3.5.2022 – you’re so inspiring, darling

Denke gerade viel über Krankheit nach; also: Krankheit als Phänomen in diesem unseren Land.
Auslöser ist zum einen ein IG-Post von Frau Gehlhaar, die gerade unfreiwillig leider etwas erlebt, was ich manchmal selbst gerne freiwillig nutze, um einen anderen Blick auf „hier“ zu bekommen: Ich gehe woanders hin: Ob physisch oder im Gespräch mit Menschen von woanders, das ist fast egal.
Frau Gehlhaar war lange in den USA und hat dort offensichtlich gerade im Kontrast zu hier viel Gutes erlebt und bemerkt jetzt, auf dem Rückweg, dass sie jetzt wieder zurück fallen wird:

Ich lasse hier in den USA ein großes Stück meiner Freiheit zurück. In weniger als 10 Flugstunden zurück nach Deutschland hat sich meine Welt in ihrer Erreichbarkeit extrem verkleinern. Keine Barrierefreiheit mehr, keine Autonomie, wenig Selbstwirkung.

Laura Gehlhaar auf Instagram

Weiterhin gab es da einen Thread auf Twitter von Doro Marx (lesen Sie’s doch bitte ganz):

Wisst ihr warum wir gesellschaftlich so schlecht mit Covid klarkommen?
Weil wir ein völlig kaputtes Verhältnis zu Krankheit und Behinderung haben, das auf Ablehnung, Verdrängung und Ausgrenzung beruht und Krankheit als Strafe/persönliches Versagen framen.
[…]
Ganz zu Anfang, als Covid neu war wurde direkt, um die junge, gesunde Bevölkerung zu beruhigen, immer wiederholt, dass „nur“ Alte und Vorerkrankte gefährdet sind. Was hängen blieb: hauptsächlich alte Menschen sterben, für junge Menschen und Kinder ist es nicht gefährlich.. Menschen mit Behinderung/Vorerkrankungen haben von Anfang an darauf hingewiesen, dass es viele junge Menschen mit Vorerkrankungen gibt, die mitten im Leben stehen.
[…]
Kranke und behinderte Menschen haben keine Stimme. Menschen mit #LongCovid oder #MECFS auch nicht. Deshalb stecken wir auch die vorsichtigen, vulnerablen Menschen ausgedachte Diagnosekategorien (Cave-Syndrom? Ernsthaft?!? Fuck you!) damit bloß keiner zuhört.

Doro Marx auf Twitter

… und ich denke sehr darüber nach, was ich mir selbst mit diesem Blog hier angetan habe. Ich bekomme von Ihnen, von den Leserinnen hier, sehr oft Rückmeldungen, dass es Ihnen gut tut, wenn ich offen über meine psychic issues spreche. Das ist super, das ist das, was ich seit dem ersten Moment meines ins-Internet-Schreibens 1998 so wollte: wenn es auch nur einem einzigen Menschen hilft, war es gut, es geschrieben zu haben.

Andererseits gibt es beim Umgang mit Krankheit, beim Umgang mit Kranken auch noch eine Kategorie, die oft nicht gesehen wird: Die, die so inspirierend sind. Die unter ihren Postings lesen, dass ihr tapferer Umgang mit ihrem schweren Schicksal so ermutigend wirkt. Oder tapfer.
Und diese Unterscheidung in „Kranke“ vs. „inspirierende Kranke“, die kotzt mich, excuse my french, so unfassbar an – macht sie doch die Kranken, die nicht zufällig noch ein bisschen launig schreiben können noch einmal zu Menschen der nächst-niederen Klasse.
Daher sorry, ich muss mich korrigieren: Die Kategorie wird nicht nicht gesehen, sondern sie wird gern gesehen. Sorgt sie doch dafür, dass man die nicht tapferen besser nicht sehen kann.

Und dann frage ich mich manchmal, ob meine Idee, PTBS, Angststörungen und Depressive Phasen durch mein Schreiben als Normalität zu framen nicht auch nach hinten losgeht. Ob ich nicht ein inspirierender Kranker geworden bis, der in den Köpfen dafür sorgt, dass die Depressiven, die „nicht mal darüber bloggen“ können, sich „doch nun wirklich mal etwas anstrengen könnten“.
Nicht in Ihren Köpfen, nur in denen der anderen – ist klar.

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