24.8.2021 – le monde, c’est nous

Gegen sieben mit immer noch Migräne aufgewacht, zum Handy getastet und den Termin für heute Morgen abgesagt, dann wieder in tiefen Schlaf gefallen.
Gegen zehn wieder aufgewacht – immer noch Blickfeldstörungen und Schwindel und Übelkeit, aber die Schmerzen waren weg. Na immerhin.

Mittags ins Feld gefahren, ein bisschen Luft schnappen und dabei ein paar Fotos machen. Dem überreizten Nervensystem tats gut.

Dabei in einen Weg abgebogen, der mich auf einen Golfplatz führte. Erstaunlich, wie dort die Natur geformt und gestutzt ist, um dem Menschen bei einem Hobby zu Diensten zu sein. Und ich unterstelle mal, dass die meisten golfspielenden Menschen schon finden, dass sie bei ihrem Sport in der Natur unterwegs sind?
So wie Bauern vermutlich finden, sie würden mit der Natur arbeiten?
Sorry, ich bin etwas verbittert.

Aber .com – wenn wir schon dabei sind …

Sie haben es vielleicht mitbekommen, dass ich seit längerer Zeit eigentlich nur noch Cosmo höre, wenn ich mal Radio höre. Und seitdem auch wieder mehr Radio. Letztens war mal irgendwo WDR2 eingestellt und ich merkte, wie sich meine Wahrnehmung verändert hat. Nein, ich spreche nicht nur von der Musik, ich spreche hauptsächlich von dem, wovon die Menschen da im Radio sprechen. Während in der Samstagvormittags-Sendung einen wichtigen Platz der Fußball im Revier und die Vorfreude auf die nachmittägliche Grill-Session mit den nötigen Tips für die saftigsten SpareRib-Rezepte einnehmen, höre ich auf Cosmo – nun ja: Eben was in der Welt los ist. Musikalisch, politisch, gesellschaftlich. Und selbst die Musiker:innen die dort gespielt werden – übrigens mit einer Quote von 50% Musikerinnen – haben meist etwas zu sagen, was über „ein Hoch auf uns“ hinaus geht.
Alles was passiert, wird in einem größeren Kontext gesehen.

(Den folgenden Gedanken fehlt sicher jeder rote Faden, ich suche da noch nach Fixpunkten – wobei vielleicht auch Teil des Problems ist, dass es in der Öffentlichkeit kaum solche globalen Fixpunkte gibt.)

Und nachdem ich das eine Zeit lang erlebt habe, will ich nicht mehr ohne.
Nein, ich verstehe so langsam nicht mehr und vielleicht macht es mich sogar ein bisschen wütend, wie es anders gehen kann. Wie alle (im Folgenden: „Wir / alle“ = „die westliche Welt“) darauf beharren, dass die Welt bitte nur so groß sei, wie sie selbst gucken können. Mit Folgen nach allen Seiten:
Ob es ist, dass wir DIE globale Katastrophe unserer Zeit ausblenden …

Bei der Berichterstattung zur Klimapolitik entsteht oft der Eindruck, die Klimakrise sei ein weiteres Thema auf der Weltbühne – neben etwa Kriegen und Wirtschaftskrisen. Gleichzeitig konkurriert sie aber auch mit Sport- und Kulturthemen um Aufmerksamkeit – und unterliegt dabei oft. Tatsächlich aber bedroht die Erderhitzung die Weltbühne an sich, das Fundament unseres Lebens. Und dies ist keine abstrakte, ferne Gefahr – um sie abzuwenden, müssen innerhalb der nächsten zehn Jahre massive Transformationen umgesetzt werden.
Was das bedeutet, scheint lange nicht allen wirklich bewusst zu sein. Und das führt oft zu Missverständnissen im Dialog über die Klimakrise und erklärt teilweise die unzureichende mediale Priorisierung.

Sara Schurmann & Lea Dohm auf uebermedien.de:
Die Klimakrise ist nicht ein weiteres Problem auf der Bühne. Sie bedroht die ganze Bühne.

