29.6.2020 – songs of gardening and desperation

Allgemeine Grundstimmung: Ich kann nich mehr. Schaue ich zurück, dann war das bis jetzt ein Jahr ohne einen Tag Urlaub, achja: mit Corona; und mit einem wochenlang schwelenden Disput mit einem Teil meiner Familie, der mir freundlich ankündigte, er näme es in Kauf, „meine Existenz zu ruinieren“.
Jetzt, wo ichs so aufschreibe klingts sehr logisch, dass ich gerade etwas müde bin.

Am Wochenende viel geschlafen, das war gut.
Musik gemacht, das war schön (Sie haben das ja gestern schon zum Teil sehenhören können)
Begonnen, der Liebsten ihren Schreibtisch einzupassen, das wird sehr schön. Dank meiner Konzentrationsstörungen mache ich Sachen mit der Säge aktuell lieber in kurzen Einheiten und wir machen da jetzt jeden Tag ein bisschen weiter.

Die Nachbarn kamen aus ihrem Urlaub zurück und sahen dann das erste mal unseren im Vergleich zu vorher doch nahezu weitläufigen Garten. Sie begannen, auch bei sich selbst Hecke zu entfernen.
Jetzt müssen Sie wissen: Schaut man von oben auf die drei Gärten, dann kann man erahnen, dass sie von oben gesehen alle drei die gleiche Grundfläche haben. Da das Gelände hier aber sowohl nach hinten als auch nach links abfällt, bleibt den Nachbarn zur einen Seite an nutzbarer Fläche knapp ein Drittel dessen, was wir jetzt haben. Der Rest ist Hecke am Hang.
Bei denen rechts ist es etwas weniger Hang und damit theoretisch etwas mehr nutzbare Fläche – dafür haben die vom Vorbesitzer deutlich mehr Hecke und zusätzlich einen riesiges Buchsbaum-Rondell übernommen. Und deswegen an nutzbarer Fläche auch kaum mehr als die links.
Die Gärten waren vor Dekaden alle vermutlich mal relativ zeitglich angelegt worden und wir waren jetzt die ersten, die den spät-achtziger-Hecken und dem Wildwuchs einen Gärtner entgegen stellten. Und so auf einmal richtig Fläche haben – und ich kann mir vorstellen, dass das noch weitere Folgen haben wird.
Denn: Wir sind die einzigen, denen das Haus und damit der Garten selbst gehört und ich sags mal so – wäre ich Mieter rechts oder links und sähe plötzlich, dass ich mehr als zehn Quadratmeter Wiese haben könnte, stände da nicht der gesamte Mist – ich würde meine Vermieter mal anrufen. Oder eine Anti-Hecken-Petition einreichen oder so.

Wissen Sie eigentlich, dass mir ein Garten gar nicht so wichtig ist? Ich ziehe absolut keine supi Lebensfreude daraus, zu werkeln, hier und da mal was abzuschneiden, irgendetwas zu pflanzen oder beim Wachsen zuzugucken. Nein, Rasenmähen ist nicht meditativ und ich sitz da auch nicht so besonders oft drin* – und das macht diese aktuelle thematische Situation besonders absurd.

*) Naja, vieleicht ändert sich das, wenn es jetzt so clean und frei ist.

Am Samstag im Laden vollends verzweifelt. Weil ich der einzigste(!) war, dem Abstand noch etwas bedeutete, stand ich unter anderem zweieinhalb Lieder lang – also knappe 5 Minuten – vor dem Gang zu den Marmeladen, der vorne von jemand blockiert war, der sehr gründlich die richtige Schokosauße aussuchte. Er guckte mich wiederholt groß an, stellte seinen Wagen aber nicht weg. Außerdem gabs diverse Rippenstöße von denen, die um die Ecke bogen und mein Warten auch nicht verstanden und sich halt durchdrängten.
Der Rest war ein Tanz, der vermutlich von oben gesehen an ein erschrockenes Huhn im Pacman-Spielfeld erinnerte.

Schaue ich mich um, ist die vorherrschende Meinung: Corona war nur einmal im Jahr.

