25.6.2022 – die USA und der deutsche Mann

So, nun hat also das oberste Gericht in den USA das Recht auf straffreien Abbruch einer Schwangerschaft gekippt. Kann mir doch eigentlich egal sein, so als deutscher Mann. Kann mir egal sein, so als deutscher Mann?
Naja, in Polen ists ja auch so und in Frankreich ist diese rechte Frau auch nur knapp am Wahlsieg vorbei geschrappt und die Briten spinnen auch komplett, wenn man mal ehrlich ist und die AFD hat es auch geschafft, dass sich der Diskurs in Deutschland immer weiter nach rechts verschiebt und es brauchte schon eine Lusche wie Laschet, um in Deutschland ein fragiles Bündnis aus Rot-Grün-Gelb an die Regierung zu bringen und wer weiß, vielleicht kann es mir als Deutscher ja doch auch nicht egal sein. Scheint ja doch nicht so zu sein, dass unsere Gesellschaft automatisch immer liberaler und aufgeklärter wird.

Naja, aber als Mann, ich werd ja nun nicht schwanger und ich persönlich habe mich auch immer um Verhütung gekümmert, ich war immer ein guter. Da kann mir das doch egal sein?
Nun, das erste Gericht in irgendeinem Redneck- oder Bible-Belt-Staat hat ja schon angekündigt, man wolle sich in einem Aufwasch auch gleich mal die gleichgeschlechtlichen Ehe und überhaupt die Schwulen und Lesben ansehen und vielleicht geht ja überhaupt nicht nur um Frauen. Vielleicht kann es mir als Mann ja auch nicht egal sein, wenn ultra-konservative und/oder religiöse Kräfte ihren Backlash da weiter treiben?

Naja, aber ich bin ja nun ziemlich heterosexuell und schon lange verheiratet, da kann mir das doch nun wirklich egal sein. Da kann mir das doch egal sein? Guck ich mir so typische konservative Männerbünde an, die mit derartig veralteten Meinungen um die Ecke kommen, da geht es dann ja irgendwie ganz schnell nicht mehr nur um Schwule und Lesben sondern um alle, die irgendwie verdächtig sind, nicht hart genug zu sein. Künstler, Freigeister, Langhaarige, Faulenzer, Menschen mit Unkraut im Vorgarten.

Naja, lange Haare hab ich ja schon lange nicht mehr und mein kleines Fotoblog ist ja nun nicht wirklich was künstlerisches, mehr so ein Hobby und die Songs, herrje, ich muss die ja nicht veröffentlichen. Ich bin immerhin erstmal selbstständig, ein freier Unternehmer quasi, eine Stütze der Gesellschaft.
Kleinstunternehmer aber nur und Stütze der Gesellschaft, nun ja. Zu schwach für die große Wirtschaft, nicht hart genug für die Ellbogen in den Männerrunden und diese PTBS kostet mich ja nun auch immer viel Kraft und ups, vielleicht möchte ich ja gar nicht wegen einer Diagnose, die mir vor vielen Jahren ein patriarchalisches Arschloch mit seinen harte-Männer-Phantasien eingebrockt hat, meinen Beruf nicht mehr ausüben dürfen.

Vielleicht geht es mich ja doch etwas an?

Sie wussten natürlich schon seit drei Absätzen, wo ich hinwollte und treue Leserinnen wissen auch, dass ich mich schon im ersten Absatz nicht wirklich fragte, was es mich angeht.
Aber ich wollte den Weg einmal skizzieren, den Weg, bei dem ich nie verstehe, warum ihn sonst so wenige zu sehen bereit sind. Das Wesen solch einer Denke, die anderen verbieten will, die andere kontrollieren will, die in stark und schwach denkt und schwach ausmerzen will – das Wesen solch einer Denke ist es nicht, irgendwann aufzuhören. Solch eine Denke sucht sich immer die nächste Gruppe. Sind die Ausländer raus, kommen Schwule und Lesben dran. Dann die Frauen. (Reihenfolge beliebig) Dann die schwachen Männer. Dann die mittelschwachen Männer. Dann die starken, die Konkurrenz sein könnten.
In dieser Denke muss immer irgendwer unterdrückt werden und dass man bei (vermeintlich) Schwächeren anfängt ist nicht Zufall, sondern System, denn so wächst mit jedem „Sieg“ die eigene Macht.