… oder immer noch glauben, dass wir der ganzen Welt den Frieden – unseren kapitalistischen, marktwirtschaftlichen Frieden natürlich – bringen können. Auch wenn wir meist keine Ahnung haben, wo wir ihn gerade hinbringen.

Die Frage ist auch, ob und inwieweit Frauen Freiheit nach westlichem Verständnis überhaupt wollen. Wir dürfen nicht unser Verständnis von Gleichberechtigung und Teilhabe auf Afghanistan projizieren. Oft gehen wir davon aus, dass das, was wir gut finden, auch Menschen in anderen Ländern gut finden müssen. Das ist ein Teil des Problems.

Anna-Sophie Barbutev interviewt Almut Wieland-Karimi auf krautreporter.de:
Wir meinen zu wissen, was für die Frauen in Afghanistan gut ist

… um nur mal zwei der aktuellsten Themen heraus zu picken.

Ich habe mal ein Interview mit Raissa Gorbatschowa, der Frau von Mikhail Gorbachev gelesen, in dem sie sinngemäß sagte, dass der Westen damals leider nicht gesehen habe, welche Chancen gerade vor der Welt ausgebreitet lagen – sondern nur den „Sieg“ des Kapitalismus hätte sehen können – der sich seitdem ungebremst, weil auf den ersten Blick alternativlos, ausbreitet.
Schade, Glasnost und Perestroika („Offenheit/Transparenz“ & „Umgestaltung“) hätten vielleicht auch anderen gut getan. Also nicht nur als Worthülsen in der Unternehmsbroschüre.

Was anderes: Haben Sie mal über die Karten nachgedacht, die bei den Nachrichten im Hintergrund hängen und uns zeigen, worum es geht? Das ZDF hat noch ein paar Schatten eingearbeitet und hebt damit im Wortsinne hervor, welche Gebiete wichtig sind und welche nicht.
Aber auch die der ARD ist zwar etwas weniger exklusiv, zeigt uns aber Dank der Mercator-Projektion ein vollkommen falsches Bild unserer eigenen Größe im Vergleich zu dem was in den Köpfen noch immer „dritte Welt“ oder „Entwicklungsländer“ heißt. Spoiler: Europa ist viel, viel kleiner.
Aber Größe wird im Kopf eben immer mit Bedeutung verknüpft. Ein Schelm, wer …

Mehr zu den verschiedenen Kartentypen btw hier.

Nein, es gibt keinen roten Faden, es gibt eher Fragmente, die sich zu einem Bild zusammenfügen. Spät vielleicht, so auf meine Lebenszeit gesehen, aber immerhin.
Obwohl ich gedacht hätte, dass ich eher gut darin bin, Strukturen zu erkennen und Gesamtbilder als solche zu erkennen, war ich auch halt immer abhängig von den Informationen, die ich bekam.
So wie mir zB #meetoo beim Thema Toxische Männlichkeit und Alice Hasters beim Thema Rassismus die Horizonte erweitert haben, so macht ein kleiner Radiosender das jetzt wohl beim Thema Eurozentrismus. Und ich überlege, dass wir „westliche Welt-ler“ vielleicht die Boomer der Welt sind: Rücksichtslos dabei, andere zu ignorieren – weil wir aus dem tiefsten Gefühl, dass wir da irgendein Recht drauf haben, an unserem Luxus festhalten und unsere Lebensweise als die einzige ansehen.

Greta Thunberg ist mal gefragt worden, was sich denn ändern müsse und sie hat ratlos im Kreis geguckt, geseufzt und gesagt „Na, alles“. Immer öfter in der letzten Zeit fühle ich das. Sie wissen schon: Internalisiertes Fühlen, statt rationalem Wissen.

Sie mögen das, wenn ich auch mal aus dem täglichen Alltags-Einerlei ausbreche und über Gott und die Welt nachdenke? Hier steht eine virtuelle Kaffeekasse!
Oder – wenn Ihnen Geld zu unpersönlich ist – hier ist meine Wishlist.

