Die Tage dümpeln in einem einfachen Rhythmus: Aufwachen, wenn der Vogelbaum vorm Fenster von den ersten Sonnenstrahlen geweckt wird. Wir finden dieses Gezwitscher ja immer ganz malerisch, aber ich habe irgendwann vor vielen Jahren das Bild in den Kopf bekommen, dass es eigentlich damit beginnt, dass irgendwer in der Mitte pullern muss, mal kurz raus will und leise den Nebenvogel fragt, kurz zur Seite zu rücken – und es dann in einer wilden Kaskade los geht: Hm? Was willst Du? — Raus, ich muss pullern. — Schon wieder, was hast’en Du für ’ne Sextanerblase? — Ich muss halt. — Was will er? — Raus, der feine Herr muss pullern — Echt? Ich hab ihm noch gesagt: Nicht mehr in den Brunnen nach sieben — Ja, Du sagt ja eh immer allen, was sie tun und lassen sollen, das geht mir eh echt auf die Schwingen, das wollte ich schon immer mal sagen — Ich hab halt aber auch Recht! — Aber es war doch so heiß gestern!? — Was hat er gesagt, es war so’n Scheiß gestern? — Haha, hast Du Federn in den Ohren, er hat gesagt, es war so heiß — Ja, das ist es für uns alle, warum jammert er darüber? — Nee, er muss pullern, weil er noch so spät im Vogelbad war — Jetzt echt, weiß der nicht wie spät es ist? — Ja, das sagen wir ihm ja auch gerade — Hey Leute, ich müsste jetzt wirklich ma… — Wo sind eigentlich die Eltern, wenn man sie braucht? — Wisst Ihr noch, wie der damals schon unbedingt als erstes aus dem Ei musste — ICH MUSS MAL — Und noch nicht getrocknet, aber schon auf dem Nestrand balancieren! — Hörst Du das Sybille, die reden über Deinen Sohn … — Ach, jetzt ist es wieder mein Sohn, Du hast den genau so gebrütet wie ich! Meine Mutter hatte vielleicht doch Recht, mich vor Typen mit einer hellen Schwanzfeder zu warnen. Ich lass mich scheiden! — Kannst Du gar nicht, wir leben monogam, kannste in jedem Lexikon nachlesen — Als wenn Du lesen könntest! — ICH MUSS JETZT PULLERN!!!eins11!— …
… naja und so weiter und so weiter und dann muss ich lachen und bin wach.
Dann im ganzen Haus alle Fenster aufreißen und im Treppenhaus, da wo der Kamin-Effekt am größten ist, im kühlen Lufzug sitzen. Später ins Büro aka Dachsauna und zuerst fix alles erledigen, wofür ich mehrere Monitore brauche, damit ich so schnell wie möglich mit dem Laptop runter ins Wohnzimmer wechseln kann.
Merken, wie der Geist mürbe wird, irgendwann die Flügel strecken, auf der Couch vegetieren und Melone zuführen.
Repeat.
Gestern den Ablauf mal durchbrochen und mit dem ältesten Freund getroffen. Wir haben uns vor fast exakt 47 Jahren angefreundet, haben unsere komplette Jugend miteinander verbracht und das nicht nur, weil es in dem Dorf niemand anderes gab. Wir hatten durchaus lange Phasen, wo wir uns nicht sahen aber seit ein paar Jahren treffen wir uns regelmäßig alle paar Wochen auf ein oder zwei Getränke irgendwo im Sauerland oder im Ruhrgebiet. Und ich liebe alles daran.
Gestern gerieten wir von jetzt auf gleich in eine Diskussion über Männer und Frauen, Herrn Wenders und Frau Kinski, Frau Fernandes und Herrn Ulmen, Einzelfälle vs. strukturelle Probleme, streiften Rosa Parks und Nelson Mandela und als wir merkten, dass es neun war, diskutierten wir seit dreieinhalb Stunden, die Eisdiele war seit zwei Stunden geschlossen, alle anderen Tische waren angekettet und ich begriff, was die nette Bedienung mit „muss abrechnen aber Sie können noch sitzen bleiben“ gemeint hatte. Ooops.
Wir waren uns an vielen Stellen vollkommen einig und an vielen Stellen überhaupt nicht aber wir beendeten den Abend mit der Feststellung, dass das ein wirklich gutes Gespräch war, denn wir haben keine Sekunde gestritten, haben zugehört, überdacht, angenommen, sind auf Gehörtes eingegangen und wie furchtbar traurig es ist, dass man so etwas dann am Ende eines Abends als bemerkenswert, weil selten feststellt.
Heute morgen dann wieder niedliches Vogelgezwitscher, grinsen, lüften und so weiter.