Und im Ernst: jeder Leser (nein, nicht Leserin) weiß, wie es in Männerbünden – ob es nun die Schulhof-Bully-Clique oder die Führungsetage ist – zugeht. Wie man dort ständig in Unsicherheit lebt, wie man nie weiß, ob die eigene Stellung gerade sicher ist oder man im nächsten Moment das Messer in den Rücken bekommt, weil der vorherige BestBuddy sich beim Oberbully einschmeicheln will.
Weil es kein Miteinander ist, sondern ein zufälliger Bund von einzelnen, die ihre Machtphantasien leben wollen und dazu andere benutzen.

Ich verstehe Menschen einfach nicht, die nach einem starken Führer oder einer starken Führungs-Elite rufen – denn ihr Ruf kann doch nur auf dem Missverständnis beruhen, dass der Führer rein zufällig exakt zu 100% ihre Meinung vertritt. Gerade die Mauler, Meinungsbrüller und Selfcare-Egomanen, die würden doch als erste dritte weg sein.

Und – nur der Vollständigkeit halber: Genau deswegen geht es mich etwas an, was dort gestern in den USA passiert ist. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind und gleich behandelt gehören – und dazu gehört auch, dass niemand dem anderen ohne größte Not in seinen oder ihren Körper reinreden darf.
Deswegen geht es uns alle etwas an. Auch Sie, liebe weiße, männlioche Mitleser. Das Privileg als weißer deutscher hetererosexueller Mann ist es nur, zufällig in der letzten Gruppe zu sein, die von ultra-koservativen Kräften unterdrückt werden würde.

Eigentlich vollkommen logisch, aber es schien, als müsse es mal gesagt sein.

(Twitterbild: Pexels, EKATERINA BOLOVTSOVA)

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18 Kommentare

  1. Und so lassen wir uns unsere scheinbar freie Welt immer kleiner machen. Und irgendwann merken wir „…Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

  2. Habe jetzt eine zeitlang drüber nachgedacht und vllt habe ich einen Denkfehler: die argumentationslinir ist: es darf einem nicht egal sein, weil irgendwann geht dieser backlash dann doch so weit, dass es einen selber betrifft?
    Das finde ich sehr schwierig, weil es im umkehrschluss heisst, dass alles, was mich def. auch nicht ansatzweise betrifft, kann mir wurscht sein, oder?
    Es klingt (und ich gehe davon aus, dass es NICHT so gemeint ist) ein bisschen nach: „eigentlich ist es mir ja egal, aber wer weiss, vllt, wenn es so weitergeht, rüttelt es auch irgendwann bei MIR und (nur) deshalb stelle ich mich jetzt dagegen“

    1. Vorbemerkung: Dass ich das nicht so sehe, dass ist Dir, wie anderen regelmäßigen Leserinnen hoffentlich klar?

      Und sonst? Mehreres:
      Ich glaube, dass es wichtig ist zu verstehen, dass Abtreibungsgesetze eben nicht nur irgendwie ein Frauenproblem sind, sondern wir über das große Thema „patriarchale Macht-Strukturen“ sprechen. Und dass dieses Thema uns alle angeht, weil diese Denkweise niemand gut tut, Frauen nicht, Männern nicht, Kindern nicht, der Umwelt nicht, nichts und niemandem.
      Und dass nur so viele nichts ändern, weil ihnen oft genug genügend Brosamen hingeworfen werden, dass sie die Lüge, sie könnten auch Sieger sein glauben.
      Daher schrieb ich darüber, was patriarchalische Strukturen noch anrichten, wenn man sie wuchern lässt.

      Außerdem glaube ich, dass man Empathie nur – oder zumindest leichter – lernen kann, wenn man zuerst seine eigenen Gefühle kennt und die dann übertragen kann. Ich glaube, es wäre eine Menge erreicht, wenn Männer ihre Angst vor dem Bully mal als das verstehen würden, was sie ist und wie viel sie da mit „den Frauen“ verbindet.

