25-27.11.2020 – die Woche

Ach guck, schon rum die Woche.

Mit einer Freundin telefoniert. Einer von denen, deren kluge Stimme ich schon lange aus ihrem Blog und hin- und hergeschickten DMs kannte. Deren Stimme ich aber bis jetzt nur aus seltenen Sprachnachrichten kannte und – Zauber des Online – deren Stimme dann eins zu eins genauso klug und froh und warm war, wie ich es eigentlich gewusst hatte. Trotzdem vorher nervös gewesen wie vor einem ersten Date.

Nochmal Zauber des Online: Heute hat die Frau Geburtstag, die es geschafft hat, mich auf ein Tokyo Hotel-Konzert zu schleppen (das war in einem vollkommen anderen online-Leben; wenn Sie sich daran erinnern, sind Sie alt).
Die es geschafft hat, zweimal groß zu werden in diesem Social-Media-Dings. Die ich seit Jahren nicht gesehen habe und deren Leben so vollkommen anders ist als meins, aber zu der ich irgendwie immer noch einen tiefen Draht spüre. Happy Birthday, Liebste.

Am Schreibtisch – Sie erinnern sich: da wo ich noch vor gar nicht sooo langer Zeit nicht wusste, was ich tun sollte – am Schreibtisch also etwas Struktur in das Chaos gebracht, was sich da innerhalb von wenigen Tagen aufgetürmt hatte. Und begonnen, es abzuarbeiten.

Am amüsantesten dabei der Kunde einer Kundin. Kundin und ich hatten für den Kunden etwas konzipiert, was man vielleicht mit einem zwei- oder drei-Jahresplan vergleichen könnte. Große Ideen, unter anderem zB die Anbindung an eine Software im Betrieb die noch nicht einmal installiert, geschweige denn eingerichtet oder geschult wurde. Oder Grafiken als Export aus einer anderen Software, die zwar installiert aber noch nicht geschult und noch nicht genutzt wird. Und dann telefonierst Du mit der Kundin und sie sagt: „Kunde rechnet schon damit, dass vor Weihnachten da schon etwas zu sehen ist“.
Es war mir etwas unangenehm aber ich hab laut gelacht.
Und dann mal eine ca. Din A3-große Tabelle mit offenen Fragen und ToDos geschrieben. Es ist vor Weihnachten und die Tabelle ist groß und wohlstrukturiert und hübsch gefärbt und damit ist doch eindeutig „etwas zu sehen“; ich denke, ich habe meine Schuldigkeit getan?

Erinnern Sie sich daran, wie ich im Sommer im drei-Tagestakt mit der Versicherung telefonierte, weil die Versicherungspolicen immer auf einen falschen Namen und eine falsche Anschrift ausgestellt waren? Irgendwann, nach vier falschen Policen hatte es ja dann geklappt.
Gestern Post von der Versicherung. Von der Datenschutzabteilung. An den falschen Namen. Inhalt, sinngemäß: Meine Daten seien Ihnen wichtig und wir könnten die zusammen noch besser schützen wenn blabla … da hab ich dann vor Lachen nicht mehr weiter lesen können.
Ich frage mich ja immer, ob so Unternehmen keine Computer haben oder deren Computer nicht miteinander sprechen können. Vielleicht Commodore C64 in der Policen-Abteilung und Sinclair ZX81 im Datenschutz?

Achtung, jetzt kippt das friedliche Tagebuchbloggen irgendwie in einen kleinen Rant. (Nachtrag, einen Tag später: Bitte betrachten Sie diesen Nachtrag als weichtigen Teil des Rants. Danke)

Ich habe endlich Rutger Bregmanns „Im Grunde gut“ wieder in die Hand genommen und bin bei der Stelle über das Milgram-Experiment angekommen. So wie er auch vorher das Stanford-Prison-Experiment und den Ablauf der Lord-of-the-flies-Geschichte ziemlich auseinandernimmt, bleibt auch hier von dem, was wir über das Experiment wissen, nur wenig stehen.
Was bleibt (ich fasse das jetzt arg zusammen): Ja, Menschen waren bereit, zu weit zu gehen, egal ob bei Milgram oder bei Stanford. Schaut man genauer hin, sagt Bregmann, waren sie es aber nicht, weil sie grausam waren – sondern trotzdem sie friedlich waren. Gegen ihr Gefühl.
Erst der Gedanke, dass es für ein greater good geschehe, ließ die Probanden die eigenen Grenzen überschreiten.

