24.8.2025 – ach, halt Dein Maul.

Erstmal danke an Sie alle, aber mal echt.


Vorhin sah ich auf Insta einen von diese bärtigen SelfCare-Jüngern, Sie wissen schon: sanfte Stimme, hygger Hintergrund und sie erklären einem, wie man sich besser fühlen kann. Wie alle hielt er sich das Mikro direkt in die Drecksfresse weil das jetzt alle tun. Es ist ein Trend, so hat man mir erklärt – auch wenn es scheiße klingt, weil die Mikros dafür gar nicht gemacht sind; es klingt zwar irgendwie auch direkter, intensiver, als säße man nicht mit der Person im Raum, sondern so als sprächen sie einem ins Ohr, Aber das ist natürlich nur einer von tausend widerlichen kleinen Tricks, mit denen sie versuchen, uns so nah wie möglich zu kommen. Und weil die Alters-Zielgruppe ja eh nie was anderes gehört hat als kaputt-komprimierte MP3-Musik mit auto-tuned Stimmen, merkt auch niemand, dass die Stimme übersteuert – aber egal, ich gleite eh ab mit meinem Hass auf diesen Typen, dabei ist es doch gut fundierter inhaltlicher Hass und keiner über schlechtes Audio.

Also (ich hatte kurz überlegt, ob ich „genau“ schreiben sollte, fürchtete aber, dass die Ironie darin nicht rüber käme, weil schon zu viele, selbst von den klügeren viele ständig „genau“ sagen, weil sie sonst selbst nicht wissen, dass sie fertig sind mit Denken, von daher also:
Also: Sie kennen das von diesen Bastarden. Sie erklären uns schon seit Jahren, dass wir niemanden brauchen außer uns selbst (und dass wir am besten schnell ihr Buch kaufen, in dem sie uns das nochmal ausführlich darlegen), damit wir uns dann einsam fühlen und sie uns besser vom Konsum überzeugen können.
Ich vermute, dass es aber immer noch zu viele Menschen da draußen gab, die so etwas wie soziales Miteinander, Sympathie, Zuneigung oder Liebe empfanden, deswegen erklärte er jetzt den Gedanken-Kniff, mit dem man diese lästigen Gefühle überwinden kann – wie so oft muss man sie nur re-framen und er fragte, ob wir die folgende Situation nicht kennen: Jemand ist bei oder mit uns und wir haben der Person doch schon schon tausende Mal gesagt, dass ihr Verhalten toxisch ist, haben ihr doch schon Millionen Gelegenheiten gegeben, jetzt doch mal bitte Einsicht zu zeigen und endlich zu wachsen aber sie verweigert sich einfach.
Tja – dann, dann darf man aber wirklich gehen, nach so vielen Gelegenheiten, die man ihr in selbstlosem Großmut gegeben hat.
Ich übersetze das mal fix: Ich muss jemand nur noch immer wieder sagen, dass er halt Scheiße ist und wenn er Dank meines freundlichen Impulses nicht schnell aufbricht, sich einen Insta-Guru zu suchen und zu wachsen, dann ist das seine eigene alleinige Schuld.
Und am besten: Wenn wir diesem Prozess lang genug passiv zugesehen haben, dürfen wir gehen und sind trotzdem die guten.
Keine Interaktion nötig, unsere Passivität wird umgedeutet in nahezu Buddha-esken Großmut und Geduld.

Dass in jeder Beziehung immer zwei beteiligt sind, dass Verantwortung zu übernehmen nicht heißt, Schuld zu tragen (Entschuldigung, ich musste den Link zu Maike einwerfen, er ist zu gut und passte so großartig), dass wir Menschen soziale Wesen sind und dass es einfach der wahre asoziale Dreck ist, sich in seiner eigenen gefühlten Richtigkeit auszuruhen und dabei andere von sich abgleiten zu lassen – keine Rede von all dem.

Ein wirklich bemerkenswert geschickt konstruierter und auf den ersten egozentrischen Blick so naheliegend richtig klingender Move. Ganz, als würde es jemandem nützen, wenn wir alle sozial vereinsamen; wenn wir auf den wohldosierten Influenzer-Zuspruch angewiesen wären, dass wir trotzdem Einsamkeit richtig sind und es alternativlos ist, Freude zu verlieren. Wenn wir stattdessen bunte Filmchen konsumieren, in denen wir langsam weiter in den einsamen Hass getrieben werden, in denen wir aber die Lösung immer gleich nur einen Klick weiter käuflich erwerben können.
Ganz, als würde es jemandem nützen.

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