    2. Ich finde unten kein Antwortfeld, deshalb antworte ich mal hier:
      1. Ja, eh klar
      2. Bei „nicht nur ein Frauenproblem“ stellen sich mir die Nackenhaare auf. (ja klar, Patriarchat, Umwelt, Klima, alles richtig, alles gut, alles wahr) Weil: erstens ist es primär und ganz akut ein Frauenproblem und Männern wird es sehr leicht gemacht, es sich da sehr leicht zu machen. Zweitens: wäre es irgendwie ansatzweise besser oder okayer, wenn es „nur ein Frauenproblem“ wäre? Ich glaube, mich macht es traurig, dass Leute so eine Brücke brauchen und anscheinend nur empathisch oder solidarisch sein können, wenn es irgendwas ist, was sie selber irgendwann mal auch treffen könnte.

      Anyway, ich bin einfach unglaublich wütend und habe Mühe, das ordentlich zu kanalisieren, sorry.

    3. Ja.

      Mir stellen sich da auch die Nackenhaare auf.
      Das, was ich hier, hier an dieser Stelle und an diesem Ort tun kann, ist: Männner vielleicht nachdenklicher machen, indem ich Worte niederschreibe.
      Woanders kann ich klug wählen, noch woanders diskutieren, protestieren, hier kann ich schreiben. Das tue ich.

      Ich kann meine Wut gerade dahin kanalisieren, dass ich Gelerntes anwende und Menschen da abhole, wo sie stehen (dass sie da nicht mehr stehen sollten im jahr 2022 – geschenkt)
      Dass Menschen diese Brücke brauchen ist auch traurig, ja, aber eben auch pädagogisches Fachwissen und wenn ich das weiß, dann nutze ich es. Wenn man Kindern so Empathie beibringen kann, dann auch großen Kindern.

      Verwechsle bitte nur in Deiner Wut nicht meine Meinung mit dem was ich für andere schreibe.

    4. Alles gut! (sorry für die verrupfte Reihenfolge!)
      Ich weiss genau, dass es in deinem Kopf nicht so aussieht 🙂

  3. alles gut, ich stehe voll dazu seit jahrzehnten. und besonders perfide finde ich dass eine schwangerschaft mit einem kranken fötus abgebrochen werden darf. behinderte haben bei diesen menschen kein lebensrecht. mich machen diese entwicklungen in deutschland(auch z.b. Bayern außerhalb der städte…) und anderswo sehr unruhig. und viele junge menschen kapitulieren angesichts der vielfalt der probleme… weggefaehrtin.blogspot.com

  4. „jeder Leser (nein, nicht Leserin) weiß, wie es in Männerbünden – ob es nun die Schulhof-Bully-Clique oder die Führungsetage ist – zugeht. Wie man dort ständig in Unsicherheit lebt, wie man nie weiß, ob die eigene Stellung gerade sicher ist oder man im nächsten Moment das Messer in den Rücken bekommt, weil der vorherige BestBuddy sich beim Oberbully einschmeicheln will.“

    Schreib halt nicht darüber wenn du keine Ahnung hast wie es da zugeht. Ja es gibt solche Situationen aber Überraschung in über 95% ist es nicht so.

    Auch Wissen Männer sehr wohl über Schwangerschaftsabbrüche und Fehlgeburten bescheid. Das sind keine seltenen Ereignisse sondern finden in jedermanns Umfeld statt oder häufig auch in der eigenen Familie.

    Die ganze Thematik ist auch nicht ein reines Männerproblem wie hier im Text und in den Kommentaren suggeriert. Eine der 6 Richter die für das Abtreibungsverbot gestimmt hat war eine Frau. In Deutschland mit am lautestes gehen die Abschaffung von 219a war Frau Winkelmeier-Becker (CDU). Und wie von dir schon erwähnt ist die Anführerin der Rechten in Frankreich eine Frau.

    Deutsche Männer für alle Probleme auf der Welt verantwortlich zu machen ist natürlich sehr billig.
    Der Bereich in dem deutsche Männer wirklich Einfluss haben (Ihre Familien, Bekanntenkreis, Arbeit, Kita, Schulen, Deutschland), hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich zum Besseren gewandelt.