Und natürlich sind wir bei solchen Themen auch nah am Holocaust und der Nazizeit überhaupt:

Der Holocaust wurde daher nicht von Menschen angerichtet, die sich plötzlich in Roboter verwandelt hatten, genauso wenig wie die Teilnehmer an Milgrams Experiment gedankenlos den Knopf gedrückt hatten. Die Täter waren davon überzeugt, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte standen. Auschwitz war der Endpunkt eines langen historischen Prozesses, in dem sich das Böse immer besser [und besser] als das Gute tarnte. Viele Jahre hatten Schriftsteller und Dichter, Philospohen und Politiker die Psyche des deutschen Volkes abgestumpft und vergiftet. Der Homo Puppy wurde belogen und indoktriniert, einer Gehirnwäsche unterzogen und manipuliert. Est dann geschah das Undenkbare.

(Rutger Bregman: „Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit“, S.199 )

Und ich schaue auf die Querdenker, die bedenkelos bei den Nazis mitlaufen, schaue auf Jana aus Kassel, die gerade zur personifizierten dummen Querdenkerin destilliert wird und ich kann Hasnain Kazims vielgelikte Meinung so gar nicht teilen, dass „zivilisiertes Miteinander“ so funktioniert, dass man sie halt „auslacht und verspottet“, „ächtet und ausgrenzt“.

Klar, es ist natürlich bequemer, wenn ich es so tue. Ich muss mich dann selbst nicht reflektieren, ich kann mich darin sicher fühlen, dass ich ja – wissenschaftlich belegt – recht habe und kann dann spotten. Spott ist immer die leichteste aller Reaktionen.

Unbequemer ist es hinzuschauen, wo denn meine Angst vor dem Virus und die Angst all der Janas vielleicht näher beieinander sind, als ich das zugeben mag. Zu denken: Ob wir halt nur an einer winzigen Stelle anders abgebogen sind in unserer Verunsicherung und uns ab dem Moment beide in unserer Peergroup wieder sicherer fühlen: Wir in der aufgeklärten, die in der mit der „echten Wahrheit“.
Ob vielleicht beide Seiten fest davon überzeugt sind, gerade für das Gute zu kämpfen?
Und ob wir uns vielleicht inzwischen hilflos gegenüber stehen und den anderen auslachen – und so langsam aber sicher halt sauer werden über die jeweils andere Seite? Und wer würde nicht sauer, wenn sie permanent ausgelacht und nicht ernst genommen wird?

Ja, das ist unbequem.
Natürlich haben wir Recht, auf die Wissenschaft zu vertrauen; es ist immer besser auf die Wissenschaft zu vertrauen. Aber wir haben nicht Recht damit, andere Menschen auszulachen. Nie. War ja übrigens auch mal Konsens auf Twitter, aber die besten Regeln sind ja immer noch die über die man selbst die Deutungshoheit hat, nicht wahr?

Was ist denn, wenn all die Janas in ihren unendlichen Angst – die mir übrigens gut vertraut ist – auch nur gehirngewaschen sind? Wenn sie von wenigen, wirklich bösartigen Menschen manipuliert werden, die daran Geld und Macht verdienen wollen und gehirngewaschenes Fußvolk brauchen, das für sie die Juden die Demokratie tötet? Die AFD zB hat ja mal ausgesprochen, dass es ihr am besten geht, wenn es dem Land schlcht geht. Ist es dann schlau, die Janas auszulachen und zu ächten und auszugrenzen? Und den Graben noch größer zu machen?

Ich habe es in anderen Zusammenhängen schon einmal gefragt, aber ich frage es immer wieder: Sind Sie wirklich der Meinung, dass man die Meinung eines anderen Menschen ändern kann, in dem man ihn anschreit und verlacht?
Schon seltsam: So lange es die anderen sind, die schreien und verlachen, fällt uns allen die Antwort so leicht.

Wie gesagt: Hier ist ein Nachtrag, der dazu gehört.

Anmerkung, falls Sie jetzt gerade lospoltern wollen: Es geht hier nicht darum, wer „Recht hat“. Es geht darum, wie wir uns als Menschen mit unseren Mitmenschen verhalten wollen, wie wir die berühmte unantastbare Würde des Menschen leben wollen.

Sie finden Tagebuchbloggen der alten Schule gut?
Hier können Sie mir ’ne Mark in die virtuelle Kaffeekasse werfen!
Oder – wenn Ihnen Geld zu unpersönlich ist – hier meine Wishlist finden; Sie finden dort formschöne und Freude-spendende Geschenke zwischen acht und sechstausend Euro.

4 Kommentare

Kommentare sind geschlossen.

Die Website benötigt Cookies. Ich nutze Matomo, um zu sehen, welche Artikel Sie interessieren. Matomo ist lokal installiert, es werden keine Daten mit externen Diensten ausgetauscht oder Cookies gesetzt. Auf Anforderung können Sie zB Videos ansehen, die dann weitere Cookies setzen.