22.1.2026 – man hört ja nie auf, zu lernen

Gute anderthalb Jahre haben wir nur Energie nach außen gegeben. Hauptsächlich ins Aushalten des Verhaltens anderer (aka „das Unblogbare“) und dann – haha – noch ein bisschen ins Aushalten des Weltgeschehens gesteckt.
Dann war unsere Kraft aufgebraucht, Körper und Geist streckten die Flügel, wir guckten uns neu um und fanden Hilfe in bisher ungesehenen Ideen, ein Teil von uns reaktivierte den Kontakt zur klugen Frau; wir sortierten und gingen los und die Jahresvorsätze vor knapp vier Wochen – Sie ahnen, wie voll die Liste war.
Als alle Pläne festgezurrt waren, alle Entscheidungen dafür getroffen waren, alle Dienstwege geklärt, alle Formulare unterschrieben und eingereicht, alle Termine für wichtige Gespräche verabredet waren, kam der Anruf, dass T. stirbt. Sie hören mich seltenst von unserer Familie sprechen, aber T. fällt in die spärlich gefüllte Kategorie sehr geliebte Verwandtschaft.

Wir lernen: Auch das Sterben eines Menschen ringt einer Behörde, ringt einem Arzt oder einem sozialen Dienst erst einmal nur das übliche betriebsame aber inhaltsleere „nicht zuständig“ ab. Da wird eine einfache Taxifahrt zum Arzt auf einmal ein tagesfüllender Akt mit vielen Telefonaten, weil niemand verantwortlich sein will – dabei ist T. noch weder tot noch geistig umnachtet und äußert einfach einen klaren Wunsch. An dieser Stelle der Krankheit hat allerdings noch niemand zum Arzt gewollt und sobald die klaren Wünsche vom gewohnten Ablauf abweichen, heben alle nur noch hilflos die Hände: Nicht zuständig, können wir gar nicht, wollen Sie das nicht lieber anders machen? Wer zahlt das dann? Ich wiederhole: Es beginnt bei einer verfickten Taxifahrt.
Ohne Zusage eines Hospizes bekommen Sie keine Einweisung ins Hospiz, ohne Einweisungszettel keine Zusage vom Hospiz, bitte dritte Etage, kommen Sie mit Passierschein 132 zurück, aber wir haben nur von elf bis halb zwölf auf. Bitte nicht am Wochenende sterben, da ist niemand hier.

Acht, bestens zwölf Wochen sollen es noch sein – was aber niemanden daran hindert, in vier Monaten eventuell einen Termin möglich machen zu wollen. Ach so. Oh. Leerer Blick.

Auch andere Menschen aus dem Umfeld haben auf einmal ihre eigenen Vorstellungen, wollen noch schnell von Bestattungsideen, Medikamentierungs-Tipps, Besuchszeiten, Testamenten bis zu Essenswünschen alles anzweifeln, besprechen und am besten so ändern, dass es ihnen am besten in den Kram passt. Hospiz? So ein Blödsinn, da kann man ganz schlecht parken.
Ja, ich weiß, die können auch alle nur nicht mit ihrem Emotionen umgehen und channeln das ganz komisch – aber forkin’ shirt, ich hab doch auch gelernt, nicht andere zu beschimpfen, wenn ich mit mir nicht klar komme. Grow fuckin up.

Wir sitzen in all dem Trubel, halten uns aneinander fest und versuchen T.s Wünsche herauszufinden und einfach möglich zu machen. Es ist nicht viel, es ist eigentlich alles möglich.
Wir stellen uns natürlich klaglos hinten an, wenn T. einen Wunsch hat; allein der Umgang mit all der Scheiße drumherum ermüdet etwas arg. Es gibt Momente, da möchte niemand Parkplatzprobleme diskutieren. Naja, offensichtlich fast niemand.

Wir sitzen in all dem Trubel und versuchen, einfach mal einen Moment traurig zu sein.

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