3.9.2023 – langsames Wiederankommen

Erkenntnisse: Nachdem der große Schreck abgeklungen ist und ich mich darob freue, was ich nicht habe, beginne ich langsam zu merken, was ich habe: Ein paar kleine gelähmte Stellen im Gesicht, die mir ein paar Dinge erschweren, die ich eigentlich ganz gern in meinem Leben habe: Essen. Küssen. Zwei nicht trockene Augen haben. Wovor ich Angst habe: Dass der lapidare Satz: „Und bevor das wieder weggeht, kann das durchaus noch schlimmer werden“ eintrifft.

Schlaflos im Krankenhaus

Akzeptanz, Herr Fischer, wieder mal: Akzeptanz“ war der häufigst gehörte Satz an den Montagen als die Montage noch der Seelenmassage gehörten.
Akzeptanz Deine Mudda“, denke ich und und bedaure sehr, dass ich diese plötzlich wieder sonnigen Tage nicht so, wie ich es so liebe, in irgendwelchen Außengastronomien verbringen werde.
Und über den nächsten Zoomcall denke ich auch mehr nach als sonst, auch wenn die Liebste mir versichert, dass man exakt nichts in meinem Gesicht sieht – und ich also durchaus die Idee „Anstellerei eines Privillegierten“ in meine Gedanken aufnehme.

Da wir alle auch sehr über den Einfluss von Stress gesprochen haben, soll ich meinem Arbeitgeber eine AU für eine Woche hinlegen. Ich habe gelacht und versuche das gerade mit dem und meinen Kalender zu besprechen.

Schlaflos vorm Krankenhaus

Zeugs

Über Oberstufen in den späten Achtzigern. Es entspricht in etwa auch meiner damaligen Wahrnehmung. Und es ist natürlich schwer, sich das noch korrekt vorzustellen, aber ein Flugblatt wie das der Gebrüder Aiwanger hätte vermutlich einen eher riesigen Skandal ausgelöst.

… schreibt Maximilian drüben als Einleitung und verlinkt dann auf diesen Artikel beim Haltungsturnen:

Jedenfalls wussten alle, dass er kein Dummerjunge war. Und das, was die Autoritären heute verächtlich als Kontaktschuld bezeichnen, war Konsens: Wer mit Nazis rumhängt, stimmt ihnen zu. Darum blieben sie unter sich. Und darum war auch klar: wer mit denen rumhängt oder zusammen zur Schule geht, gemeinsam ankommt morgens, ist auch Nazi. […]
Darum ist es eben auch egal, ob Hubsi den Nazidreck selbst geschrieben hat oder nicht. Wer in den späten 80ern zur Schule ging, wird mir zustimmen: im Kontext der Zeit ist absolut und zweifelsfrei klar, dass er, wenn er sich nicht aktiv von seinem Bruder fernhielt, wenn er sogar sein Flugblatt in der Schultasche hatte, wenn er eine Strafarbeit für ihn bekam und ihn nicht verpfiff sondern sich solidarisch zeigte, eben auch ein Nazi war. Alle wussten das. Alles wissen das bis heute. Die Sache mit der Ente, die watschelt und quakt.

Haltungsturnen:
Dummerjunge

… und ich nicke und denke, dass es das ist, was mir seit einiger Zeit so aufstößt: Dass es nicht mehr selbstverständlich ist, Nazis auch Nazis zu nennen und scheiße zu finden. Dass sich gedeckt von fehlender Haltung und Rum-eiern irgendwo zwischen False Balance und fehlender Kenntnis des Toleranzparadoxons auf einmal braune Scheiße in meine Zeitungen, meine Fernsehsendungen, mein Leben drängt und uns alle verhöhnt.Und bevor jemand „Ja, aber“ sagt – es ist ganz einfach: Ich habe es so in der Schule, in einer katholischen Privatschule sogar gelernt und es geht so: Wir Menschen sind soziale Wesen. Um miteinander zu leben, benötigen wir gewisse Grundregeln: Niemanden töten, niemandem was wegnehmen unw. Sie finden diese Grundregeln in erstaunlich ähnlichen Formulierungen zB in den großen Weltreligionen. Und selbst, wenn wir die größtmögliche Freiheit des Einzelnen – vielleicht sogar Regellosigkeit – wollen, so ist die Akzeptanz dieser Regeln der Menschlichkeit eben eine Grundvoraussetzung für das Zusammenleben. Wer sich gegen die Menschlichkeit stellt, der darf nicht verlangen, von Menschlichkeit zu profitieren. Wer die Lösung seiner Probleme darin sieht, andere zu verletzen, ist kein Opfer und bekommt kein Mitleid.
Das ist doch echt nicht so schwer.