    1. Nein, Verzeihung bitte, es muss natürlich heißen: Kommentier’ halt nicht dadrunter, wenn Du nicht verstanden hast, was ich sage.
      (Hint: Der Begriff „verantwortlich machen“ kommt bei mir nicht ein einziges Mal ex- oder implizit vor; den hat Dein Kopf erzeugt)

  5. „Guck ich mir so typische konservative Männerbünde an, die mit derartig veralteten Meinungen um die Ecke kommen, da geht es dann ja irgendwie ganz schnell nicht mehr nur um Schwule und Lesben sondern um alle, die irgendwie verdächtig sind, nicht hart genug zu sein. Künstler, Freigeister, Langhaarige, Faulenzer, Menschen mit Unkraut im Vorgarten“….

    Da wird niemand verantwortlich gemacht?
    Und kategorisiert, verdächtigt, verächtlich gemacht?

    Hätte ich irgendwie schon rausgelesen, in meinem Kopf.

    1. Lass es mich so sagen: Ich beschäftige mich mit dem Thema nicht erst seit gestern und Du bist der erste, der widerspricht. Nein, lass mich korrigieren: Widerspruch kommt normalerweise nur von Nutznießern solcher Systeme.
      Und wenn ich mal auf die von mir beschriebenen, von Dir zitierten Systeme gucke – katholische Kirche, konservative Politik, inhabergeführte Unternehmen, das Großmaul in der Kneipe mit seiner Speichellecker-Clique um sich, dann stehe ich zu meiner Beschreibung.

      Zweitens: Bitte vergiss nicht den Unterschied zwischen dem Beschreiben eines Systems / eines systemischen Problems und einzelnen Erfahrungen.

      Drittens beschreibe ich, wie und wann auch Männer von einem solchen Backlash-getriebenen System gefressen werden werden und schreibe niemand Verantwortung zu.

      Last, not least, wenn Du schon gern über Verantwortung reden möchtest: Die Verantwortung, ob wir da mitmachen, die hat jeder Mann ganz alleine. Es ist immer unsere eigene Entscheidung, ob wir patriarchale und/oder diskrimierende Systeme stützen oder nicht. Ob wir den Mund aufmachen, wenn Frauen (oder irgendjemand anders) diskriminiert werden oder nicht – auch gegen andere Männer, auch gegen unsere Buddies oder Chefs, auch gegen den Typen am Nebentisch. Ob es im Großen ist, wenn die USA ein ureigenstes Recht der Frauen stürzt oder wenn unser Abteilungsleiter die Bedienung absaut.
      Oder ob wir schweigen, weil es ja irgendwie bequemer ist.
      Aber die Verantwortung, die schreibe ich nicht zu, die hat einfach jeder.

  6. Danke für diesen – eigentlich unmissverständlichen – Text.

    Schau ich mich so um in der Welt und daheim beginnt das Fürchten. Immer öfter scheint es nur noch um die Haaresbreite zu gehen, die uns vom Abgrund trennt. Genau deshalb geht uns alle, egal welchen Geschlechts, welcher Minder- oder Besonderheit wir sind, auch a l l e s etwas an, denn Schutz bietet nur eine lebendige, starke Demokratie. Und die ist keine Selbstverständlichkeit, sie muss immer wieder verteidigt werden.

    1. Ich glaube, vor allem der letzte Satz ist wichtig. Ich habe lange geglaubt, der Weg zu einer liberalen, toleranten, gleichberechtigten, friedlichen Gesellschaft wäre so etwas wie eine logische Evolution …
      Tja, die Welt zeigt uns, dass es wohl anders ist und wir unsere Errungenschaften immer aufmerksam verteidigen müssen. Vor alteingesessenen Instutionen mit Macht, Geld und langem Atem genauso wie vor rechten Neuhochkömmlingen und egomanen Präsidenten.
      Das hat mich etwas gekostet, es zu verstehen und zu verinnerlichen und trotzdem nicht die Hoffnung zu verlieren, aber nun, es geht ja nicht anders.

    2. danke, ja, mutig müssen wir alle sein, und kreativ, und uns nicht gegenseitig runterziehen. demokratie muss gelebt werden, und es gibt auch erfolge.

Kommentare sind geschlossen.

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