Viele gedimmte Lampen im Raum, im Stereodreieck klingt das Tingvall Trio, im Kamin verglühen die letzten Holzstückchen und das klingt alles exakt so, wie ich es mir vorgestellt hatte, als ich jünger war. Naja, einen Kamin hatte ich mir nie gewünscht bis ich zufällig einen erbte; aber „Aufbleiben so lange wie ich will“ wollte ich und dann laute Musik hören bis spät in die Nacht und vor der Tür sollte ein Auto stehen, das mich, wann immer ich wollte, überall hinbringen konnte (entschuldigen Sie: ich wuchs bekanntermaßen auf dem Dorf auf, da spielen aus Erfahrung Bus und Bahn in der Anlage solcher Träume keine Rolle).
Das Batmobil steht zwar vor der Tür, geladen ist es auch, aber der Eisregen hat die Türen verschlossen, den Weg zu Fuß zur Tür des Wagens sowie den Weg des Autos die Einfahrt hoch unmöglich gemacht und wenn die Träume so alt sind, dann langt das, damit ich mich ein wenig eingesperrt fühle.
Die Weihnachtstage brachten uns viel gute, intensive gemeinsame Zeit und das war sehr gut, denn aus Gründen waren wir davor zu viel alleine. Die Weihnachtstage brachten aber auch am Morgen des sogenannten heiligen Abends eine unbedachte Berührung im Kaufhaus, in dem wir schnell noch einen Liter Milch holen wollten. Eine winzige Berührung nur, ich streifte ebenso zufällig wie unabsichtlich ein Stück Stoff, eines von dem ich keine Gefahr befürchtet hatte.
Eine Berührung, die allerdings zeigte, warum ich so allergisch darauf reagiere, wenn ich höre, dass eine genervt guckende Teenie von ihrem Mathelehrer „getriggert“ ist, weil der „so viel Hausaufgaben aufgibt“. Denn diese Berührung katapultierte in Sekundenbruchteilen mein Hirn und meine Emotionen weg aus dem Jahr 2025 zurück nach circa 1980 und mitten hinein ins Unglück. Und das möchten Sie nicht erleben.
DAS ist ein Trigger, nicht eine leichte Genervtheit über dies oder jenes.
Ich erwähne immer wieder, wie gut ich therapiert bin, was ich alles gelernt und tief verinnerlicht habe, wie sehr ich Skills oder Tools – oder wie immer Sie es nennen möchten – bereit liegen habe, um in ähnlichen oder solchen Situationen noch reagieren zu können. Nicht zuammenzubrechen. Mich nicht am Boden wieder zu finden. Nicht ruhiggestellt oder in ein Klinikbett gebracht werden zu müssen.
Und ich konnte. Ich konnte mich in Minuten selbst zurückholen ins Hier und Jetzt, kein Zusammenbruch im Laden, weder Panik- noch sonst eine Attacke und dass ich das kann, das ist der Grund, warum auf dem Album, was übrigens heute wirklich endlich fertig wurde, ein Stück ist, das ich meiner Therapeutin gewidmet habe.
Was ich immer wieder vergesse ist, wie anstrengend so ein Moment ist; dass so ein kurzer akuter Moment, der mit allen Abwehrmaßnahmen vielleicht drei oder vier Minuten dauerte, über Tage nicht müde sondern tief erschöpft machen kann.
Dass ich erst vor wenigen Wochen las, wie gefährdet Menschen mit psychologial issues bei Begegnungen mit der Polizei sind, dass ich ich erst vor wenigen Tagen las, dass der unbeliebte Sauerländer als nächstes bei Krankenhäusern sparen will, dass ich erst vor wenigen Stunden las, dass Lehrerinnen und Psychologinnen feststellen, dass Eltern nicht mehr wollen, dass die Diagnosen ihrer nach zwei Jahren Wartezeit endlich diagnostizierten Kinder irgendwo stehen, weil man ja nicht weiß, wie weit der Backlash noch geht – das macht alles nichts besser.
Viele gedimmte Lampen im Raum, im Stereodreieck klingt das Tingvall Trio, im Kamin sind inzwischen die letzten Holzstückchen verglüht und alles drei klingt exakt so, wie ich es mir vorgestellt habe, als ich jünger war. Aber auch nur das.