Ebenfalls Maximilian schreibt über die beiden heißesten Anwärter für den Nachfolge-Posten von the platform formerly known as twitter: Bluesky und Mastodon:

Ich habe mir, nachdem mir freundlicherweise ein Invite geschickt wurde, Bluesky angesehen, noch so eine Social-Media-Plattform. Wenn man wie ich eine Twitter-Facebook- Etc.-Vergangenheit hat, kann man sich dort leicht seine mehr oder weniger gewohnte Timeline zusammenklicken, aber das konnte ich bei Mastodon auch schon und habe nicht ganz verstanden, warum das einigen so überaus schwergefallen ist. Es sieht ansonsten aus wie Twitter und kann naheliegenderweise ähnliche Dinge wie Twitter, und da viele aus der Timeline dort auch schon vorher auf Mastodon waren oder noch sind, ist es jetzt in etwa so, also sei man auf einer großen Party mit allen Freunden und Bekannten, und die Party zieht dann irgendwann am späten Abend eine Kneipe weiter, wobei man, wer kennt es nicht, ein paar Leute verliert und ein paar dazukommen, woher auch immer. Einige Typen hat man länger nicht gesehen, einige gerade eben erst. Und es ist dann eher egal, wie die nächste Kneipe heißt, aussieht und möbliert ist, man hängt eben immer noch mit derselben Gang herum, mit der man sich gewohnt gut unterhalten kann und immer wieder die alten Witze über die alten Themen macht, nur hat man jetzt nur auf einmal neue Sitznachbarn und hört daher für einen Moment andere Leute reden.

Maximilian:
Von Kneipe zu Kneipe

Ich teile alles, was er da sagt vollumfänglich, auch wenn ich gestern bei Bluesky so halb resigniert schrieb:

ich jammere ein bisschen dem opensourcegemeinschaftssinnoffeneprotokolle-gedanken nach, aber seit ihr alle da seid ist es hier schöner als in tröthausen.

… und ich meine Zukunft vielleicht eher da sehe.

Und dann habe ich noch kurz darüber nachgedacht, was der Tonfall auf Mastodon, der belehrende Tonfall, den jetzt alle so schlimm finden, was der eigentlich bedeutet. Treten wir doch einen Schritt zurück und schauen: Menschen, die – aus der Twitter-Erfahrung heraus – etwas besser machen möchten, haben offensichtlich implizite Regeln aufgestellt. Und nun weisen sie darauf hin, wenn diese Regeln gebrochen werden. Richtig?
Und das fühlt sich nicht gut an.
Mit einem gehässigen Grinsen meldete sich folgende Frage in meinem Hinterkopf: Vielleicht fühlt es sich für die ach so verachteten Boomer genauso an, wenn auf einmal GenZ-ler sie darauf hinweisen, dass sie sich unkorrekt verhalten? Die Antworten auf das Zurecht-Gewiesen-Werden klingen oft erstaunlich ähnlich.
Anwesende wie immer natürlich nicht gemeint, wir sind ja die Guten.

Sie haben Fragen? Sie wünschen sich ein Thema, über das ich mal bloggen soll?
Schreiben Sie’s auf!

4 Kommentare

  1. Puh, das klingt alles sehr anstrengend. Und eine nachvollziehbare Beunruhigung. Und sehr großartige Fotos.

    Wünsche schnelle Symptomfreiheit.

    1. Absolut – wenn ich nur wüsste, was aufpassen in diesem Zuammenhang für mich heißen kann, dann würd ich das super gerne tun. Erstmal die AU ausleben. <3

Kommentare sind geschlossen.

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