24.11.2018 – alte Schule, neue Schule

Gestern einen Tag frei gemacht; es schien nötig. Dafür lange telefoniert, auch das schien nötig. Unter anderem über Karrieredenken in klassischen Unternehmen gesprochen – und was geschieht, wenn es auf Menschen trifft, denen bei der Work-Life-Balance der Life-Teil wichtiger ist als die Insignien des Erfolgs.
Denn es soll sie ja geben, die Menschen, die einfach nur gut ihre Arbeit machen möchten, ohne dafür als ersten Lebensinhalt das Unternehmen zu sehen, bei dem sie angestellt sind. Es soll auch die geben, die einfch nur genug Geld verdienen möchten, um sicher zu leben und nicht so viel Geld, um reich zu werden. Denen der erste Parkplatz, das eigene Eckbüro, die bessere Etage, der größere Schreibtisch und der bessere Firmenwagen nichts bedeuten.

Gerade die Internetpeople mit Hauptwohnsitz im St. Oberholz und nur per LTE und Slack im Unternehmen projektweise angebunden nicken. Aber es gibt sie halt noch, die Unternehmen, die so denken und handeln – und auch mehr als wir glauben, wenn im Oberholz schon wieder kein Platz mehr frei ist.
Was aber passiert, wenn man aufeinander stößt?

Wenn Sie nicht glauben, dass diese alten Insignien der Macht des Kapitalismus noch für überhaupt irgendwen wichtig sind, weil alle in Ihrer Filterblase das vollkommen albern finden, dann empfehle ich die Lektüre dieses Artikels aus der Zeit (manchmal hinter der Paywall manchmal nicht):

Ehret sitzt am Schreibtisch. Zur Begrüßung gesteht er einen Fehler: Er hätte seinen Besuch eine halbe Stunde lang warten lassen müssen. Das Wartenlassen gehört zu den letzten Machtgesten, die ihm und seinen Büronachbarn geblieben sind, und er weiß das auch.

zeit.de: Sie nennen es Sterbehaus

Exkurs: Und wenn wir das gelesen haben, dann verstehen wir vielleicht auch einen Menschen wie H. Seehofer besser. Dem ist Deutschland, dem ist Bayern, dem ist überhaupt alles scheißegal. Der will nur nicht ins Sterbehaus. Das müssen wir wissen, wenn wir über oder mit ihm reden.

Wir dachten weiter über solche Statussymbole nach und kamen zu dem Schluss: Sie sind ein reines Konstrukt.
Nichts davon hat wirklich Wert; die Dinge, die Gesten, die Rituale – sie bekommen erst Wert, weil die Menschen ihnen den Wert zusprechen. Und gleichzeitig es sind die Menschen, die ihnen den Wert zusprechen, die sie brauchen, denn würden sie es nicht tun, dann hätten sie keine Macht mehr.
Ein vollkommen sinnloses, sich selbst erhaltendes System.

Und mir fielen gleich mehrere Situationen ein, in denen ich erlebte, wie hilflos Machtmenschen alter Schule reagieren, wenn man ihre Welt nicht anerkennt oder sich nicht an die Spielregeln hält, wenn man nicht „kuscht“:

  • Der Manager in der Doku, dessen Sohn (Zitat) „etwas problematischer“ war und der nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wie er ihm beim Wochenendseminar im Pädagogikhaus entgegentreten sollte. Weil er nie gelernt hatte zu reden, nie geelrnt, mit seinem Sohn zu reden, sondern nur fand, „man würde dem Zehnjährigen jetzt dort erklären, wie es richtig sei und dann solle der das halt tun“. Die Pädagogin brauchte viel Geduld mit ihm.
  • Die Kundin, die mich am Telefon zusammenfalten wollte, weil ich krankheitsbedingt einen Termin abgesagt hatte. Und die am Ende ihres Wutausbruchs („mit so jemandem wie Ihnen arbeiten wir normalerweise nicht zusammen“) sehr erstaunt war als ich sagte: „Das passt ja bestens, so lasse ich nicht mit mir reden; ich arbeite auch nicht mit jemandem wie Ihnen zusammen“. Sie hatte fest erwartet, ich würde jetzt angekrochen kommen.
  • Mein alter Schulrektor der mit in schulhofbeschallender Lautstärke erklärte was für ein unverschämter Idiot ich sei, dass ich ihn auf dem Flur nicht angemessen grüße und dann wortlos da stand als ich ihn erinnerte, dass ich vorher morgens bereits eine Stunde bei ihm gehabt hatte.