Wissen Sie: Ich denke seit den Achtzigern, dass wir hier in diesem Land ausländerfeindlich und rassistisch sind, ich gucke seit Dekaden zu, dass es Natur und Klima immer schlechter geht, ich schaue seit Kohl auf die fortschreitende Neoliberalisierung und wie unsere Gesellschaft systematisch immer asozialer wird, ich ertrage es seit dreißig Jahren nicht, Fleisch zu kaufen oder auch nur in der Auslage liegen zu sehen weil ich das Tierleid dahinter fühlen kann – alles immer Beispiele für Spannungsfelder zwischen Fakten und Stimmung in Politik und Bevölkerung.
Und ich habe irgendwie mit dem Glauben an die belegbaren Fakten immer recht behalten. Will sagen: Mir fehlt schon aus der Erfahrung heraus der Glaube, dass die Haltung „Klappt schon, wenn man feste genug weg guckt“ auch nur eine Sekunde lang hilft.

Das macht mir alles echt Angst.

Die Seelemassage fiel heute aus, die kluge Frau hat sich einen Hexenschuss eingefangen. Wüsste Sie, dass ich die Sitzungen „Massage“ nenne, ergäbe sich hier ein weites Feld der Massage-Witze. Ich hoffe, es geht ihr schnell wieder gut – sowas ist ja auch kein Spaß.

Ich habe deutlich mehr arbeiten können als in den letzten Tagen, spätnachmittags waren wir endlich mal wieder am See und jetzt gucken wir die letzte Folge von #singmeinensong.

Kommen wir zum Beifang:

Bildungsforscher zur Coronakrise „Lehrkräfte haben in der Pandemie zu wenig zurückgegeben“
Diesen Artikel aus dem Spiegel haben Sie vermutlich schon gelesen, aber ich möchte eine kleine Sache noch einmal hervorheben: Nämlich die feine Differenzierung zwischen: Wer hat versagt („Das ganze System der Schulsteuerung, angefangen vom Land über den Bezirk bis runter zum Schulträger“) und wer hat dann vielleicht zusätzlich noch nicht gut agiert (einzelne Lehrerinnen)
Auch die Folgerung, dass es zu einer „Abstimmung mit den Füßen“ kommt und damit die Chancengleichheit noch weiter abnimmt, wenn sich Schulen jetzt ( = in den Ferien) nicht dringend bewegen, finde ich klug und wichtig.

Hell froze over: Lehren aus der Krise – NRW macht die Schulen digitaler.(€)
Alle rund 200.000 Lehrer in NRW bekommen Dienst-Computer, etwa 350.000 Kinder aus einkommensschwachen Familien werden sich von ihren Schulen Tablet-PC oder Laptops leihen können
Schon 20 Jahre nach Platzen der ersten dotcom-Blase und vierundzwanzig Jahre nach Beginn der Initiative Schulen ans Netz bekommen Lehrerinnen jetzt einen Computer.

5 Kommentare

  1. Diese toxischen Menschen aus der Ursprungsfamilie, das schmerzt so sehr und zieht einem unglaublich viel Energie ab. Gut, dass wir unsere Liebsten und gewählte Familie haben – those human beings who actually share our definition of love and family. Ich fühle mit. Es ist schwer. Sometimes this thought is comforting: that you are allowed to leave those toxic people, put up boundaries, walk away. Alles Gute!

  2. Ich kenne das als „Familie hat man, Freunde sucht man sich aus“. 🏆Selbstfürsorge, so wichtig. 🙋‍♂️

    1. Wie sagte der Herr Kelly schon so schön?
      „Cause friends are the family
      That you choose and I thank God that you chose me
      I’m thankful I chose you“

Kommentare sind geschlossen.

Die Website benötigt Cookies. Ich nutze Matomo, um zu sehen, welche Artikel Sie interessieren. Matomo ist lokal installiert, es werden keine Daten mit externen Diensten ausgetauscht oder Cookies gesetzt. Auf Anforderung können Sie zB Videos ansehen, die dann weitere Cookies setzen.