(Gestern)
Ich liege um acht im Bett im abgedunkelten Zimmer und ich versuche zu überlegen, ob die Migräne von dem allgemeinen „Ich kann nicht mehr“-Gefühl kommt oder das „Ich kann nicht mehr“- Gefühl, weil sich auf den anstrengenden Tag auch noch Migräne gesetzt hat.
Auf dem dunkel gedrehten Bildschirm läuft YouTube, einfach meine Abos durch und eine junge Frau erzählt von ihrem Weg zurück aus einer dieser modernen Krankheiten, eine dieser Krankheiten, mit denen niemand was anfangen kann weil sie zu psychisch oder zu unbekannt und selten sind. Eine dieser Krankheite, wo unempathische Menschen „Stell Dich nicht so an“ sagen.
Sie hat vieles verloren, konnte lange Monate nichts außerhalb des Bettes tun und dokumentiert ihre vorsichtigen Schritte zurück.
Gerade richtet sie ihr neues Heim ein, handwerkt ein bisschen herum, baut sich die Dinge neu, die sie um sich haben möchte, filmt gelegentlich in einer vollausgestatteten Holzwerkstatt, besucht zwischendurch ihre alte Wohnung, die seit Monaten leer steht, sie sägt, bohrt, leimt, lasiert und sie ist ziemlich ok gut im Handwerken und sehr, sehr gut im Filmen. Das sieht alles wirklich unfassbar ästhetisch aus, sie kann Perspektive und Licht, Gegenlicht und Schatten, hat ein Auge für Footage am Wegesrand um Stimmung zu erzeugen, sie kann sogar aus dem rauen Live-Ton, der beim sich-selbst-geschickt-Filmen entstanden ist, einen shabby Ton-Stil machen und man kann wirklich gut zusehen.
Ich freue mich für sie, wirklich sehr. Ich habe einmal einen wirklich kleinen eigenen Einblick in ihre Krankheit bekommen und ich freue mich unbändig für sie.
Und mittendrin bermerke ich, dass in meiner Welt eine viel-monatige Arbeitspause als Selbstständiger, eine Wohnung, die man sich gerade einrichtet und eine weitere, die seit vielen Monaten leer steht, eine beneidenswert ausgestattete Holzwerkstatt und die Geduld, auf dem Flohmarkt hübsche zueinander passende Bilderrahmen zu finden nicht zueinander zu passen.
Ich freue mich immer noch für sie, wirklich.
Aber wenn ich ein halbes Jahr nicht arbeite, dann mache ich fünfstellige Einbußen, die ich überraschenderweise nicht ewig abfangen kann. Wenn ich mich so wie jetzt um so vieles mehr als um den Alltag kümmern muss, dann bekommen Kundinnen Mails, in denen ich mich für Verzögerungen entschuldige – auch das ist kein nachhaltiges Modell.
Und dann begriff ich: Am besten ist man auch krank noch inspirierend, hygge und creative, Du – dann lässt es sich wenigstens noch verkaufen. Und die Struktur dahinter kotzt mich einfach nur an.
Ich tue es selbst: Ich blogge im Moment seltener, weil ich ja selten positives oder unterhaltsames zu erzählen haben. Es kotzt mich an.
Ich blogge immerhin hin und wieder, weil ich nach 25 Jahen des täglichen Schreibens vielleicht doch ein bisschen Talent habe, was gelegentlich durchscheinen kan. Und weil ich sogar in so einem Loch wie gerade oft noch ironisch sein kann oder den einen positiven Blick finde und formulieren kann.
Es kotzt mich an, das zu begreifen. Ich möchte gar nicht inspirierend krank sein, ich möchte mich heulend auf der Couch zusammen rollen, Kinderfernsehen gucken und von Duplos, Pizza und Kakao leben.