Und auch wenn man an vielen Stellen solche Machtkonstrukte unterlaufen kann nur in dem man sie einfach nicht anerkennt und nicht eingeschüchtert reagiert – es gibt sie und sie haben auch immer noch Macht. Wer je hilflos vor einem 24-jährigen, gegeelten Kreditberater, Personalchef oder Arge-Fallberater saß, weiß wie es sich anfühlt, wenn das Machtgefälle eben doch greift.

Im Nachhinein – und vielleicht ist das der Grund warum mir so ein Schnipsel eines gestrigen Telefonates so erzählenswert ist – sollten wir aber auch nicht vergessen: Alles was ich bis jetzt beschrieb, all das sind Situationen, wo das bestehende alte System eines ist, was „wir“ vermutlich mit großer Einvernehmlichkeit in Frage stellen. Ob es nun Manager sind, die nicht mit ihren Kindern sprechen können, ehemalige Vorstandsvorsitzende, die noch immer ein Büro brauchen weil sie kein Leben haben oder frühere Lehrer, die sich in ihrer Cholerik gern zum Affen machten – die Rollen „Gut“ und „Böse“ sind klar verteilt und wir alle wissen, wer der böse, aber alte Goliath und wer der junge, freche David ist.

Wir wissen auch, wie gut es sich anfühlt, wie viel Energie es einem selbst gibt, solche Situationen gedreht zu haben – vor allem in einer Gruppe.

Aber die gleichen Methoden funktionieren wenn wir nicht aufpassen auch an anderen Stellen:
Demokratie zum Beispiel ist auch nur ein Konstrukt das lebt, weil alle daran glauben. Die Gepflogenheiten zwischen den politischen Parteien, die Abläufe von Rede und Gegenrede in Parlamenten jeder Größe zum Beispiel basieren auf – teils unausgesprochenem – Konsens und dem gemeinsamen Respekt davor. Auch wenn es uns oftmals alles furchtbar durchritualisiert erscheint – es sind Rituale an die sich alle halten.
Aber wie alle solche Konstrukte ist auch sie fragiler als man denkt – vor allem wenn man nichts anderes kennt und die Haltung hinter den Ritualen verloren gegangen ist (ich möchte noch einmal kurz den namen Seehofer fallen lassen).
Passen wir also nicht auf unsere Demokratie auf, dann kann sie jemand, der sich einfach nicht an die Regeln hält erschreckend leicht aushebeln. Und zum Beispiel amerikanischer Präsident werden. Oder aus dem Stand in alle deutschen Landtage einziehen.

2 Kommentare

  1. Sehr schön beobachtet. Ich habe den ZEIT-Artikel gelesen und mich an die Figur des D-Fens aus “Falling Down” erinnert gefühlt. Der Mann, der ratlos, müde und zunehmend wütender mit seinem – bis auf Butterbrot und Apfel leeren – Aktenkoffer durch die Affenhitze von L.A. stapft, seit Monaten seiner Mutter und Familie vorgaukelt, dass er ins Büro fährt wie immer und letztlich Amok läuft, weil seine Welt nicht mehr da ist, einfach weg, in Luft aufgelöst. Er war mit Sicherheit kein Mächtiger, er war ein Sonderling, ein Loser, entbehrlich und wurde halt wegrationalisiert. Das Zusammenleben funktioniert nach Regeln, und nicht nur Menschen wie er kommen nicht immer gut damit klar, wenn „mitten im Fußballspiel die Torpfosten verstellt werden“, wie es so schön heißt.

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