7 Kommentare

  1. Die meisten Golfplatzarchitekten und – betreiber tun mehr für den Naturschutz als die meisten Bauern, wie übrigens auch die meisten Jäger. Aber das auszuführen wäre hier nicht Zeit und Raum genug (*verkneift sich heldinnenhaft einen Spruch zu Vorurteilen und gefühltem Wissen*).
    Ganz generell hast Du aber recht mit „na, alles!“. Ich fürchte nur, wir sind inzwischen hälftig am point of no return vorübergesegelt und finden „nun ist’s auch egal“, während die andere Hälfte denkt „jetzt hat’s eh keinen Zweck mehr“.

    1. Ich glaube gern, dass sie viel für den Naturschutz tun. Davon unberührt bleibt, dass wir die Natur da ganz schön zurecht stutzen, damit der Ball schön gerade weiter läuft.
      Insgesamt: Hätten wir die Natur geschützt, müssten wie die Natur nicht schützen.
      Hätte, hätte …

  2. Hier auch: Ganz große Cosmo- Liebe!

    WDR2-Inhalte gehen mir meistens auch auf den Keks …
    WDR5 lohnt auch oft, die machen interessante Features.

    Also finde ich.

    „Schmunzelpatriarch“ als Titel für Laschet fand ich neulich sehr treffend.

    Ich spüre große Lust, nachts Schriftstreifen mit diesem Titel
    über seine gönnerhaften Lächelplakate zu kleben, hehe, um mehr Menschen klar zu machen, dass diese ganzen“Wachstum!-Wachstum!- Wachstum!-Dogmen“ kein zukunfsträchtiges Konzept sind, das uns tragen kann.

    Diese Generation stirbt hoffentlich bald aus!

    Ich bin einfach eher links orientiert … und hoffe auf die Frauen, die so viel Power haben, Anna-Lena-Bärbock wählen.

    Denn „Intelligence is the ability to adapt to change!“

    Ich glaube an die Menschheit, gute Ideen haben Chancen auf Durchsetzung und es gibt tolle Projekte von und mit Menschen, die den Mut und den Willen haben, sie durchzusetzen.

    Spannend, das mit anzusehen!

    Die Natur braucht uns gar nicht, die macht das seit Millionen von Jahren auch ohne uns sehr gut!

    Und das Konzept „Leben!“ wird sich auch ohne uns durchsetzen, immer.

    Das ist auch so’ne Form, uns selbst als so wichtig zu nehmen, dass wir denken, „Die“ Welt geht unter, nur weil „Unsere“ zusammenbricht!

    Öhm. Warcdas jetzt das „Wort zum Sonntag“?

    Grins.

  3. Ich denke man darf aber auch die Erfolge der letzten Jahrzehnte nicht außer acht lassen. Bei Armut und Ernährung wurden große Fortschritte gemacht. Hans Rosling und auch Bill Gates haben faktenbasierte Video dazu gemacht. Vermutlich bringen gute Nachrichten halt keine Klicks.

    1. …dem stimme ich zu! Trotz allem was noch sehr im Argen liegt , auch Bildung und medizinische Hilfe sind mehr Menschen zugänglich geworden, die Säuglingsstefblichkeit wesentlich geringer geworden! Geschlechtergerechtigkeit ist fortgeschritten oder wird zumindest mehr diskutiert.
      Also nicht nur immer die verbesserungsbedürftigen oder negativen Dinge senen und benennen. Mut und Kraft weiter an guten Fortschritten zu arbeiten geht besser mit gesundem Optimismus!

  4. Ihr habt sicher Recht, dass sich viele Dinge sehr gebessert haben und auch ich habe meinen Rosling ja gelesen.
    Allerdings emfinde ich auch Rosling als eurozentristisch, der die Welt darein einteilt, ob es jeweils Länder auf einen industrialisierten Standard „geschafft“ haben oder nicht.
    Und zum anderen sehe ich im Moment niemanden, der auch nur in Erwägung zieht, auf den letzten https://www.tagesschau.de/investigativ/wdr/ipcc-weltklimabericht-101.html Weltklimabericht zu reagieren und diese verflixt knappen drei jahre als Zeithorizont anerkennt.
    Die Klimakatstrophe läuft halt irgendwie bei den meisten nebenher – aber es ist einfach vollkommen egal, ob wir schon viel über Dinge reden oder schon viel erreicht haben.

Kommentare sind geschlossen.

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