2.7.2026 – ausgelassen?

Jemand hier im Haus fährt gern shoppen, weil er Spaß an schöner Kleidung hat. Jemand hier im Haus begleitet den anderen gern, zwei hier im Haus haben, wenn sie auch nur ein bisschen mental Luft haben, sehr viel gemeinsame Freude an solchen Unternehmungen, denn ersterer hat beschlossen, dass zweiterer nach dem Konsum von 28.314 Folgen Shopping Queen ein sehr brauchbarer Stilberater ist und mit ebenso klarem „auf keinen Fall“ oder „doch echt, das ist wirklich toll, probier mal an“ den Kleiderschrank aufwertet.
Jemand hier im Haus kann ganz ok gut mit vollen Innenstädten, jemand anders hier im Haus kann das auch, aber nur, wenn die Innenstadt in Dänemark liegt und die Menschen eine soziale Grundstimmung haben und sich gegenseitig Platz lassen.
Zweiteres macht ersteres außerhalb Dänemarks fast immer anstrengend, was schade ist.
Diese Erkenntnis wiederum provoziert dann so Gedankengänge wie „ein Outlet-Center mitten unter der Woche, am besten eher mittags – das müsste doch gut gehen?“ und so fuhren wir nach frühem Schulschluss los.

Jemand hier im Haus hat jetzt zwei neue Kleidungsstücke, jemand anderes eines*. Sehr viel mehr wollen wir nie. Wozu auch? Jemand hier im Haus war gestern Abend sehr müde, jemand anders auch ziemlich. Jemand hier im Haus hat jetzt einen blauen Fleck an der Schulter, weil er einmal ausprobieren wollte, ob die Leute wirklich gar nicht aus dem Weg gehen, wenn er nicht ausweicht. Der selbe jemand hat all seine Daten jetzt einem Shopping-Mall- und Outlet-Center-Konzern geschenkt, weil die Website so beschissen funktionierte, dass er resigniert irgendwann dachte „ach. com, wir müsen uns doch irgendwie orientieren“ und nach der Eingabe aller Daten bis hin zur letzten großen Blutuntersuchung dann lernte, dass die App nur ein Wrapper für die Website ist und dementprechend genauso beschissen funktioniert. Er dachte über die Anwohner nach, als ihn einer davon anpöbelte und ihm ungefragt den Weg ins Center-Parkhaus ins offene Fenster brüllte, während er an der Ladestation in der Nebenstrasse einparkte. Denn natürlich sind acht Millionen Besucher im Jahr für einen Betreiber zwar kein Grund öffentlich ausgeschilderte Ladesäulen anzubieten. Aber für Nachbarn die Hölle und wahrscheinlich würde ich auch schnell jedes auswärtige Kennzeichen dahin schicken.

*) Aber nur weil Protest drauf steht und das passte so gut zur Stimmung

Derjenige hat leider nicht die Gabe unvernetzt zu denken, ist komplett nicht in der Lage, nicht alles in große und kleine Zusammenhänge zu setzen und nach ca einer Stunde, nach Sale-Ballerinas für 519,- und T-Shirts für 129,- in Fenstern ohne Scham, nach unzählbaren „mir doch alles egal, ich geh jetzt hier durch“-beinah-Zusammenstößen, dachte er nur noch darüber nach, wie perfide gut diese ganze Ding gemacht war, wie es zum Beispiel mit seiner generischen kleine-Häuschen-Architektur echtes Leben vorgaukelte, wie es genau so angelegt und geplant war, dass es garantiert nur die gewünschten sozialen Schichten anzog und die anderen abschreckte, wie es Aufenthalt ohne Konsum komplett unterband, obwohl mit Spielgeräten und Bänken öffentlicher Raum vorgegaukelt wurde, wie es bei jedem Blick auch nur einen Millimeter hinter die shiny Oberfläche die gesamte Scheißegalität und blanke Geldgier der Betreiber offenbarte und er sah in die vielen leeren bis hasserfüllten Gesichter um sich herum, wie sie sich stritten, wie sie sich gegenseitig die zu teuren Tüten vorwarfen, wie sie um das richtige Essen genauso stritten wie um den richtigen Sneaker und wie sie dann ihre Karten und Rabattmarken an die Piepser hielten, damit für eine Sekunde die Leere weg war – und er dachte „wie soll man mit Menschen, die das hier gut finden, die Welt noch retten?

Er spach: „Das ist hier exakt die Dystopie meiner Jugend.“ und sie nickte.

Kurz danach war er diese Gedanken wieder los, keine Sorge, da kippte das Ganze dann nämlich in blanke kalte Misanthropie und Phantasien für die er Gefängnis verdient.
Aber er will ja nicht misanthrop sein. Er will es es wirklich nicht, er liebt die Menschen an sich so sehr, er will es nicht und er zerbricht an diesem Widerspruch.

Für zwei hier im Haus war das der letzte Versuch im Outlet-Center.

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3 Kommentare

  1. Oh ja. Vor allem das mit der „sozialen Grundstimmung“ – Einkaufen in Deutschland gehörte zu den Dingen, die ich nur zu gern vermied, vor allem in Supermärkten (und das waren die am schwierigsten vermeidbaren).
    Dänemark kenne ich nicht – aber einkaufen hier in Amman macht durchaus Spaß. Vor allem, weil nicht geschubst wird. Es geht manchmal laut zu, je nach dem, wo man einkauft, aber das macht nichts. Und in den großen Malls ist es meist ruhig, selbst im Food Court kein Gedrängel, auch wenn es voll wird.

  2. Ich habe den Eindruck, ER sollte den Spaß nicht übertreiben. Einmal im Jahr muss reichen. Gibt es denn in Aarhus keine Shopping Möglichkeiten?

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