3.8.2019 – Beifang

Den Morgen mit der Nichte verbracht. Hinterher gedacht, wie dankbar ich bin, ins Vewandtschaftsverhältnis zu so einer klugen und warmherzigen Nichte reingeheiratet zu haben. Nichte und Liebste fuhren dann noch weiter zu einer Geburtagsfeier und es mag eventuell sein, dass ich noch etwas Schlaf aus der letzten, sehr unruhigen Nacht nachholen musste. Und deswegen hab ich hier ein paar Links für Euch, aber nichts mehr zu erzählen.


Wer nicht vollkommen blind und taub ist hat begriffen, dass ich regelmäßig zu einer Therapeutin gehe. Bin ich also psychisch krank? Bin ich „in Therapie“? Können Sie, liebe Leserin, gerade auswendig unterscheiden, was der Unterschied zwischen „psychisch gestört“, „psychisch krank“, „in psychologischer Behandlung“, „in psychatrischer Behandlung“ und „in Therapie“ ist?
Ich benutze bewusst diese Begriffe, denn es sind die üblichen, es sind die, die man so liest; genauer wird selten differenziert wenn man in den gängigen Medien so etwas liest.
Mir wird immer etwas mulmig, wenn eine dieser Formulierungen in Zusammenhang mit einer Gewalttat auftaucht – als sei damit alles erklärt. Der Weg dahin zu denken, dass man dann auf psychisch Kranke besser aufpassen muss – weil die ja Leute angreifen – ist verführerisch nahe.
Und ich denke jedes Mal kurz darüber nach, ob ich vielleicht mit meinen 14-tägigen Besuchen weniger offen umgehen müsste.
Und nicht nur mir wird deswegen mulmig:

Ungefähr jeder Dritte bekommt irgendwann in seinem Leben irgendeine psychische Erkrankung. Die Chancen stehen gut, dass Sie dazu gehören. Aber selbstverständlich sind da auch leichte Störungen dabei, genauso wie vorübergehende […] Aber auch schwere psychiatrische Störungen wie Schizophrenien führen normalerweise nicht dazu, dass Menschen zu Mördern werden. 98% aller Menschen sind nicht gewalttätig und 95% aller psychisch kranken Menschen sind auch nicht gewalttätig. Die Zahl derer, die andere töten, ist noch viel geringer. Dafür ist das Risiko, selbst Opfer von Straftaten zu werden, für psychisch Kranke deutlich erhöht.

ruhrbarone.de: Nach Mord in Frankfurt: Diskussion auf dem Rücken psychisch Kranker

Überhaupt die Suche nach der Schuld. Sie ist menschlich, jaja. Aber es war auch mal menschlich sein Territorium mit der Keule zu verteidigen und da sind wir auch drüber weggekommen. Es gibt Dinge, die lassen sich nicht komplett ausschließen, wenn Menschen aufeinander treffen. Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass wir hier in Deutschland eh schon in den sichersten Zeiten seit Dekaden leben.
Trotzdem: Schuld muss jemand sein; aber nimmt uns das nicht auch etwas?

[…] geht stets darum, wer mutmaßlich am Tod Schuld ist, welcher Gruppe er angehört, und ob man die Gruppenzugehörigkeit politisch ausschlachten kann. Und es geht darum, wie wer eben dies versucht, wer moralische Doppelstandards an den Tag legt, wer wem nachweisen kann, dass er eben auf die Todesfälle auf diese oder jene Weise reagiert, oder eben nicht. Ich bin dieses Musters müde.

ruhrbarone.de: Ich möchte wieder einfach so über Tote weinen dürfen

(Beide bei Markus gefunden)


Wechseln wir das Thema. Im Rahmen von #metoo dachte ich intensiv darüber nach, dass man auch frauenfeindlich sein kann, wenn man es nicht sein möchte – ich „checkte meine Privilegien“. Und begriff auch in anderen Zusammenhängen den Unterschied zwischen „persönlicher Schuld durch böse Absicht“ und „Verantwortung durch meine Rolle als mittelalter weißer heterosexueller Mann“. Fängt man einmal an, so auf die Welt zu gucken … ich sags Ihnen. das wird nicht schöner.
Über zweitere ist natürlich viel schwerer zu sprechen („Du willst doch jetzt nicht sagen ich wäre misogyn/homophob*/…!“) und so lese ich da gerne mal weiter, um versteckte Mechanismen zu sehen, zu verstehen und etwas dagegen tun zu können. Hier zum Beispiel:

