26.3.2021 – Montagsfrage 4

Dieser Tag ist für mich aus Gründen, die – surprise, so etwas gibts – hier nicht hingehören kein besonders guter. Ich nehme mir also die Montagsfrage von Joël und beantworte die.

Warum bloggst du und wie hat das damals bei dir alles angefangen?

Online war ich seit 1997. Da war ich nämlich bei einem Freund mit fotografischem Gedächtnis eingezogen, der aus den Computerzeitschriften neben der Kasse immer die Codes auf den AOL-CDs auswendig lernte und so kostenlos permanent online war. Und wenn er nicht da war, durfte ich.
Ich war von der ersten Sekunde an in dieses Internet verliebt, hatte dann bald auch einen eigenen AOL-losen Zugang und entdeckte quasi als erstes zwei Dinge, die mich für immer prägen würden: Das Forum von wer-weiss-was und die Mailing-Liste der i-worker.

Beide lebten das Prinzip des wahren Netzwerkens: „First give and then take“ und das erschien mir logisch und gut.

Nach einem kurzen Zwischenspiel mit einer „privaten Homepage“ entdeckte ich Ende 2000, Anfang 2001 Weblogs – die fand ich toll. Bis April 2001 traute ich mich aber noch nicht daran, selbst auch so etwas zu versuchen – aber dann, Anfang April 2001 lud ich ein paar handgecodete HTML-Seiten hoch.
Der Name: jawl.
Also: Just Another WebLog.
Der Name entstand, weil ich der festen Meinung war, dass ich neben den vielen Blogs, die es schon gab, vermutlich der letzte war, der jetzt auch noch unbedingt auf diesen Zug springen musste.
Nein, ich habe mich nie wieder so sehr mit meiner Einschätzung von irgendetwas in diesem Internet vertan.

Bereits nach ein paar Monaten erlebte ich das erste mal den Zusammenhalt der damals noch sehr überschaubaren Blogosphäre, als irgendein Dude auch ein jawl aufmachte und sich dafür die Domain jawl.de kaufte. Über eine eigene Domain hatte ich bis dahin noch gar nicht nachgedacht, aber das fand ich richtig scheiße. Alle anderen Blogger auch und schon nach 2 Stunden, in denen alle in seinem Gästebuch ihren Unmut ausdrückten (Kommentare hatte wir noch nicht), gab er auf und benannte sein Blog um. Und ich hatte mir jawl.net gekauft.

Und das habe ich dann bis Anfang 2018 regelmäßig gefüllt. Oft täglich, vor Twitter auch mehrfach täglich, später seltener aber die längste Pause waren acht Wochen.
Ich habe für 10 Leserinnen am Tag und für 10.000 geschrieben. Ich habe Blödsinn gemacht und sehr, sehr ernsthaftes und vor allem jeden Scheiß mit. Ich habe journalistisch geschrieben und habe über alles mögliche nachgedacht und war popkulturell und politisch und banal. Ich habe Kurzgeschichten und Rants geschrieben und … und … und … (Es gibt da übrigens ein wachsendes Archiv dieses alten Blogs)
Es gab immer Nebenprojekte, die aus Ideen aus dem jawl heraus entstanden waren und groß genug für einen eigenen Namen geworden waren, aber das Zuhause war das jawl. (Wer da wirklich einen Überblick haben will – ich habe das alles dokumentiert.)

Anfang 2018 wars dann gut, das war alles zu groß und ich hatte den Überblick verloren und ich machte das Ding zu. Und Ende 2018 dieses hier auf, weil ich wohl doch einen Ort zum Schreiben brauchte.

Über all die Jahre das Wichtigste: Über dieses Blog und die zahlreichen Social-Media-Orte, die ich immer nur als Anhängsel des Blogs betrachtet habe, habe ich über all die Jahre unfassbar tolle Menschen kennen gelernt – von denen ich viele heute voller Stolz „Freundin“ nenne.
Und das ist dann wohl das, was ich „take“, nachdem ich zuerst meine Texte „give“. Ganz unbeabsichtigt und nie geplant aber auch im zwanzigsten Jahr immer noch wunder-, wunderschön.

Wenn Sie heute zwei Artikel online lesen, dann seien es diese:

Benjamin Hindrichs hat es geschafft all die losen Enden zwischen Terroranschlägen und Xavier, zwischen 4chan-Memes und Weltverschwörung in einen les- und verstehbaren Zusammenhang zu bringen. Das macht zwar wenig Spaß, aber …

Oslo, Hanau, Christchurch: Rechte Anschläge erschüttern immer wieder die Welt. In diesem Text erfährst du, welche Ideologie die Terroristen teilen, wie das Internet ihnen hilft – und warum es gefährlich ist, anzunehmen, die Täter seien Einzelgänger.
Die einzelnen Attentate der vergangenen Jahre müssen als Teil eines größeren Zusammenhangs gesehen werden. Sie haben zahlreiche Gemeinsamkeiten. Das hat etwas mit Ideologie und Radikalisierung zu tun, aber auch mit AfD und Klimakrise, mit Xavier Naidoo und sogar mit McDonalds.

Benjamin Hindrichs auf krautreporter.de: Rechter Terror, verständlich erklärt

Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen haben ein Buch über Influencer geschrieben, weil sie die als gefährlich ansehen. Ich finde, das klingt plausibel.

wir sehen sie als eine Gefahr für die Demokratie. Wir bewegen uns zusammen mit den Influencern zurück in ein voraufklärerisches Zeitalter
[…]
Also sind Influencer die Personifizierung von Neoliberalismus und Unsolidarität?
Ja, denn das neoliberale Subjekt soll Unternehmer seiner Selbst sein.

Laura Ewert im Interview mit Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen auf spiegel.de:
Abrechnung mit Influencern »Die reinste Volksverblödung«

Sie haben Fragen? Sie wünschen sich ein Thema, über das ich mal bloggen soll?
Schreiben Sie’s auf!

4 Kommentare

  1. Danke fürs Mitmachen.
    Ich lese ja schon eine Weile mit bei dir, wenn auch unregelmäßig.
    Es ist gerade bei dieser Montagsfrage bis jetzt sehr spannend zu lesen aus welch total unterschiedlichen Gründen ein Mensch mit bloggen anfängt.
    Ich musste laut lachen, mit den AOL Codes, das kannte ich zu der Zeitnoch von jemand anderen. 🙂

  2. Ich lese Ihren Blog täglich (bzw. wann immer Sie posten) und mit großem Genuss. Und endlich, endlich weiß ich nun auch, warum er heißt, wie er heißt – diese Frage trieb mich schon eine Weile um. Danke für die Aufklärung!

Kommentare sind geschlossen.

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