Zeugs
Ich glaube, eines unserer Probleme heute ist, dass wir mit Maßstäben umgehen, die wir gar nicht mehr fassen können. „Klima“ zB ist eine Geschichte eines gesamten Planeten und die meisten Menschen können gerade mal bis ans Ende ihrer Motorhaube gucken. Wir können uns etwa 1000-10000 Menschen merken und Sätze wie „wir ruinieren unser aller Leben“ sind dann zu um etwa 7.999.990.000 zu groß um sie zu fassen. Schon der angenommene Satz „Die Bild ist ein Drecksblatt, dem man nie glauben sollte, nie.“ wäre auch so ein Satz, der zu groß ist – dabei bin auf ein schönes Beispiel gestoßen, wo die Bild auf der Suche nach der Sensation schon vor Dekaden ihre Leser auf falsche Fährten gelockt hat und uns das heute die Klimawandel-Leugner um die Ohren hauen:
Deutschland ächzt unter drückender Hitze – und in sozialen Medien werden wieder tausendfach Bilder alter Zeitungsschlagzeilen gepostet, die belegen sollen, dass es den Klimawandel so nicht gibt – weil es auch früher schon ähnlich heiß gewesen sei wie heute:
Oliver Klein für ZDF heute:
„37 Grad – es bleibt so heiß“, titelte die „Bild“-Zeitung am 5. August 1975, „40 Grad Hitze – jetzt wird das Wetter lebensgefährlich“, hieß es bei „Bild“ drei Tage später in der Bundesausgabe, „56 Grad! Ganz Deutschland ein Brutofen!“, titelte „Bild am Sonntag“ am 7. Juli 1957.
[…] sind die Postings irreführend: So wurden etwa die 56 Grad im Juli 1957 nicht in der Luft, sondern im Inneren eines Uhrgehäuses gemessen. Das geht aus dem Text im Artikel hervor
Nein, alte „Bild“-Meldungen widerlegen nicht den Klimawandel
(via Thomas’ Newletter. Merci dafür!)
Ein kluger Mensch (höhö) hat schon vor fast einem Jahr geschrieben „woher nehmen dann die KIs von übermorgen noch ihr Wissen, wenn sich unseres nicht mehr weiter entwickelt?“ Das war natürlich gar nicht so superklug, sondern nur logisch (und vielleicht ein bisschen vom Hype unbeeinflusst) gedacht.
Forscher in Oxford und Cambridge haben allerdings jetzt beobachtet, dass der Effekt, dass Ki nur noch KI-Müll lernt, nicht schleichend, sondern abrupt eintritt. Sie nennen es Model Collapse und mehr dazu steht u.a. hier:
So the next generation of AI is beeing trained on the output of the current generation. Each training cycle loses information, and not randomly. The rarest, most creative part vanishes first. The weird ideas and unexpected perspectives that made the internet feel alive*. Gone first
thewizeai
Chatgpt feels dumber
*) Und die, so wie ich es erlebe, auch immer überall gefordert werden. Alle wollen immer creative minds, die outside the box denken**
**) Also natürlich will die in Wirklichkeit niemand, aber alle denken, dass sie es wollen weil niemand weiß, wie klein seine Box ist.
Apropos: Wollen Sie den Ki-Overload in Ihrem WordPress abstellen? Hier steht, wie’s geht.
Beschließen wir die heutige Linksammlung mit einem Kommentar von Jan Sludlarek bei den Krautreportern, der auf eine weitere Seite von sog KI eingeht, die bisher in meiner Wahrnehmung weniger Platz gefunden hat. Wie wäre es denn, wenn all die Versprechungen darüber wie KI alles besser macht, genau so einfach doofe Reklame sind, wie das jährlich wiederholte Versprechen, dass diese neuen Pampers aber nun endgültig die bestmögliche Windel aller Zeiten ist? Und das man diesen Versprechungen deswegen auch genau so weit trauen sollte?
Künstliche Intelligenz wird in Zukunft so etwas wie Strom oder Wasser sein, alle werden einen Anschluss haben und mit einem Zähler den Verbrauch messen, so zumindest behauptete es Sam Altman, der Chef von OpenAI Anfang des Jahres. […]
Jan Skudlarek bei den Krautreportern:
Wer dagegen argumentiert, outet sich als Ewiggestriger, als Fortschrittsfeind und Technik-Depp. […]
Die Wahrheit ist simpler: Wir werden verarscht. Komplett verarscht. Die Vorstellung, dass KI von jetzt auf gleich die Weltherrschaft übernimmt, ist ein Marketing-Märchen. Oder, noch deutlicher: Es ist Propaganda. Die unreflektierte Integration Künstlicher Intelligenz in sämtliche Lebensbereiche ist weder notwendig noch sinnvoll.
Kommentar: Nein, KI muss nicht dein ganzes Leben bestimmen
(Als Mitglied darf ich Ihnen den Link schenken. Geil, oder?)
Schön, dass Sie hier sind.
(Artikelbild von Andreas Trepte – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5)
Danke fürs Teilhaben und Dabei-sein. Wenn Sie wollen:
Hier können Sie mir ’ne Mark in die virtuelle Kaffeekasse werfen,
Oder – wenn Ihnen Geld zu unpersönlich ist – hier ist meine Wishlist. Sie finden dort formschöne und Freude-spendende Geschenke für wenige oder auch sehr viele Euro.

Ich freue mich bei jedem Blogeintrag hier über den letzten Satz. Wirklich. Schön , dass ich hier sein darf! :-)
Habe in meiner Hängematte im Schatten am See liegend und Grillengezirpe, Vogelgezwitscher und eine kühle Brise genießend gerade schallend über die Vogelbaum-Episode gelacht… Soo wunderbar erzählt, Danke!
(… und bitte weiter so!)
Das klingt aber doch ganz hevorragend!
*knickst