Vor den Ferien hatte ich der klugen Frau geschrieben und um Hilfe gebeten. Sie war erst im Urlaub und versprach, sich zu melden, wenn einmal jemand eine Stunde absagt. Heute um neun kam die Mail, dass ich um drei da sein könne, wenn ich wolle.
Ich wollte. Natürlich. Ich habe die gesamte Stunde gebraucht, nur um zu erzählen und zu verknüpfen was alles los ist und es war geradezu absurd gut zu bemerken, WIE safe und wohl und zu Hause ich mich in diesem Raum fühle.
WIE gut es ist, da wieder zu sein.
Alles wird gut.
Ps: Mein Gott, wie zum Kotzen inspirierend zu einem Abschluss gebracht.
Pps: Ich glaub trotzdem seit heut Nachmittag wieder etwas mehr dran.
Heute schmerzt das Tattoo. Mein Symbol meiner Heilung in meiner Haut, es schmerzt heute. Ich glaube überhaupt nicht im Geringsten an sowas, aber das Timing ist schon extraordinaire.
Flashback
Heute vor einem Jahr hab ich wohl Urlaubsbilder sortiert und war dann abends auf vor und hinter der Bühne auf einem Konzert, um zu fotografieren. Ich erinnere mich, dass in jeder Faser glücklich war. Für die älteren: Jede Zelle meines Körpers, jaja.

Zeugs
Wo damals die hübschen Cafés waren, reihen sich heute Ein-Euro-Shops aneinander. Die Leute sind irgendwie anders, das Stadtbild: hat sich verändert. Aber wer die Schimanski-Tatorte kennt, weiß: Es gab auch andere Seiten damals, in den vermeintlich goldenen Zeiten. In den Ruhrorter Hafenkneipen wurde gesoffen und geprügelt, mitunter auch zu Hause. Der Himmel war auch bei Sonnenschein grau, die Wäsche sowieso, die Altbauten rußschwarz. Das Stadtbild: ausbaufähig.
Felix Banaszak
Wortgewaltige Sprachlosigkeit: Warum die Stadtbild-Debatte so ziellos ist
Danke fürs Teilhaben und Dabei-sein. Wenn Sie wollen:
Hier können Sie mir ’ne Mark in die virtuelle Kaffeekasse werfen,
Oder – wenn Ihnen Geld zu unpersönlich ist – hier ist meine Wishlist. Sie finden dort formschöne und Freude-spendende Geschenke für wenige oder auch sehr viele Euro.

Ich erwische mich auch im direkten Gespräch oft dabei, dass ich nach (berechtigtem) Jammern meinerseits doch irgendwie noch das Positive rauszusuchen versuche. Ob ich damit versuche, mein Gegenüber nicht zu überfordern oder mich selbst zu überzeugen? Ich weiß es oft selbst nicht sicher. (Es gibt sie, die Freund*innen, bei denen ich das nicht oder seltener tue. Glücklicherweise. Irgendwann wird das nämlich sehr anstrengend mit dem Lächeln, wenn doch alles… Aber wem erzähle ich das.)
Ich finde das auch ok, sowohl von mir selbst als auch von und für andere. Ich habe eine Stunde nur erzählt – und ich habe vollständig Verständnis, dass damit nicht jede umgehen kann.
„WIE safe und wohl und zu Hause ich mich in diesem Raum fühle.“
Ist das nicht alles, was zählt. Manchmal müssen wir zu den Menschen zurückkehren, die uns gut tun. Ich wünsche gute Besserung und eine mögliche Lösung für Sie!
das ist alles was zählt, ja.
Ich bin so froh mit dir, dass es diesen Raum für dich gibt und hoffe, dass die kluge Frau in der nächsten Zeit noch mehr solcher Lücken hat. Und ich bin überzeugt davon, dass irgendwann vieles gut wird. Vielleicht nicht alles und vielleicht manches anders als jetzt gedacht, aber trotzdem gut.
(noch ’ne Umarmung, wenn du magst.)
<3