20.10.2018 Wackersdorf

Wir waren mal wieder im Kino gewesen. Falls Sie übrigens im Ruhrgebiet ein nettes Programmkino suchen: Wir empfehlen das das Endstation Kino (auch ohne für diese persönliche Empfehlung beauftragt worden zu sein).

Ohne vorher auch nur einen Hauch einer Ahnung zu haben, worum es in dem Film gehen könnte, haben wir uns dann gestern Wackersdorf angeschaut.
Also: „Ohne Hauch einer Ahnung“ ist relativ, Wackersdorf an sich war klar. Das ist erst einmal so ein Wort aus der Kindheit, das ist deutsche Geschichte. Dann ist das Protest, ein feststehender Begriff wie Startbahn West. Das ist etwas worüber die Parteikollegen meines Vaters schimpften und wo Worte wie „Chaoten“ und „linkes Pack“ fielen. Bei näherem Nachdenken fiel uns auch der Begriff „Wiederaufbereitungsanlage“ wieder ein.
Aber wie und aus welcher Sicht erzählt werden sollte, welcher Teil der Geschichte den Rest tragen würde: Wir hatten keine Ahnung.

Die Geschichte wird erzählt am Beispiel des Landrates Schuierer, der einer ziemlich bankrotte Gemeinde vorsteht. Dann kommt – kurz gefasst – ein Lobbyist vorbei und verkauft ihn in blumigen Worten die vielen Arbeitsplätze für die Gegend, die ihm die WAA schafft, die ihm Franz Josef Strauss vor die Nase bauen will. Der Landrat ist ein einfacher aber nicht dummer Mann, gelernter Maurer, Sozialdemokrat; ein wortkarger Mann – aber einer der sich seine Gedanken macht. Der Film bleibt die ganze Zeit dicht bei ihm, erzählt, wie er sich seine Meinung bildet zwischen Begeisterung über die Chancen für seine Region, den Ängsten seiner Famile und seiner Parteigenossen und auch seinem tiefen Rechtsempfinden, das im Laufe des Planungsprozesses das ein oder andere Mal arg auf die Probe gestellt wird.

Ohne zu spoilern kann ich sagen: Wir wissen heute, dass es keine Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf gibt. Der Film erzählt, wie es fast und dann doch nicht dazu kam – und das tut er gut.
Manchmal fehlen mir im Kino bei Sprachen, die ich nicht so flüssig beherrsche ja die Untertitel und bayrisch beherrsche ich einfach nicht.
Aber vielleicht sogar gerade dieses manchmal unverständliche Gegrantle hat seinen Antil an der Qualität der Erzählung – genau wie die ewigen Zigaretten, die alten Autos, die Eichenholzidyllen in den Wohnzimmern und das sanfte Pfff, wenn sich die luftdichte Bürotür des Landratbüros schließt. Die Atmosphäre stimmt einfach; wer in den Achtzigern schon gelebt hat, erinnert sich und taucht ein.

Meine Meinung über Wackersdorf (als geschichtliches Ereignis, nicht über den Film) ist im Rückblick klar – aber mich würde sehr interessieren, wie ein damaliger Atomkraftbefürworter diese Ereignisse mit dem Blick von heute sieht. Ob er eher sagt: Nun gut, diese Atomkraftgeschichte war vielleicht nicht so die super Idee und es ist gut, dass wir andere Wege suchen – oder ob er immer noch über die Chaoten schimpft, die den Bau der Angabe so furchtbar teuer gemacht haben. Oder anders: Ob die damaligen Kämpfe, die wie alle diese großen Auseinandersetzungen ja haupsächlich mit Macht(erhalt) und wenig mit Fakten zu tun haben, heute wohl nüchterner betrachtet werden könnten.
Aber vermutlich werde ich es nie erfahren.

Apopos Grabenkämpfe: