3.10.2020 – lightning, quite frightning

Eigentlich begann der heutige Tag schon gestern Abend als die Liebste verkündete, sie habe da was im Auge – aber eben nichts im Auge, sie habe schon nachgeschaut. Mehr so wie ein Schatten. Die meisten von Ihnen werden es nicht wissen, aber in einem früheren Leben wollte ich ja mal Sonderpädagoge werden und als Fachrichtung hatte ich mir Sehbehindertenpädagogik – wie es damals hieß – ausgesucht und dazu gehörten auch zwei Semester Medizin des Sehapparates und auf jeden Fall wurde ich sehr hellhörig. Nein, keine Blitze verneinte sie, als ich mein altes Wissen irgendwo auf zwei, drei Websites aufgefrischt hatte.
Ich schrieb „Augenklinik“ für heute Morgen in den Kalender, machte mir Sorgen und schlief schlecht.

Dass sie heute Morgen dann meinte, in der Dunkelheit wären da auch Blitze, machte alles nicht besser.

Aber ich machs kurz: Ihre Augen wurden eineinhalb Stunden untersucht und es ist wohl keine Netzhautablösung. Aber sie soll Montag noch mal kommen und ja, es war vollkommen richtig: Bei Schatten im Auge und vor allem bei Blitzen gilt: Sofort kommen. Ja, auch an Feiertagen.

Wegen der #aktuellensituation dufte ich natürlich nicht mit rein und so begann mein Tag heute überraschend mit unkalkulierbar viel freier Zeit in Dortmund. Ich hab die an der Uni auf dem Unigelände verbracht. Hin und wieder ziehts mich ja dahin. Alte Geister besuchen.

Wieder zu Hause hatte ich eine frohe Nachricht in der Inbox:

Wir waren beide ziemlich platt, aber es lief ja ein Traumschiff. Da ich der Geschichte ganz gut folgen konnte, begann ich nebenbei zu überlegen: Neben der obligatorischen Liebes-Geschichte und den unehelichen Kindern ist ein zerrüttetes Vater-Sohn-Verhältnis eines der meist gesehenen Motive auf dem ollen Dampfer: Die beiden begegnen sich aus Versehen auf dem Schiff, man streitet, man schreit, man haut sich eine Menge „Und dann hast Du aber …“-Sätze um die Ohren und irgendwann presst sich der Vater mühevoll ein „Wir haben beide Fehler gemacht“ raus und dann ist alles gut, man umarmt sich wortlos und Sohnemann bekommt Daddy’s Firma doch.

Aus Gründen etwas, was mir vor Verlogenheit meist das Essen wieder hoch kommen lässt.

Und ich überlegte: Warum kommt diese Geschichte so oft? Idee: Vielleicht weil sie in der alten weißen Nachkriegs-Generation der Autoren und Produzenten eine zentrale Rolle spielt? Weil sie und ihre Buddies das dauernd so erleben?
Haben die vielleicht alle vollkommen emotionslos verstummt aber gottgleich narzistisch ihre Söhne vergrault und sehnen sich kurz vor dem Sterben noch nach etwas, was ihnen ihr beschränktes Emotionsrepertoire nicht möglich macht?
Dass diese Pseudo-Versöhnungen eigentlich vollkommen wortlos und ohne jede Aussprache oder Aufarbeitung stattfinden, stützt meine These.
Diese Generation hat nie gelernt zu sprechen und kann es dann auch keinem Schauspieler in den Mund legen.


Wirklich gemocht habe ich übrigens heute an der Uni, wie grün sie zwischen all diesen 70er-Brutalismus-Bauten ist. Als ich damals da rum lief, gab es zum Beispiel einen Teich hinter dem Pädagoginnenhügel. Der sieht heute aus, wie ein gut gemachtes und gut laufendes Biotop und dass darunter Wasser sein könnte, nimmt man nicht mehr wahr.

Und als ich ansetzte das (gleich folgende) Kunstwerk „Christian hat ’nen Vogel“ zu realisieren, wurde ich so lautstark von einem Eichhörnchen beschimpft, dass ich fürchtete, einen Moment später in den Comic-typischen Nuss-Hagel zu geraten.
Alter, was können die Tiere können laut werden!

Hier nun also: Christian hat ’nen Vogel:


Ach ja, die Läden haben ja zu, da war ja was. Wiedervereinigung.
Meine Erinnerungen an diesen Tag vor 30 Jahren hab ich hier schon mal aufgeschrieben (so ca ab der Mitte).

Morgens am dritten Oktober 1990 war die Teilung Deutschlands beendet und die Teilung eines LKs eines Mendener Gymnasiums besiegelt.

Ich so letztes Jahr: vereinigt und getrennt

Da sich alle meine anderen Befürchtungen aus meinem achtzehnten Lebensjahr bewahrheitet haben (Deutschland hat ein tiefsitzendes Nazi-Problem / die Menschheit wird den Planeten schreddern / Deutschland hat ein tiefsitzendes Rassismus-Problem / hemmungsloser Kapitalismus kann nicht funktionieren / Kohl ist nicht gut für uns) beschließe ich jetzt einfach mal, dass auch die letzte dieser Befürchtungen irgendwann bewiesen wird: So, wie diese Wiedervereinigung läuft, das ist nicht gut.
Ach guck: Hier sagt das schon jemand von größerem Verstand als ich:

Man ist unendlich naiv in die Wiedervereinigung hineingegangen. Diese Gemeinschaftsunterstellung, dass wir alle Deutsche, Brüder und Schwestern, sind, hat blind gemacht für die existierenden Unterschiede. Über die Zeit hatten sich eben zwei sehr unterschiedliche Gesellschaftsformationen entwickelt, zumal es auch schon vor der Gründung der DDR soziostrukturelle Differenzen zwischen Ost und West gab, die sich dann nochmal verstärkt haben.

Steffen mau (philomag.de): Man ist unendlich naiv in die Wiedervereinigung hineingegangen

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2 Kommentare

  1. Was ich neulich – leider weiß ich nicht mehr,wo?! WDR5 … ? – sehr interessiert fragmentarisch aufgeschnappt habe: eine starke Rechtsneigung war DER Aufhänger innerhalb des Arbeiter- und Bauernstaates, um gegen diesen aufzubegehren. Also Grundlage für eine ganz eigene Art, mit der (dort totgeschwiegenen?) Vergangenheit umzugehen.

    Was die Nachkriegsväter angeht und all‘ das, was noch mit dieser Zeit zusammenhängt – und ich echt anschaulich in meiner eigenen Familie dargestellt kriege, eben weil es sich über Generationen hin zieht – fand ich die Bücher von Sabine Bode echt mindblowing.

    Alles Gute der Liebsten!

    1. Verstehe ich richtig: Wer in der DDR dagegen war, tat das gern aus einem rechten Antrieb? Oder …?

      Die Bücher sehen sehr interesant aus. Stehen schon auf der Merkliste.

Kommentare sind geschlossen.

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