Und als würde diese ganze Kaskade an Homophobie nicht reichen, kommen dann auch noch die vermeintlich nicht-homophoben Menschen, die dir unverblümt sagen, dass sie sich dir all diese Erlebnisse kaum glauben könnten. […]
Die Gesellschaft findet LGBT+ in Ordnung, solange man kaum merkt, dass sie LGBT+ sind

jetzt.de: Auch wer sich nicht für homophob hält, ist es oft

Ich fürchte übrigens, im letzten Satz dieses Ausschnitts kann man „LGBT+“ durch jede andere Gruppe ersetzen, die benachteiligt wird. Passt immer.

*) Ich finde das Wort „homophob“ übrigens furchtbar. Eine Phobie ist eine Form der Angststörung und nicht eine Haltung gegenüber Mitmenschen mit anderer Orientierung. Für oder gegen erste kann man sich nicht frei entscheide – für oder gegen zweitere schon.


Und nochmal something completely different. Mir fallen auch keine klugen Worte ein, ich kann nur heftig zustimmend nicken; ich wünsche mir so sehr, dass jemand mit Verantwortung endlich mal diese Verantwortung nimmt.

Das aber wird nur funktionieren, wenn der Umgang mit den wichtigsten Produkten und Produktionsmitteln – Mobilität, Nahrung, Wohnen, Digitalisierung – nach Kriterien der Vernunft erfolgt. Und nicht mehr nur mit dem Ziel der Gewinnmaximierung. […] Die Gesellschaft muss akzeptieren, dass sich solche Maßnahmen nicht mehr vermeiden lassen. Die Verbraucher stehen in der Verantwortung, selbst zu handeln, soweit es ihnen möglich ist. Sie müssen aber auch ihre Abgeordneten ermächtigen zu regeln, was nötig ist. Wer hier die Freiheit eingeschränkt sieht, hat recht. Aber es gibt kein Recht auf die Freiheit, alles kaufen zu können, was man sich leisten kann.

sz.de: Echter Klimaschutz wird wehtun

Und nu? Musik, hm?

(Ich glaube, via yellowleds Facebook)

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2 Kommentare

  1. Moin Christian,

    ein paar sehr persoenliche Worte zu deinem heutigen Blogbeitrag. (Unbekannterweise, aber dafuer ist das Netz ja da!).

    Es gehoert sicherlich Mut dazu, dass Du dazu stehst dass Du in einer Therapie Hilfe suchst. Dafuer meinen Respekt.

    Dieser, dein Blog ist nicht anonym und Du zeigst damit — im wahrsten Sinne des Wortes — ein Gesicht zu dieser Erkrankung. Nicht jeder hat im Netz diesen Mut – und es steht niemandem als dem Erkrankten selbst an zu entscheiden ob er sein Gesicht im Netz dazu zeigt; wem er in seinem Umfeld und im Beruf er sich anvertraut.

    Wenn Du zu dieser Erkrankung stehst, dann gibst Du dieser Erkrankung ein Gesicht und traegst dazu bei, gegen das Stigma mit der diese Erkrankung leider immernoch behaftet ist in Akzeptanz umzuwandeln.

    Akzeptanz z.B. dass nicht alle Erkrankte wie in den sensationsgeilen Medien dargestellt sind.

    Zu dieser Erkrankung zu stehen, sich im Leben Hilfe zu suchen — wofuer auch immer — ist kein Zeichen von Schwaeche — es ist ein Zeichen von Staerke.

    Helle Tage wuensche ich Dir. Und Menschen die Dir gut tun. Und viel Kraft !

    Gruesse !

    Uwe

  2. Moin Uwe,
    erstmal danke für Worte und Wünsche!
    Ich selbst finde eigentlich sehr selbstverständlich darüber zu sprechen und ich brauche auch von mir aus keinen Mut dazu – den brauche ich erst dann im Kontakt mit anderen, die Vorurteile haben. naja, aber vielleicht kann ich hier ja einen winzigen Teil dazu beitragen, die abzubauen …

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