür die medizinisch korrekten Worte benutze und diese Worte aber ebenso von gelangweilten Boomern der nächsten Generation benutzt werden, wenn sie finden, dass sie gerade nicht bekommen, was ihnen als reiche Tochter oder Unternehmersgattin zusteht in diesem Leben. Weil die Worte damit vollkommen verwässert werden und mir im Zweifelsfall eine vom Alltag gelangweilte Yogaschnatze „Du, ich auch, Du“ antwortet, weil der Bäcker sie morgens 3 Minuten hat warten lassen.
Wütend, weil es mir das nahezu unmöglich macht, ernstgenommen zu werden.
Und so richtig, richtig richtig wütend, weil es diese Unsitte allen anderen, denen es so oder schlechter geht als mir* auch immer schwerer macht, ernstgenommen zu werden.

*) Mir gehts ja gar nicht schlecht, es ist ja nur was Doofes passiert und ich erhole mich noch davon. Wie bei einem Beinbruch oder einer Grippe. Schlecht ginge es mir ja, wenn ich keinen Weg wüsste.

Gestern schrieb ich einen mittelbösen Tweet über solche Selbstdiagnosen – aber der war unfair, denn er bezog sich eben nur auf die, die aus Langeweile heraus Selbstdiagnosen treffen, um wenigstens etwas Bedeutung in ihrem Leben zu bekommen. Aus Platzmangel stand das aber nicht drin; ich habe ihn dann wieder gelöscht.
Denn – was ich gestern da auch eigentlich meinte – so richtig scheiße wird das oben beschriebene Dilemma ja dann noch dadurch, dass viele wirklich existierende psychic issues nicht erkannt werden und den Betroffenen wenig anderes bleibt, als Fachliteratur und ebenfalls Betroffene zu suchen, nächtelang in Gruppen, Foren, Blogs zu lesen, ob das, was die Selbsthilfegruppen dort schreiben, vertraut klingt. Und sich selbst zu diagnostizieren.
Oft und gerne, um dann beim nächsten Arztbesuch doch wieder nur eine Packung Johanniskraut light verschrieben zu bekommen – und den Rat, man solle doch mal rausgehen. Oder sich einen Zettel mit einer Erinnerung an den Spiegel kleben, einen Wecker stellen oder einfach weniger Stress haben.
Ob Ärztinnen das jetzt tun, weil sie sich nicht auskennen oder weil ihnen die Selbstdiagnosen aus Langeweile und Bedeutungslosigkeit im Leben inzwischen so auf den Sack gehen, dass sie halt einfach abwinken? Wer weiß.

Ich weiß auch – Sie hatten doch nicht geglaubt, es könnte nicht noch komplizierter werden? – es gibt Modediagnosen. So wie nach dem Erscheinen des jungen Werther angeblich(?) auf einmal auffallend viele Jugendliche den Suizid suchten, so habe ich zB in den Neunzigern erlebt, wie in Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen jahrelang alles auf einen vermuteten Missbrauch geschoben wurde. Kind besonders laut? Bestimmt missbraucht. Kind besonders leise? Bestimmt missbraucht. Und so weiter.
Auslöser war, dass das Thema in den späten Achtzigern einmal richtig seinen Weg durch die populären Medien genommen hatte und sicherlich hat man damals dann auch viele Fälle aufdecken können. Aber sicherlich ist damals auch vielen Eltern, Verwandten, Nachbarn und Freunden bitter Unrecht getan worden.
Um eine andere Mode zu erwähnen: Einer vollkommen nicht repräsentativen Beobachtung nach, war das Verhältnis von möchte-gern-hochbegabten zu wirklich hochbegabten Kindern in schlechten Zeiten fast 10:1.
Will sagen: Solche Wellen passieren und sie bringen Gutes und Schlechtes mit sich.

Und nein, ich habe keine Ahnung, was wir alle damit tun können.
Außer vielleicht: Nicht nach einfachen Lösungen suchen*.

*) Übrigens etwas, was beim Thema Hochbegabung und auch bei vielen anderen issues die Spreu vom Weizen trennt: Wenn die Selbstdiagnose die einfache, nach einer Stunde Internetlektüre, getroffene Lösung ist, habe ich Zweifel. Wenn Sie nach manchmal jahrelangem Leid geschieht, weniger.

Ach ja: Wenn Sie sich selbst jetzt von diesem Text hier so richtig angepisst fühlen, weil ich Sie nicht ernst nehme – dann gibt es übrigens exakt zwei Möglichkeiten: Sie haben ihn nicht richtig gelesen (denn dann nehme ich Sie zu Recht sehr, sehr ernst) oder Sie sind gemeint und ich bin ziemlich wütend auf Sie. Und da denken wir jetzt mal alle drüber nach.

Naja, das war jetzt immerhin ein Teil meines kruden Durcheinanders, das da in den Entwürfen liegt. Vielleicht schaffe ich’s ja dann die Tage mal zu erklären, was die launige Rentner-Erzählung von neulich mit der heute-show und Böhmermann zu tun hat.

Ach so, ja, da war ja was: #tagebuchbloggen.
Joah, ich hab gerade etwas mit meiner Innenwelt zu tun und das braucht Energie. Als Beigabe gabs ein paar Tage ärgste Konzentrationsschwierigkeiten, aber das geht auch langsam wieder. Insgesamt geht’s aber gut und von Tag zu Tag besser, ich hab nur extrem wenig Energie für Kommunikation; außerdem hab ich schöne Jobs und bekomme sie gut organisiert. Passt scho’.

Ach, wenn Sie noch Lust haben, dann lesen Sie doch auch noch diesen Thread:

Sie haben Fragen? Sie wünschen sich ein Thema, über das ich mal bloggen soll?
Schreiben Sie’s auf!

2 Kommentare

  1. Da kann ich Dir leider nur zustimmen!
    Ein anderes (allerdings nicht so dramatisches) Thema ist die Achtsamkeit, die von diesem ganzen Lifestyle-Gefimsel so durchgebumst wurde, dass dieses total wichtige und hilfreiche Instrument von den Leuten kaum noch verstanden wird.

    Für mich ist Achtsamkeit wichtig, um nicht abzurutschen (etwas überdramatisiert könnte ich schreiben: Achtsamkeit ist für mich überlebenswichtig). Für andere ist es, in einem dicken Wollpullover mit einer grotesk großen Teetasse in beiden Händen am Fenster zu stehen.

    1. … exakt.
      Ist hier überraschenderweise genau so, aber für viele Menschen ist Achtsamkeit inzwischen etwas, um sich von anderen zu distanzieren oder etwas, was sie von anderen für sich einfordern. Total verbrannt, der Begriff 🙁

Kommentare sind geschlossen.

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